Fußball

Ex-Manchester-United-Trainer Erik ten Hag über Cristiano Ronaldo: Er ließ das Team im Stich, obwohl wir mit ihm geplant hatten

Kenji Nakamura
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Erik ten Hags schärfste Aussage über Cristiano Ronaldo ist nicht der Vorwurf selbst. Es ist der Satz, der darauf folgt. „Er ließ die Mannschaft im Stich und mich auch, denn wir hatten mit ihm geplant“, sagte der frühere Manchester-United-Trainer gegenüber The Athletic. Dieses „denn“ macht aus einem Vorwurf eine Aussage über die taktische Ausrichtung: Eine Mannschaft war auf einen Stürmer als Fixpunkt zugeschnitten – und dieser Stürmer, so Ten Hags Darstellung, lief in keiner der beiden Spielphasen.

Die meisten Berichte lesen das Interview als späte Abrechnung: Ein entlassener Trainer wärmt einen alten Streit wieder auf. Dabei geht es Ten Hag um etwas anderes: nicht um einen Star, der schmollte, sondern um einen Plan, der darauf angewiesen war, dass ein Spieler ganz bestimmte Aufgaben erfüllte – und darum, was passierte, als diese Arbeit ausblieb.

Der Plan brauchte einen Stürmer, der in den Strafraum kam

Ten Hag sagt, er sei noch vor seinem Amtsantritt nach Portugal geflogen, um Ronaldo zu erklären, was er vorhatte. „Ronnie, alle wollen für dich arbeiten und dich in die richtige Position bringen. Aber wenn du es nicht selbst in den Strafraum schaffst, kannst du nicht treffen“, erinnert er sich an seine Worte. Das habe er ihm „viele Male“ gesagt. Die anderen zehn Spieler arbeiten daran, die Abschlussposition zu schaffen; die Aufgabe des Stürmers ist es, sie zu erreichen.

Ten Hag grenzt genau ab, was er nicht behauptet. „Es ist falsch, mir zu unterstellen, ich hätte erwartet, dass er presst und sich dabei verausgabt“, sagte er. „Aber er konnte es nicht. Er lief weder mit Ball noch ohne Ball. Der Grund war, dass er sich nicht darauf vorbereitet hatte.“ Auf dem Platz ist dieser Unterschied entscheidend. Ein Stürmer, von dem kein Pressing verlangt wird, kann einen Angriff trotzdem tragen: mit Läufen, die Verteidiger binden und für andere Räume öffnen. Bewegt sich ein Stürmer weder mit noch ohne Ball, ist er weder die erste Verteidigungslinie noch die letzte Angriffsoption – und dort, wo der Fixpunkt sein sollte, entsteht eine Lücke.

Das Problem begann auf dem Trainingsplatz

Ten Hag verortet das Scheitern schon vor dem Spieltag. Ronaldo habe Trainingseinheiten abgebrochen und den kompletten Lauf nicht absolviert, den die Mannschaft nach der deutlichen Niederlage bei Brentford zu Beginn seiner Amtszeit absolvieren sollte. Außerdem habe Ronaldo seinen Mitspielern gesagt, sie sollten „sich im Training die Kräfte sparen“. Ten Hag räumt ein, dass an diesem Gedanken etwas dran ist: „Wenn man topfit ist, verstehe ich das – dann gibt es Einheiten, bei denen man Kräfte sparen kann. Aber erst muss man selbst trainieren, um das richtige Fitnessniveau zu erreichen.“

Darum ist sein Vorwurf mehr als eine Anekdote aus der Kabine. Eine Mannschaft, die als Einheit presst, wird unter der Woche geformt. Und wenn eine erfahrene Stimme die Gruppe im Training zum Kräftesparen auffordert, steht das im Widerspruch zur Methode des Trainers – noch bevor der Ball überhaupt rollt.

Eine „rationale Entscheidung“ – und die Tore, die ausblieben

Ten Hag stellt das Ende als Führungsentscheidung dar, nicht als Zusammenprall zweier Egos. „Natürlich ist er einer der besten Fußballer der Geschichte. Ich habe ihn sehr respektiert. Aber damals musste ich als Trainer eine rationale Entscheidung treffen und die Spieler behalten, die ich bewunderte.“ Seine Regel gilt für beide Seiten: „Jede Spitzenmannschaft muss ihren Topspieler einbinden, aber der Topspieler muss für die Mannschaft arbeiten.“

Seine eigene Bilanz der Zeit beim Klub macht den Punkt noch deutlicher. Auf die Frage, was United gefehlt habe, nennt er einen Innenverteidiger, einen zentralen Mittelfeldspieler, „vor allem“ einen Strategen – und schließlich Tore: „Das war in all meinen drei Jahren das größte Problem: die Tore.“ Der Stürmer, mit dem er geplant hatte, erzielte unter ihm drei Tore in 16 Einsätzen, bevor er den Klub noch in jener ersten Saison verließ. In Ten Hags Darstellung waren die fehlenden Tore und die fehlenden Läufe ein und dasselbe Problem.

In dieser Geschichte sagen alle, ein Versprechen sei gebrochen worden

Das Interview enthält einen zweiten Vorwurf mit ähnlicher Struktur. Ten Hag sagt, die Eigentümer von United hätten ihm bei der Unterzeichnung seines neuen Vertrags Loyalität, Rückendeckung und Kommunikation versprochen. „Aber sie haben ihre Versprechen nicht gehalten“, sagte er. Als Beispiel nannte er den Verkauf von Scott McTominay an Napoli gegen seinen ausdrücklichen Widerstand: „Das war natürlich sehr peinlich und enttäuschend für mich.“ Im Oktober 2024 wurde er entlassen – Monate nach dem Gewinn des FA Cup.

Ronaldo schilderte damals die andere Seite ihrer Geschichte. Nachdem er sich im Oktober 2022 geweigert hatte, im Spiel gegen Tottenham eingewechselt zu werden, fehlte er drei Tage später im nächsten Spiel gegen Chelsea. In einem Fernsehinterview im November sagte er, er fühle sich vom Klub „betrogen“, respektiere Ten Hag nicht und werde zum Abschied gedrängt. Noch im selben Monat wurde sein Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst.

Ronaldo und die Bank, vier Jahre später

Der Zeitpunkt verleiht dem Interview zusätzliche Schärfe. Es erscheint kurz nachdem der portugiesische Fußballverband Ronaldo, inzwischen 41, wegen seines Verlassens des Trainingslagers der Nationalmannschaft im vergangenen Monat mit einer 30-tägigen Sperre und einer Geldstrafe von 255 Euro belegt hat. Auslöser war nach seiner eigenen Darstellung in einem Brief eine Reservistenrolle: Trainer Jorge Jesus sagte ihm, er werde gegen Norwegen eingewechselt. Ronaldo wärmte sich an der Seitenlinie auf, kam aber nie ins Spiel. Jesus habe, so Ronaldo, „sein Wort gebrochen“.

Zwei Trainer, zwei Länder, vier Jahre Abstand – und beide Brüche drehten sich um die Ersatzbank. Ronaldo beschreibt beide Fälle als Wortbruch des Trainers. Ten Hag schildert seinen Fall als einen Spieler, der den Plan durchkreuzte. Portugal gewann die Spiele, in denen Ronaldo fehlte oder nicht zum Einsatz kam; Gonçalo Ramos erzielte an seiner Stelle drei Tore.

Damit steht jeder Trainer, der Ronaldo mit 41 übernimmt, vor der Frage, die Ten Hag in Old Trafford beantwortete: ob man überhaupt mit ihm planen sollte.

Schlagwörter: , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.