Fußball

WM 2026, Gruppe H: Spanien Favorit — Bielsas Uruguay kämpft um Platz zwei

Jack T. Taylor

Spanien reist als Titelverteidiger der Europameisterschaft in die USA und bringt das überzeugendste System des Turniers mit. Luis de la Fuentes Mannschaft ist technisch makellos, taktisch ausgereift und in der Lage, einen Gegner neunzig Minuten lang kontrolliert zuzuspielen, ohne in Hektik zu verfallen. Gruppe H sollte das bestätigen. Die eigentlich interessante Frage lautet: Wer hat das System, die Nerven und die Form, um mit ihnen die K.o.-Runde zu erreichen?

Marcelo Bielsas Uruguay ist die überzeugendste Antwort in dieser Gruppe. Saudi-Arabien trägt das Lusail-Bild mit sich — den Moment, als sie Argentinien schlugen — kommt aber mit einem neuen Trainer, der seit sieben Wochen im Amt ist, nachdem Hervé Renard entlassen wurde. Kap Verde gibt sein historisches WM-Debüt, ungeschlagen in der afrikanischen Qualifikation. Spaniens Platz eins steht außer Frage. Der zweite Platz entscheidet, wie Gruppe H in Erinnerung bleibt.

Spanien — Kontrolle ohne Glanz

De la Fuentes Kader fällt durch eine Auffälligkeit auf: kein einziger Real-Madrid-Spieler. Álvaro Morata, der den EM-Pokal stemme, fehlt. Dani Carvajal, jahrelang gesetzt auf der rechten Abwehrseite, ist ebenso nicht dabei. Was bleibt, ist jünger, kompakter und um das Ausnahmetalent Lamine Yamal herum aufgebaut, der die EM-2024-Endrunde bereits als 17-Jähriger dominierte und seitdem nicht langsamer geworden ist.

Das System ist Spaniens System: Rodri auf der Doppelsechs, Pedri und Fabián Ruiz als Raumsucher, Yamal und Nico Williams als Flügelläufer, die die Abwehr in die Breite ziehen, ehe das Mittelfeld durch die Mitte zuschlägt. Gavis Rückkehr aus der Verletzung verleiht dem Kader eine emotionale Komponente. Dani Olmo bringt kreative Lösungen, wenn Blöcke sich engstellen. Pau Cubarsi — 19 Jahre alt, gelassen wie ein Routinier — führt die jüngste spanische Abwehrlinie seit Jahren an.

Was diese Mannschaft braucht, ist keine Inspiration. Es ist Beständigkeit über drei Spiele in elf Tagen: Atlanta, wieder Atlanta, dann Guadalajara, wo am letzten Spieltag Uruguay wartet. Mexikos Hitze und Höhenlage begünstigen keine europäischen Ballbesitzteams. Spanien weiß das. Spanien weiß auch, dass kein Team in diesem Turnier geduldiger Druck aufbaut als sie.

Uruguay — Bielsas Wette und die Darwin-Frage

Ein Fakt über Darwin Núñez taucht in keiner Simulation auf, die Uruguay eine 84-prozentige Wahrscheinlichkeit für das Achtelfinale zuschreibt: Er hat seit Februar kein Pflichtspiel bestritten. Al-Hilal ordnete seinen Ausländerkader neu, um Karim Benzema aufzunehmen, und Núñez verlor seinen Platz. Monatelang Training ohne Wettkampfrhythmus. Gegen Gegner, die ihre Ligasaison vollständig absolviert haben, fällt dieser Unterschied ins Gewicht.

Bielsas Fußball verbirgt diese Art von Abwesenheit nicht — er verstärkt sie. Sein Gegenpressing-System verlangt Stürmer, die Läufe in die Tiefe machen, Bälle unter Druck behaupten und mit dem Timing ins Strafraum eintauchen, das nur regelmäßige Wettkampfpraxis schärft. Núñez‘ Qualität steht nicht in Frage. Seine Beine schon.

Uruguays Antwort heißt Federico Valverde. Der Real-Madrid-Mittelfeldspieler ist der kompletteste südamerikanische Spieler auf Vereinsebene: ein Box-to-Box-Motor, der jeden Zentimeter des Platzes abdeckt und den entscheidenden Pass im entscheidenden Moment liefert. Rodrigo Bentancur und Manuel Ugarte sichern das industrielle Mittelfeldfundament. Ronald Araujo gibt Bielsa — wenn er fit ist — einen Innenverteidiger mit defensiver Waffenwirkung. Giorgian De Arrascaeta, nach einem Muskelfaserriss in Rehabilitation, peilt eine Rückkehr noch in der Gruppenphase an.

Der Verzicht auf Luis Suárez — zum ersten Mal seit Südafrika fehlt er einem WM-Kader — nimmt Uruguay die emotionale Stütze einer Dekade. Was er nicht nimmt, ist die Garra, der Kampfgeist, den Bielsa zwei Jahre lang in diese Mannschaft eingearbeitet hat. Uruguay bezwang Brasilien in der Qualifikation. Die Argumente für Platz zwei sind vorhanden. Die Frage ist, ob die Schlüsselspieler rechtzeitig in Topform sind.

Saudi-Arabien — sieben Wochen, neuer Trainer, Al-Dawsari

Renards Entlassung wenige Wochen vor einer Weltmeisterschaft gehört zu den destabilisierendsten Personalentscheidungen, die ein qualifiziertes Land in jüngster Turniergeschichte getroffen hat. Die Niederlagen, die dazu führten — 0:4 gegen Ägypten, 1:2 gegen Serbien — ließen ein Team in echter Auflösung erkennen. Georgios Donis übernahm am 24. April mit sieben Wochen Vorlauf und einem ihm weitgehend unbekannten Kader.

Das Aufgebot besteht fast ausschließlich aus Spielern der Roshn Saudi League; Saud Abdulhamid vom RC Lens ist die einzige europäisch geprägte Ausnahme. Salem Al-Dawsari — Torschütze gegen Argentinien in Lusail — ist 32 und führt mit der Erfahrung dreier Weltmeisterschaften. Al-Dawsari kann ein Spiel in einer einzigen Aktion entscheiden. Ob Donis die Struktur darum herum in der verfügbaren Zeit aufgebaut hat, bleibt die offene Frage bis zum Anpfiff in Miami am 15. Juni.

Kap Verde — das historische Debüt

Sieben gescheiterte Qualifikationsversuche. Am 13. Oktober 2025 beendete Bubistas Kap Verde diese Serie mit einem 3:0-Sieg gegen Swasiland. Acht Siege, zwei Unentschieden, keine Niederlage in der CAF-Qualifikation — kein Befund, der nach Lückenbüßer klingt.

Der Kader stützt sich auf die Diaspora-Generation: in Frankreich, Portugal, den Niederlanden und Irland ausgebildete Spieler mit europäischer Kluberfahrung. Kapitän Ryan Mendes — 36 Jahre, Rekordtorschütze — ist der emotionale Anker. Logan Costa von Villarreal ist das bekannteste europäische Klubtalent. Das letzte Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien in Houston bietet eine konkrete Chance für etwas Greifbares.

Guadalajara entscheidet

Gruppe H gehört Spanien. Platz zwei gehört Uruguay — es sei denn, Núñez kommt nicht in Form, Bielsas System kann das nicht kompensieren, und Saudi-Arabien findet ausgerechnet zum richtigen Zeitpunkt das richtige Niveau. Wenig wahrscheinlich. Aber Guadalajara, am 26. Juni, in der mexikanischen Mittagshitze, wird genau zeigen, wie viel Kontrolle diese Spanien-Version ausübt — und wie sehr sich Bielsas Uruguay dagegenstemmt.

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