Cybersicherheit

Apple warnt in 99 Ländern vor Spyware, das BSI rät, das iPhone als gehackt anzusehen

Adrian Kessler
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Apple hat erneut seine seltenste und schwerwiegendste iPhone-Warnung verschickt: die Apple Threat Notification. Sie ging an Menschen in fast hundert Ländern. Die Mitteilung erscheint auf dem Sperrbildschirm und in den Einstellungen mit einer unmissverständlichen Botschaft: Apple habe einen Angriff mit kommerzieller Spionagesoftware entdeckt, der gezielt auf das iPhone der betreffenden Person gerichtet sei. Deutschlands Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) geht nun weiter als Apple es üblicherweise tut und rät den Empfängern, ihre Telefone als möglicherweise kompromittiert zu behandeln.

Für die meisten Menschen bedeutet das vor allem Entwarnung – verbunden mit einer Liste konkreter Maßnahmen. Apple zufolge wird die große Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer niemals mit dieser Art von Angriff konfrontiert sein. Die Entwicklung solcher Spionagesoftware kostet Millionen, und sie wird gezielt gegen eine kleine Zahl von Menschen eingesetzt – wegen ihrer Stellung oder ihrer Tätigkeit. Wer beruflich mit Macht, Geld oder einer Redaktion zu tun hat, erhält nun von einer nationalen Sicherheitsbehörde klare Handlungsempfehlungen für den Moment, in dem das rote Warndreieck erscheint.

Apples Mitteilung, die Empfänger öffentlich geteilt haben, besagt, dass diese Warnrunde an gezielt ausgewählte Nutzer in 99 Ländern ging. Das BSI erklärte, mehrere Mitglieder des Bundestags und weitere Personen des öffentlichen Lebens hätten die Warnung erhalten. Digitalminister Karsten Wildberger bestätigte im deutschen Fernsehen, dass auch Mitglieder der Bundesregierung gewarnt worden seien. Regierungssprecher Stefan Kornelius sagte der Financial Times, Berlin nehme „den Vorfall und die Warnung sehr ernst“, ohne zu nennen, wer ins Visier geraten war.

Auch Journalistinnen und Journalisten machten die Warnung öffentlich. Ragıp Soylu, Türkei-Korrespondent und Büroleiter von Middle East Eye, veröffentlichte seinen Hinweis auf X und erklärte, es sei bereits die dritte Warnung in diesem Jahr. Radwan Mortada, ein in Beirut ansässiger investigativer Journalist und Dokumentarfilmer, der nach eigenen Angaben bereits zweimal von der Pegasus-Spionagesoftware der NSO Group ins Visier genommen wurde, teilte eine Mitteilung, in der Apple von einem „weiteren Angriff auf Ihr Gerät“ sprach.

Der Grund für die Alarmstimmung liegt darin, was diese Software nach einer Infektion anrichten kann. Nach Angaben des BSI kann kommerzielle Spionagesoftware Nachrichten mitlesen – auch in verschlüsselten Apps – und auf Anrufe, Kontakte, Kalender und Standortdaten zugreifen. Außerdem kann sie Kamera und Mikrofon einschalten. In bekannten Fällen gelangt sie über sogenannte Zero-Click-Exploits auf ein Gerät, für die das Opfer nicht einmal tippen muss. Die Financial Times berichtete, dass den Angreifern in dieser Runde kaum mehr als die Telefonnummer eines Ziels genügt habe.

Die Empfehlungen des BSI sind ungewöhnlich konkret. Aktualisieren Sie Ihr iPhone sofort – es sei denn, Sie wollen es zuerst forensisch untersuchen lassen. Aktivieren Sie den Blockierungsmodus und lassen Sie ihn eingeschaltet, auch auf einem Ersatzgerät. Wenn das Risiko hoch erscheint, besorgen Sie sich ein neues Gerät, setzen Sie alle Konten zurück, die auf dem alten Telefon genutzt wurden, und ändern Sie die Telefonnummer. Richten Sie anschließend einen neuen Gerätecode, neue Passwörter für Ihren Apple Account und Ihr E-Mail-Konto sowie die Zwei-Faktor-Authentifizierung ein. Das BSI empfiehlt außerdem die Registrierungssperre von Signal und die Verifizierung in zwei Schritten bei WhatsApp mit neuen PINs. Entfernen Sie zudem alle verknüpften Geräte, die Sie nicht kennen.

All das verrät den Empfängern nicht, was tatsächlich passiert ist. Apple nennt weder die Angreifer noch teilt das Unternehmen mit, ob ein Angriff erfolgreich war. Das BSI erklärt, ihm sei nicht bekannt, ob die Warnungen auf tatsächliche Kompromittierungen oder lediglich auf Angriffsversuche zurückgehen. Der Sicherheitsforscher Costin Raiu sagte The Record, er habe die Mitteilungen mehrerer Betroffener geprüft und in den Protokollen keine Hinweise auf eine Kompromittierung gefunden, anhand derer sich die Verantwortlichen hätten identifizieren lassen. Der Blockierungsmodus hat zudem seinen Preis: Er blockiert die meisten Nachrichtenanhänge, Linkvorschauen und FaceTime-Anrufe von unbekannten Personen – für manche Nutzer eine zu große Einschränkung, um ihn dauerhaft aktiviert zu lassen. Auch die Warnung selbst können Betrüger nachahmen. Apple betont, dass eine echte Mitteilung niemals dazu auffordert, auf Links zu klicken, Dateien zu öffnen, Apps oder Profile zu installieren oder ein Passwort beziehungsweise einen Code weiterzugeben. Sicher prüfen lässt sich die Warnung über die Anmeldung auf account.apple.com: Eine echte Mitteilung erscheint dort als Banner am oberen Seitenrand.

Welche Unterstützung verfügbar ist, hängt davon ab, wo man lebt. Die Meldestelle des BSI ist für Menschen in Deutschland zuständig. In anderen Ländern verweist Apple die Empfänger an die Digital Security Helpline der gemeinnützigen Organisation Access Now, die rund um die Uhr erreichbar ist. Zugleich erinnert Apple alle anderen daran, dass die üblichen Sicherheitsmaßnahmen weiterhin wichtig sind: aktuelle Software, ein starkes Gerätepasswort, Zwei-Faktor-Authentifizierung und – wo verfügbar – Passkeys.

Die Mitteilungen gingen ab dem 29. Oktober auf iPhones ein; das BSI schrieb den Bundestagsmitgliedern am folgenden Tag. Raiu machte am 30. Oktober auf die Warnwelle aufmerksam und erklärte, sie sei von Apples Warnrunde im August getrennt zu betrachten und stehe im Zusammenhang mit neuen Angriffen. Seit 2021 verschickt Apple diese Warnungen mehrmals im Jahr und hat nach eigenen Angaben inzwischen Nutzerinnen und Nutzer in mehr als 150 Ländern benachrichtigt. Zu den Fällen in Deutschland hat sich Apple nicht geäußert. Das BSI sammelt Meldungen von Empfängern, um zu ermitteln, wie viele Geräte in Deutschland betroffen waren. Weder die Behörde noch Apple haben mitgeteilt, ob weitere Einzelheiten folgen werden.

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