Wirtschaft und Finanzen

Intel floh aus Magdeburg. Northvolt ging pleite. Europa zahlt trotzdem Milliarden für strategische Autonomie

Victor Maslow

Als Europa 2020 keine eigenen Schutzmasken beschaffen konnte und russische Gasleitungen nach der Invasion der Ukraine versiegen, wurde eine Frage politisch unausweichlich: Welche Industrien hatten europäische Regierungen still und leise abgegeben — und zu welchem Preis?

Die Antwort der EU trägt einen bewusst vorsichtig formulierten Namen: offene strategische Autonomie. Geprägt um 2017 und von Ursula von der Leyens zweiter Kommission zum Leitprinzip erhoben, zieht die Doktrin eine Linie, die der Block lange gemieden hatte: „so offen wie möglich, so autonom wie nötig.“

Die Maßnahmen laufen auf drei Fronten. Das Europäische Chips-Gesetz soll den EU-Anteil an der globalen Halbleiterproduktion bis 2030 auf 20 Prozent verdoppeln. Das Gesetz über kritische Rohstoffe, im März 2024 verabschiedet, verpflichtet die EU, mindestens 10 Prozent ihres Bedarfs an Lithium, Kobalt und Seltenen Erden selbst zu fördern und mindestens 40 Prozent zu verarbeiten. ReArm Europe, im März 2025 gestartet, stellt 800 Milliarden Euro für eine Verteidigungsindustrie bereit, die drei Jahrzehnte lang geschrumpft ist.

Die Pharmalieferkette zeigt, wie rasch strategische Abhängigkeit entsteht — und wie langsam sie sich umkehren lässt. MCMs Bericht über Sandoz‘ Versuch, die Antibiotika-Produktion nach Europa zurückzuholen, dokumentiert ein Muster, das sich jetzt bei Halbleitern, Batterien und Rechenkapazität wiederholt; Europas Supercomputer JUPITER ist ebenso ein Souveränitätsprojekt wie ein wissenschaftliches Unterfangen.

Mario Draghis Wettbewerbsbericht vom September 2024 bezifferte die Lücke: Um eigene Industrie-, Klima- und Verteidigungsziele zu erfüllen, müsste die EU eine jährliche Investitionslücke von 750 bis 800 Milliarden Euro schließen — etwa 4 bis 5 Prozent des BIP. Kein EU-Haushalt ist dafür ausgelegt.

Die bisherigen Ergebnisse sind gemischt. TSMCs Chip-Werk in Dresden entsteht. Intel hingegen zog sich aus Magdeburg zurück, obwohl Deutschland 11 Milliarden Euro Subventionen bereitgestellt hatte — die Wirtschaftlichkeit ließ sich nicht herstellen. Northvolt, der schwedische Batteriezellenhersteller, der Europas Energiewende absichern sollte, meldete im November 2024 Insolvenz an. China liefert 87 Prozent der Batterien, die die EU heute kauft.

Kritiker — darunter EU-eigene Ökonomen — weisen darauf hin, dass mehrere Instrumente der strategischen Autonomie mit WTO-Verpflichtungen kollidieren. In Washington gilt der Begriff inzwischen als Umschreibung für europäischen Protektionismus.

Die Grundlogik lässt sich kaum bestreiten. Europas Fähigkeit, KI-Regeln zu setzen, Klimastandards durchzusetzen und Handelsverhandlungen aus einer Position der Stärke zu führen, hängt davon ab, ob der Block tatsächlich die Lieferketten und die Industriekapazität kontrolliert, die diese Positionen erfordern. Strategische Autonomie ist das Argument der EU, dass Souveränität im 21. Jahrhundert vor allem eine industriepolitische Frage ist.

Der erste echte Test kommt 2026, wenn das TSMC-Werk in Dresden den Betrieb aufnimmt und die zweite Förderrunde des Gesetzes über kritische Rohstoffe ihre Entscheidungen liefert.

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