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Devil May Cry S2 (Netflix): ein Sparda trauert, einer wird zur Waffe

Jun Satō

Manchen Trauerfall darf nur ein Bruder durchleben. Die zweite Staffel von Devil May Cry öffnet mit einem Zwilling, den man ein halbes Leben lang betrauert hatte und der nun als feindlicher Befehlshaber zurück ins Geschehen tritt — die Serie behandelt diese Rückkehr nicht als Plot-Twist, sondern als Wunde, die alle acht Folgen zu versorgen versuchen. Der Cambion, der eigentlich tot sein sollte, ist am Leben, organisiert und kämpft auf der falschen Seite des Kriegs zwischen Menschen und Dämonen. Was Studio Mir über die Staffel hinweg belegt: Die Wunde begann nicht mit Vergils Wiederauftauchen. Sie begann in der Nacht, in der man die Brüder voneinander trennte — und nur einer von ihnen die Erlaubnis bekam, sie zu betrauern.

Adi Shankars Bootleg Multiverse — das verbundene Animationsuniversum aus Castlevania, Castlevania: Nocturne, Captain Laserhawk und nun Devil May Cry — verteidigt seit fast zehn Jahren dieselbe These, nur immer durch ein anderes Genre hindurch. Eine Videospieladaption funktioniert nicht durch Werktreue zum Spiel; sie funktioniert dann, wenn die Drehbuchautoren entscheiden, welche Bestandteile der Quellmythologie auch außerhalb der Spielregeln Gewicht tragen können — und welche zu verwerfen sind, damit das Schreiben atmen kann. Staffel 2 entscheidet sich für ein Element vor allen anderen: die Sparda-Zwillinge, beide Dämonenjäger qua Erbe, getrennt durch etwas, das keiner von beiden gewählt hat. Der Rest wird Gerüst. Die Missionsstruktur des Spiels verschwindet. Das Devil-Arms-System verschwindet. Der S-Style-Meter verschwindet. Was bleibt, ist die Familie.

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Zwei Körper im Spiegel, zwei Überlebensdisziplinen

Den klarsten Beweis dafür, dass die Action nicht das Thema ist, liefert Studio Mirs Arbeit an den Körpern der beiden Brüder. Das Studio aus Seoul — dasselbe, das mit Arcane nachgewiesen hat, wozu koreanische Charakteranimation in der Lage ist, wenn man ihr ernsthafte Figurenarbeit anvertraut — überträgt diese Linienökonomie nun auf zwei Cambion-Körper, die sich ein Gesicht teilen und sich in gespiegelten, asymmetrischen Bewegungsvokabularen bewegen. Dantes Choreografie ist auf Unterbrechung gebaut: ein Hieb mit Rebellion, der zögert, ein Schuss, der einen Takt zu spät landet, ein Devil Trigger, der ihn sichtbar etwas kostet. Vergils Choreografie ist auf Beherrschung gebaut: jeder Schnitt mit Yamato wird zu Ende geführt, jeder Schritt geschlossen, jede Bewegung impliziert eine Disziplin, die ihm jemand antrainiert hat — von etwas, das die Kamera bisher nicht benennt. Die beiden Brüder kämpfen nicht nur unterschiedlich. Sie wurden in unterschiedliche körperliche Argumente darüber hineingebaut, was ihr Überleben verlangte — denn das Überleben war nicht dasselbe.

DARKCOM und das Institutionenversagen, das System ist

Der institutionelle Antagonist verankert die Staffel in der Gegenwart. DARKCOM, der Handlungsstrang um Vizepräsident Baines, der Verwaltungsapparat, der entscheidet, welche Bedrohungen ihm nutzen und welche ihn stören: Nichts davon ist Beiwerk. Es ist dieselbe Architektur, die Castlevania in seinen späten Staffeln entfaltete und die Captain Laserhawk ins Satirische treibt — die politische Grundkonstruktion des Bootleg Multiverse von Anfang an. Marys Verrat an Dante am Ende der ersten Staffel — ihn in Sicherheit wiegen, dann an eine Kryokammer von DARKCOM ausliefern, weil sein Blut „zu gefährlich ist, als dass es frei zirkulieren dürfte“ — lässt sich nicht als persönliches Versagen lesen. Wie die Inszenierung zeigt, handelt es sich um ein System, das exakt so funktioniert, wie es soll. Mary verrät Dante nicht als Freundin; sie agiert als Ausführende einer Institution, die längst entschieden hat, welcher Sparda-Zwilling akzeptabel ist und welcher zu autonom, um ihn aufrecht stehen zu lassen. Genau hier sagt Staffel 2 etwas, das über ihr Genre hinausreicht: Was die Serie zutage fördert, ist die Mechanik, mit der ein Staatsapparat menschliche Erbschaften nach Brauchbarkeit sortiert — eine Mechanik, deren strukturelle Vertrautheit dem deutschen Publikum nach Jahrzehnten institutioneller Aufarbeitungen alles andere als fremd ist.

Die Silhouette als These

Die technische Handschrift, die Devil May Cry von vergleichbaren Serien unterscheidet, liegt in dem, was Studio Mir bewusst nicht tut. Das Studio hätte ohne weiteres die Mittel, Dante als geschmeidigen Anime-Protagonisten zu animieren; es entscheidet sich aktiv dagegen. Dantes Kampfanimation behält die Silhouettenlogik der Spiele bei — jenen Umriss, an dem man ihn erkennt, bevor man überhaupt ein Gesicht sieht — und diese Entscheidung ist weniger Werktreue als Handwerksdisziplin: Was Identität trägt, bleibt; was sie nicht trägt, fällt weg. Vergils Silhouette ist im Gegensatz dazu konstruiert: vertikaler, geschlossener, mit weniger Luft um den Körper. Die beiden Silhouetten sind ein Argument, bevor sie ein Duell sind.

Shankars Musikentscheidungen funktionieren nach derselben Logik. „Rollin'“ von Limp Bizkit als Titelthema der ersten Staffel war kein nostalgischer Verweis, sondern eine These darüber, an wen sich dieser Dante richtet: jene Millennial-Generation, die mit dem Nu-Metal der frühen 2000er groß geworden ist — exakt das Publikum, das 2005 Devil May Cry 3 spielte. „Afterlife“ von Evanescence im Inneren der Serie verlängert diese Registerbeanspruchung. Die lizenzierten Songs sagen den Zuschauenden, in welchem Tonfall die Serie operiert, bevor irgendeine Figur dazu Stellung nehmen muss.

DMC Season 2 - Netflix
Devil May Cry S2. Robbie Daymond as Vergil in Devil May Cry S2. Cr. Courtesy of Netflix © 2026

Was die Choreografie nicht entscheiden kann

Was Staffel 2 offenlässt, egal wie viele Verweise sie stapelt — Hongkonger Wuxia-Bildsprache in einer Bar-Schlägerei, Raid-artige taktische Geometrie in einer Korridorsequenz —, ist diese Frage: Wenn dieselbe Kindheit den Jäger und den Befehlshaber hervorgebracht hat, den geretteten Zwilling und den rekrutierten — dann ist die Choreografie nicht das Urteil. Sie ist nur die Quittung einer Aufteilung, die die beiden Brüder nicht untereinander ausgehandelt haben.

Devil May Cry Staffel 2 erscheint auf Netflix am Dienstag, dem 12. Mai, alle acht Folgen ab Mitternacht Pazifischer Zeit. Adi Shankar kehrt als Schöpfer und Showrunner zurück. Studio Mir produziert und animiert. Johnny Yong Bosch übernimmt erneut Dante, Robbie Daymond stößt als Vergil hinzu, Scout Taylor-Compton bleibt Mary, und Hoon Lee kehrt als White Rabbit zurück. Netflix hat bereits eine dritte Staffel grünes Licht gegeben — vor der Ausstrahlung der zweiten: das bisher klarste Signal, dass das Bootleg Multiverse als Langstreckenfranchise gebaut wird, nicht mehr Staffel für Staffel.

Die erste Staffel bleibt zur Einordnung auf Netflix verfügbar. Neue Zuschauerinnen und Zuschauer können direkt mit Staffel 2 einsteigen; die Serie hat nie verlangt, die Capcom-Spiele zu kennen, aus deren Mythologie sie sich bedient.

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