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USA 94: Brasiliens Rückkehr an die Spitze — auf Netflix die Heim-Videos der Elf, die das Land siegen sah und trotzdem auspfiff

Jack T. Taylor

Das Bild hat das milchige Korn eines Camcorders, den jemand halt, der kein Kameramann ist. Ein Hotelflur irgendwo in den USA, eine Reihe gleicher Turen, Spieler in Badelatschen, wahrend eine Stimme aus dem Off sie auf Portugiesisch aufzieht. Die Farben tragen jene leicht ausgebleichte Warme, die das Videoband der neunziger Jahre allem gab. So sieht das Innere von Brasiliens vierter Weltmeisterschaft aus, wenn die Kamera der Mannschaft gehort und nicht dem Fernsehen.

Aus solchen Bandern baut Netflix seine ganze Erzahlung des Titels von 1994. Torhuter Gilmar Rinaldi und Rechtsverteidiger Jorginho trugen ihre Camcorder durch das gesamte Turnier und filmten, was kein Ubertragungsteam erreichte: die Kabine, den Bus, die lange Langeweile der Tage zwischen den Spielen. Der Kader, den sie filmten, hatte gerade eine Wartezeit von vierundzwanzig Jahren beendet, die langste Durststrecke Brasiliens, seit die Trophae bestimmt, wie sich das Land betrachtet. Und es war zugleich die umstrittenste Elf, die die Seleção je irgendwohin geschickt hatte.

Genau diese Reibung lasst der Film nicht los. Das Brasilien von Carlos Alberto Parreira gewann durch Organisation, nicht durch Verzauberung. Es verteidigte mit vielen Mannern, stutzte sich auf den harten Pragmatismus von Kapitan Dunga und verlangte von Romario, die wenigen Chancen zu nutzen, die das System herstellte. Daheim galt das nicht als Grund zum Feiern, sondern fast als Verrat. Die brasilianischen Range waren mit dem jogo bonito aufgewachsen, der Uberzeugung, ihre Auswahl existiere, um schon zu spielen, und sahen eine Mannschaft, die spielte, um zu gewinnen. Sie fanden einen Namen dafur, futebol de resultados, und meinten ihn als Beleidigung.

Der Schatten jeder brasilianischen Fussballdebatte ist stets 1970, Peles Team, der Massstab, an dem alle anderen gemessen werden und den keine erreicht. Das romantische Gegenbeispiel ist 1982, Tele Santanas wunderbare Elf, die den bewundertsten Fussball ihrer Generation spielte und nichts gewann. Der Jahrgang 1994 landete auf der unbequemen Seite dieses Streits: Er hatte die Medaille, nicht die Zuneigung.

Was die Kassetten zuruckholen, ist genau der Teil, den das offentliche Urteil ubermalt hatte. Nicht die Taktik, sondern die Textur. Bebeto, der vor Rinaldis Kamera den Clown gibt, Branco und Rai hinten im Bus, Romario, der jeden in Reichweite aufzieht. Das Heimvideo behauptet nicht, die Mannschaft sei auf dem Platz schon gewesen. Es behauptet etwas Engeres und schwerer Abzutuendes: dass diese Mannschaft lebendig, komisch, angstlich und eng verbunden war, was auch immer die Tribunen uber ihren Stil entschieden hatten.

Das Turnier liefert die Momente, die kein Heimvideo inszenieren konnte. Romario trug den Angriff durch einen brutalen amerikanischen Sommer. Bebeto beantwortete die Geburt seines Sohnes mit dem Wiegen eines unsichtbaren Babys, eine Geste so warm, dass sie zum kalten Ruf der Mannschaft nicht passen will. Und das Finale gegen Italien endete dort, wo kein Brasilianer eine Weltmeisterschaft enden sehen will, im Elfmeterschiessen, als Roberto Baggio seinen Schuss uber die Latte setzte. Selbst der Triumph kam ohne Anmut: Der vierte Stern wurde im Schiessen gewonnen.

Das ist die Frage, die der Film offen lasst und klug genug ist, nicht zu schliessen. Ein Brasilien, das gewinnt, ohne schon zu spielen, behalt den Stern auf dem Trikot, aber behalt es auch das, wofur der Stern stehen sollte. Die Elf von 1994 beantwortete die einzige Frage, die eine Weltmeisterschaft offiziell stellt. Die Frage, die dem Land wirklich am Herzen lag, loste sie nie.

USA 94: Brasiliens Rückkehr an die Spitze wurde von Luis Ara fur das brasilianische Studio Trailer Films inszeniert, geschrieben und produziert und kommt als Teil von Netflix‘ Dokumentarreihe im Vorlauf zur nachsten Weltmeisterschaft heraus. Neben den Bandern von Rinaldi und Jorginho versammelt der Film aktuelle Interviews mit Romario, Bebeto, Dunga, Branco, Rai, Zinho, Marcio Santos und Viola, und er lauft auf Portugiesisch, der Sprache, in der die Spieler sich in diesen Fluren aufziehen, drei Jahrzehnte bevor jemand ausserhalb des Mannschaftsbusses zusehen durfte.

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