Filmkritiken

Der Tränenmacher berührt als Waisenromanze, erstickt aber am Ende unter zu vielen Schicksalsschlägen

Alessandro Genovesis Netflix-Verfilmung (2024) von Erin Dooms Roman, mit Caterina Ferioli und Simone Baldasseroni.
Martha O'Hara
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Der Film beginnt mit einem Kind. Die achtjährige Nica verliert ihre Eltern bei einem Autounfall und kommt ins Waisenhaus Sunnycreek. Jahre später wird sie als Teenagerin von Anna und Norman Milligan adoptiert, die gleichzeitig Rigel aufnehmen, einen verschlossenen Jungen und den Liebling der Heimleiterin Margaret. Der Tränenmacher von Alessandro Genovesi beruht auf dem Roman von Erin Doom und will zugleich Drama über Kindesmisshandlung und Teenager-Romanze sein. Beides geht nicht immer zusammen.

Der Ausgangspunkt trägt trotzdem. Im Haus der Milligans begegnet Rigel Nica feindselig, und warum, erzählen Rückblenden. In Sunnycreek wurden alle Kinder außer Rigel von Margaret körperlich und seelisch misshandelt. Anfangs setzt Genovesi diese Rückblenden sparsam ein, später häufen sie sich so, dass sie den Fluss der Geschichte eher stören als klären. Eine bleibt dennoch haften: Nica soll bestraft werden, und Rigel schneidet sich in die Hand, um Margaret abzulenken. Die Geste sagt über die beiden mehr als jedes Gespräch.

YouTube Video

Simone Baldasseroni spielt Rigels aufgestaute Wut zurückhaltend, und gerade deshalb wird die Figur nicht zum gängigen schwierigen Jungen, den nur ein Mädchen zähmen kann. Caterina Ferioli gibt Nica eine Verletzlichkeit, die nie ins Jammern kippt. Die beiden tragen den Film, selbst wenn das Drehbuch ihnen Sätze in den Mund legt, die zu sehr nach Drehbuch klingen. Rigel erklärt Nica etwa, er sei zu kaputt für sie und sie verdiene einen normalen Freund. Das passt in ein Serienfinale, nicht in ein Gespräch zwischen Jugendlichen.

Dann reiht der Film die erwartbaren Stationen aneinander. Beim Garden Day, an dem man sich anonym Rosen schenkt, bekommt Nica eine schwarze Rose, das Zeichen einer qualvollen, besessenen Liebe, und Rigel bestreitet, sie geschickt zu haben. Lionel lädt Nica zu einem Date ein, Rigel prügelt sich mit ihm. Später erleidet Rigel einen Anfall, Nica kümmert sich um ihn, und man ahnt, wohin diese Nähe führt. Auf dem Schulball versucht Lionel, Nica in einem Klassenzimmer sexuell zu bedrängen. Rigel greift ein, und Lionel will die beiden später auf einer Brücke mit dem Auto überfahren. Sie springen in den Fluss. Alessandro Bedetti hat zwischen eifersüchtigem Rivalen und Täter kaum etwas zu spielen, Lionel bleibt ein Comicbösewicht, und der Film hat nicht die Mittel, ihn bedrohlich zu machen.

Nach dem Sturz kippt der Ton. Nica erwacht im Krankenhaus. Rigels Körper hat ihren Fall abgefangen, er liegt im Koma, verschärft durch die Hirnneurome, an denen er leidet. Da er die Adoption durch die Milligans abgelehnt hat, steht er wieder unter Margarets Obhut. Sie macht Nica für das Koma verantwortlich und will sie für immer von ihm fernhalten. Nica, die bisher nicht gegen Margaret aussagen wollte, stimmt nun zu. Dieser Wandel kommt zu abrupt. Nichts in dem, was man von ihr gesehen hat, bereitet auf diese Entschlossenheit vor, und der Prozess ist in wenigen Szenen erledigt. Am Ende sind die beiden verheiratet und haben eine Tochter. Glaubwürdig wäre das nur, wenn der Film sich auf dem Weg dorthin mehr Zeit genommen hätte.

Andrea Farris Musik übernimmt, was das Drehbuch sich nicht zutraut. «Nica’s Theme» und «Rigel’s Theme» begleiten jede romantische Wendung, mal im Sinne der Bilder, mal so, dass sie die Rührung schon ankündigen. Bleibt der Titel, der ein starkes Bild verspricht: jemand, der Tränen herstellt. Mir kam es nicht so vor, als gewinne der Film daraus eine eigene Erzählidee, er bleibt eher ein schöner Name als ein roter Faden.

Der Tränenmacher zeigt, was die Verfilmung eines populären Romans für ein jugendliches Publikum leisten kann: eine Liebe, die gegen eine furchtbare Vergangenheit entsteht, zwei Darsteller, die daran glauben, und mit Margaret eine Schurkin, die man verabscheut. Er zeigt auch, was das kostet, nämlich vorhersehbare Wendungen, zu geschriebene Dialoge und einen Prozess, der kaum Gewicht hat. In 103 Minuten berührt der Film dort, wo er Nica und Rigel einfach ansieht, und verliert sich, wo er sie mit Nebenhandlungen umstellt.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.