Filmkritiken

Die Schneegesellschaft: Bayona wählt den Erzähler, der die Anden nicht überlebt hat

J.A. Bayonas Film über die Anden bleibt bei den Toten ebenso wie bei den Lebenden
Molly Se-kyung

Die entscheidende Weichenstellung von Die Schneegesellschaft ist eine strukturelle: J.A. Bayona hat Numa Turcatti als Erzähler gewählt. Turcatti war ein 25-jähriger uruguayischer Jurastudent, der am 11. Dezember 1972 in den Anden starb — zwei Tage, bevor die letzten Überlebenden gerettet wurden. Er kam nie heraus. Trotzdem übergibt ihm der Film das Mikrofon, und nutzt seine posthume Perspektive — ruhig, trauernd, präzise — als Antrieb für alles Folgende.

Das Andenunglück vom Oktober 1972 war bereits Vorlage für Frank Marshalls Alive (1993). Bayona weiß das und dreht einen grundsätzlich anderen Film. Wo Alive ein Überlebensfilm ist — gestrafft auf Aktion, getragen vom Widerstand des Körpers — ist Die Schneegesellschaft eher eine kollektive Elegie. Er bewegt sich im Tempo der Erschöpfung. Keine Einzelhelden, kein Schurke. Der Berg, fünfundvierzig Männer, und eine genaue Zählung derer, die übrig bleiben.

Die Absturzsequenz des uruguayischen Militärfluges 571 — teils an Originalschauplätzen in Argentinien gedreht — gehört zu den gewalttätigsten und präzisesten Schnittstücken des jüngeren Kinos. Bayona verweilt nicht bei Leiden. Er schneidet schnell, schneidet genau. Das Sounddesign trägt das Gewicht: das Flugzeug, der Berg, dann Stille.

Enzo Vogrincic spielt Turcatti mit außergewöhnlicher Disziplin — emotionales Zentrum, aber merkwürdig passive Figur: beobachtend, im Präteritum kommentierend. Die späte Enthüllung, dass diese Stimme jemandem gehört, der nicht zurückgekehrt ist, ist kein dramatischer Twist — sie ist die moralische Aussage des Films: Die Toten zählen ebenso wie die Überlebenden. Die Methode des Überlebens — die Überlebenden aßen die Körper ihrer toten Kameraden — wird hier mit größerem moralischen Gewicht behandelt als in jedem Vorgängerfilm. Bayona inszeniert es als Gemeinschaftsentscheidung, bei vollem Licht, nach langer Beratung, ohne Moralisieren.

Die Schneegesellschaft gewann den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film und erhielt eine Oscar-Nominierung für den besten internationalen Film. Diese Auszeichnungen sind verdient. Der eigentliche Wert liegt aber in der strukturellen Entscheidung, die Narration bei einem der Toten anzusiedeln. Bayona verweigert die übliche Katharsis des Überlebensfilms und bleibt beim Zurückgelassenen.

Regie

J. A. Bayona

J. A. Bayona

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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