Filmkritiken

Scarface: Tony Montanas brutaler Absturz in die Selbstzerstörung

Camille Lefèvre
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Blut spritzt über den Spiegel wie abstrakte Kunst. Tony Montana verzieht das Gesicht zu einer Grimasse und stößt seine letzte, vergebliche Warnung aus: „Hältst du mich für verdammt noch mal blöd?“ Brian De Palmas Scarface beginnt mit diesem ikonischen Moment und stimmt auf einen unerbittlichen Abstieg ins dunkle Herz des amerikanischen Exzesses ein. Tony Montana, gespielt von Al Pacino, ist eine Naturgewalt: ein kubanischer Flüchtling, der zum Drogenboss aufsteigt und ebenso brutal wie faszinierend wieder zu Fall kommt.

Nach einem messerscharfen Drehbuch von Oliver Stone inszeniert De Palma einen Film, der gleichermaßen opernhafte Tragödie und packendes Kriminalepos ist. Die unverkennbare Bildsprache des Regisseurs – lange Kamerafahrten, Spiegelkompositionen, abrupte Zooms – hebt den Stoff über bloße Exploitation hinaus und verleiht Scarface eine Größe, die den Themen Ehrgeiz, Korruption und Selbstzerstörung gerecht wird. Miami ist dabei eine Figur für sich: ein sonnenverwöhntes Paradies, in dem der amerikanische Traum zum Albtraum verkommt.

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Pacinos Leistung ist der Motor von Scarface, dem Film aus dem Jahr 1983. Sein Tony Montana vereint auf explosive Weise Charme, Grausamkeit und Paranoia: ein Mann, der überall Feinde wittert, während er sich sein eigenes Grab schaufelt. Pacinos körperliches Spiel ist außergewöhnlich – ob er sich bedrohlich nach vorn beugt oder seine Stimme zittert, sobald die Angst in ihm aufsteigt: Jede Geste ist bedeutungsvoll. Die berühmte Szene mit dem Satz „Sag Hallo zu meinem kleinen Freund!“ ist eine Lehrstunde darin, wie Pacino eine Szene beherrscht. Doch erst die stilleren Momente – etwa Tonys Zusammenbruch nach dem Mord an seiner Schwester – zeigen die ganze Tiefe seiner Darstellung. Sein verzweifelter Schrei „Nicht mehr!“ ist ein roher, ungefilterter Augenblick der Verletzlichkeit, der die hypermaskuline Fassade des Films durchbricht.

Michelle Pfeiffer wiederum liefert als Elvira, Tonys Trophäenfrau, eine ihrer prägenden Karriereleistungen. Ihre Darstellung verbindet Verletzlichkeit mit Raffinesse und macht Elvira zu weit mehr als einem bloßen Blickfang. Besonders eindrucksvoll ist die Szene, in der sie Tony mit seiner Untreue konfrontiert: Sie zeigt, dass Pfeiffer Pacinos vulkanischer Intensität mühelos standhält. Auch Steven Bauer als Manny Ray und Mary Elizabeth Mastrantonio als Gina überzeugen, wenngleich ihre Figuren mitunter von Pacinos schierer Präsenz in den Schatten gestellt werden.

Das Tempo des Films ist unerbittlich und spiegelt Tonys eigenen, immer tieferen Absturz. De Palma und die Cutter David Ray und Gerald B. Greenberg arbeiten mit chirurgischer Präzision und schrauben die Spannung bis zum blutgetränkten Showdown im Anwesen der Montanas immer weiter hoch. Giorgio Moroders synthielastige Filmmusik, unterstrichen von Paul Engemanns „Push It to the Limit“, verleiht dem Geschehen einen pulsierenden Vorwärtsdrang, der nie nachlässt. Der Soundtrack sorgt nicht nur für Atmosphäre, sondern ist eine Figur für sich: Er verstärkt die Themen Exzess und Verfall.

Bei all seinen Stärken lässt Scarface im Umgang mit einigen Figuren jedoch Schwächen erkennen. Manny Ray (Steven Bauer), Tonys Freund aus Kindertagen und rechte Hand, bleibt unterentwickelt; sein Verrat wirkt eher wie ein bequemer Kniff der Handlung als wie eine emotional glaubhafte Entwicklung. Die politischen Themen des Films – seine Kommentare zum amerikanischen Traum der Reagan-Ära und zur kubanischen Einwanderung – sind reizvoll, geraten aber gelegentlich mit dem Holzhammer. Bisweilen wirkt der Dialog übermäßig erklärend, als wolle Stone jede denkbare Aussage in eine einzige Zeile packen.

Auch die Gewalt des Films gibt Anlass zur Diskussion. Scarface spart nicht an Brutalität, doch manche Szenen – etwa die berüchtigte Kettensägen-Sequenz – wirken selbst nach heutigen Maßstäben überflüssig drastisch. Solche Momente drohen, die differenziertere Auseinandersetzung des Films mit Macht und Korruption zu untergraben und aus einer Tragödie etwas zu machen, das eher an Exploitation erinnert.

Seine größte Wucht entfaltet Scarface in der schonungslosen Darstellung von Tonys maßloser Selbstüberschätzung. Im Finale, als Polizei und Auftragskiller des Kartells immer näher rücken, wird das Geschehen zur Symphonie des Chaos. De Palmas Kamera bewegt sich durch das Anwesen der Montanas wie ein Geist, der den Untergang eines Königreichs bezeugt. Das Ende – Tonys blutiger Leichnam, drapiert über der Freiheitsstatue, als perverse Verdrehung des amerikanischen Traums – gehört zu den ikonischsten Bildern der Filmgeschichte.

Scarface ist nichts für schwache Nerven. Der Film verlangt ein Publikum, das sich auf seine unerbittliche Brutalität und moralische Vielschichtigkeit einlässt.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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