Filmkritiken

Little Fish: Hartigan filmt das Vergessen von innen — und das tut weh

Martha O'Hara

Die Kamera findet zuerst Olivia Cookes Gesicht — durch den Regen auf dem Glas, in dem besonderen Grau, das Seattle wie einen Mantel trägt, den es nie abzulegen gedenkt. Little Fish beginnt in der Mitte der Dinge, wo es auch lebt. Chad Hartigan eröffnet seinen Film nicht wie die meisten Pandemie-Narrative: ohne die Architektur der Katastrophe, ohne die Totale einer leeren Welt. Er beginnt mit einer Frau, die versucht, sich an den Namen von etwas zu erinnern, das sie liebte.

Das Virus in dieser nahen Zukunft — NIA, für Neuroinflammatorische Affektion — löscht Erinnerungen. Nicht dramatisch, nicht auf einmal. Es nimmt sie, wie Nebel eine Stadtlandschaft nimmt: allmählich, von den Rändern her, sodass man, wenn man die Abwesenheit bemerkt, nicht mehr ganz rekonstruieren kann, was dort war. Mattson Tomlins Drehbuch, nach einer Kurzgeschichte von Aja Gabel, strukturiert den Film nach derselben Logik. Emma (Cooke) und Jude (Jack O’Connell) existieren gleichzeitig in mehreren Zeitebenen, und der Schnitt vertraut dem Publikum, sie dort zu finden.

Was Hartigan und Kameramann Sean McElwee mit Seattle machen, ist bemerkenswert. Die Stadt erscheint als ein Ort, der sich bereits halb aufgelöst hat — Wasser auf jeder Oberfläche, Licht, das zwischen Morgengrauen und Dämmerung schwankt, Bildkompositionen, die ihre Figuren leicht dezentrieren. Jede visuelle Entscheidung verstärkt das Thema, ohne belehrend zu werden. Die Stadt verkündet nicht, was sie darstellt. Sie sieht einfach so aus, wie sich das Vergessen anfühlt.

Cooke und O’Connell tragen den Film. Ihre Chemie kündigt sich nicht an — sie akkumuliert sich in Details, in wiederholten Gesten, in der Art und Weise, wie zwei Menschen sich auswendig kennen. Als Jude beginnt, Teile von sich zu verlieren, ist der Verlust nicht abstrakt. Wir haben genug von dem gesehen, was verloren geht, um es zu spüren.

Das Tempo schwächelt im mittleren Drittel, und die Science-Fiction-Maschinerie bleibt bewusst dünn. Hartigan interessiert sich nicht für die Mechanik der Seuche; ihn interessiert das Gefühl, jemanden zu lieben, der dabei ist, zu verschwinden.

Little Fish erschien im Februar 2021 mit einer Pandemie-Allegorie, die fast zu offensichtlich war, um aufgenommen zu werden. Die Resonanz hat diese Koinzidenz überlebt. Hartigan filmte die spezifische Angst, zu beobachten, wie Erinnerung — also Identität, also Liebe — sich in jemandem auflöst, den man sich nicht leisten kann zu verlieren. Es tut weh. Das ist der Punkt.

Regie

Chad Hartigan
Photo via The Movie Database (TMDB)

Chad Hartigan

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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