Filmkritiken

Caged Wings: Raues, aber vertrautes Kriminaldrama mit eindrucksvoller Bildsprache

Veronica Loop
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Die Eröffnungsszene von Caged Wings verharrt auf Dans zitternden Händen, die eine gestohlene Uhr umklammern, während sein Atem in der Nacht von Barcelona stoßweise geht. Dieses Bild bringt den zentralen Konflikt des Films auf den Punkt: Die rastlose Energie der Jugend prallt auf die Konsequenzen des eigenen Handelns. Das Regiedebüt von Mario Casas ist ein raues Drama über Dan (Óscar Casas), einen Streetart-Künstler, der zum Kleinkriminellen wird und nach einem gescheiterten Raubüberfall nach Madrid flieht. Als sein Vater aus dem Gefängnis entlassen wird, muss Dan sich seinen eigenen Dämonen stellen. Der Film entwickelt sich zu einer fiebrigen Reise durch die Schattenwelt der spanischen Städte.

Das von Casas und Déborah François mitverfasste Drehbuch setzt stark auf vertraute Motive des Coming-of-Age-Kriminalfilms, insbesondere auf die quinqui-Tradition, die vom Leben straffälliger Jugendlicher in Spanien erzählt. Die Produktion besticht durch ihre Bilder: Kameramann Edu Canet fängt die raue Schönheit von Orten wie Bellvitge und Lavapiés ein, während Verónica Callón mit ihrem Schnitt das Tempo hochhält. Für seine Rolle nahm Óscar Casas acht Kilogramm ab – eine körperliche Verwandlung, die seiner Darstellung zusätzliche Authentizität verleiht.

Am besten funktioniert Caged Wings durch seine visuelle und akustische Energie. Der Film lebt von seiner dynamischen Kameraarbeit: von langen Einstellungen, in denen Dan durch Gassen hetzt, und vom harten Kontrast zwischen neonbeleuchteten Straßen und den düsteren Innenräumen, in denen er seine Raubzüge verübt. Morads Titelsong „Volar sin alas“ unterstreicht den emotionalen Kern von Dans innerem Konflikt und verbindet Melancholie mit Dringlichkeit. Óscar Casas spielt mit großer Hingabe, besonders in den ruhigeren Momenten, in denen seine Figur mit Schuld und Angst ringt. Die Nebenbesetzung, allen voran Candela González als Vio, verleiht den ansonsten klischeehaft gezeichneten Figuren der kriminellen Unterwelt mehr Tiefe.

Bei der Erzählung gerät der Film jedoch ins Straucheln. So überzeugend die Bilder sind, die Geschichte selbst wirkt abgeleitet. Dans Entwicklung – er läuft vor seiner Vergangenheit davon und wird schließlich doch wieder von ihr eingeholt – wurde schon unzählige Male erzählt, und Casas gelingt es nicht, dem Stoff eine ausreichend neue Perspektive abzugewinnen. Das Drehbuch stellt oft den Stil über den Inhalt, sodass manche emotionalen Momente überhastet oder unausgereift wirken. Auch das Erzähltempo ist unausgewogen: Einige Szenen verweilen zu lange bei oberflächlicher Spannung, während andere, für Dans Entwicklung entscheidende Momente nur gestreift werden.

Die Kritiken fallen gemischt, insgesamt aber eher positiv aus: Gelobt werden vor allem die visuelle und akustische Energie des Films, während es zugleich Kritik an seiner mangelnden Originalität gibt.

Die schauspielerischen Leistungen in Caged Wings fallen unterschiedlich aus. Óscar Casas ragt heraus: Mit seiner rohen Intensität lässt er Dans Konflikte glaubwürdig wirken. Seine körperliche Verwandlung und sein emotionaler Einsatz für die Rolle verdienen Anerkennung, doch das Drehbuch gibt ihm nicht immer genügend Material an die Hand. Candela González setzt als Vio einen überzeugenden Gegenpol zu Dans Rücksichtslosigkeit. Momente der Zärtlichkeit und Verletzlichkeit geben dem Film emotionale Bodenhaftung. Auch die Nebenbesetzung, darunter Farid Bechara als Reno und Francisco Boira als Dans Vater, liefert solide Leistungen, wird jedoch oft von den stilistischen Entscheidungen des Films überlagert.

Mario Casas’ Regie ist zugleich die größte Stärke und die Achillesferse des Films. Casas hat ein gutes Gespür für visuelles Erzählen und erzeugt mit langen Einstellungen und dynamischen Kamerabewegungen ein Gefühl von Dringlichkeit und Unmittelbarkeit. Seine Unerfahrenheit als Regisseur zeigt sich jedoch mitunter im Umgang mit der Handlung. Der Film wirkt oft eher wie eine Aneinanderreihung eindrucksvoller Bilder als wie eine geschlossene Geschichte; manche Szenen erscheinen unverbunden oder unausgereift.

Inhaltlich geht es in Caged Wings um den Konflikt zwischen Freiheit und Verantwortung – ein zeitloses Thema, zu dem Menschen überall einen Zugang finden können. Dans Weg vom Kleinkriminellen zum Flüchtigen steht sinnbildlich für die allgemein menschliche Erfahrung, vor der eigenen Vergangenheit davonzulaufen und sich früher oder später den Folgen stellen zu müssen. Das Milieu am Rand der spanischen Städte verleiht diesen Themen zusätzliche Authentizität und verankert sie in einem konkreten kulturellen Umfeld.

Allerdings setzt sich der Film oft nur oberflächlich mit diesen Themen auseinander. Bilder und Darsteller vermitteln Dringlichkeit und emotionale Tiefe, doch das Drehbuch dringt nur selten unter die Oberfläche vor. Die Figuren werden häufig auf Archetypen reduziert – Dan ist der gequälte Jugendliche, Vio sein moralischer Kompass –, ihnen fehlt jedoch die nötige Vielschichtigkeit, um die thematischen Fragen des Films wirklich auszuloten.

Als Beitrag zur quinqui-Tradition ist Caged Wings solide, bringt dem Genre aber nichts Neues. Der Rückgriff auf vertraute Motive und Bildsprachen lässt den Film eher wie eine Hommage als wie eine Erneuerung wirken. Fans des Genres dürfte das durchaus ansprechen, doch seine Grenzen erweitert der Film damit kaum und neue Erkenntnisse bietet er ebenfalls nicht.

Auch beim Erzähltempo zeigt der Film Schwächen. Einige Szenen sind eindrucksvoll umgesetzt, andere wirken überhastet oder unausgereift. Durch die nichtlineare Erzählweise, die zwischen verschiedenen Stationen in Dans Leben hin- und herspringt, verliert man mitunter die Orientierung. Das erschwert es, sich ganz auf die Entwicklung der Figur einzulassen. Zudem bleibt der Höhepunkt des Films hinter den Erwartungen zurück: Die Auflösung von Dans Geschichte wirkt eher wie eine bequeme Lösung als wie eine natürliche Konsequenz des Geschehens.

Trotz seiner Schwächen hat Caged Wings Momente von echter Brillanz. Die Bildsprache des Films ist unverkennbar eindrucksvoll, und Óscar Casas liefert eine herausragende Leistung. Auch wenn die Geschichte mitunter abgeleitet wirkt, verleiht die Auseinandersetzung mit Themen wie Freiheit und Verantwortung dem Film eine Tiefe, die ihn über oberflächlichere Genrebeiträge hinaushebt.

Letztlich ist Caged Wings ein visuell mitreißendes, erzählerisch jedoch wenig bemerkenswertes Debüt. Der Film schafft eine unmittelbar spürbare Atmosphäre, bietet aber weder beim Erzählen noch bei der Figurenentwicklung wirklich Neues.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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