Filmkritiken

Jaane Jaan bewahrt Higashinos perfekten Kniff und lebt von Jaideep Ahlawats leiser Intensität

Sujoy Ghoshs Netflix-Adaption von 2023 verlegt den Kriminalroman nach Kalimpong und setzt auf Gespräche statt Action.
Martha O'Hara
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Als Naren Vyas (Jaideep Ahlawat) begreift, was im Haus nebenan geschehen ist, und seine Hilfe anbietet, ändert „Jaane Jaan“ die Richtung. Bis dahin sieht man einen Thriller über Notwehr und ihre Folgen. Danach wird daraus ein psychologisches Kammerspiel um einen zurückgezogenen Mathematiklehrer, den Ahlawat mit unheimlicher Zurückhaltung spielt. Regisseur Sujoy Ghosh, der auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert diesen Wechsel nicht als große Enthüllung. Er ergibt sich aus Narens Hang zur Präzision und aus einer Einsamkeit, die sich an einer einzigen Person festgehalten hat.

Die Ausgangslage ist schnell erzählt. Maya D’Souza (Kareena Kapoor Khan) betreibt in Kalimpong eine kleine Kantine und zieht ihre Tochter Tara (Naisha Khanna) allein groß. Eines Nachts steht Ajit Mhatre (Saurabh Sachdeva) vor der Tür, ihr entfremdeter Mann und ein korrupter Polizist. Er will das Geld, das Maya vor vierzehn Jahren bei ihrer Flucht mitgenommen hat, und er droht ihr und dem Mädchen. Die Lage kippt in Gewalt, Ajit wird erwürgt, zum Teil in Notwehr. Ghosh zeigt das ohne Pathos und ohne Lust an der Gewalt. Das Unbehagen entsteht daraus, dass zwei Menschen etwas getan haben, das sich nicht zurücknehmen lässt, und dass der Film bei ihnen bleibt, während sie es begreifen.

Naren hat den Lärm nebenan gehört. Er schaltet sich ein, lässt die Leiche verschwinden und entwirft Schritt für Schritt eine Erklärung, die Maya und Tara schützen soll. Darin liegt der Reiz des Films. Naren denkt in Zeitabläufen, in Wahrscheinlichkeiten und in der Frage, was ein Ermittler sehen wird und was nicht. Ahlawat spielt das ohne Theatralik und lässt Narens Gefühle nur in dessen Berechnungen sichtbar werden, weil dieser Mann keine andere Sprache dafür hat. Er ist ernst und verschlossen, bei seinen Schülern aber beliebt. Die Morgengespräche mit Maya, bei der er sein Mittagessen kauft, sind der hellste Punkt seines Tages, und der Film behandelt sie entsprechend behutsam.

Dagegen steht Inspektor Karan Anand (Vijay Varma), ein ehemaliger Klassenkamerad Narens. Er soll den verschwundenen Ajit aufspüren und kommt dabei nach Kalimpong. Dort stößt er auf verbrannte Überreste samt Ajits Papieren, und sein Verdacht fällt sofort auf Maya. Doch Maya und Tara haben ein detailliertes Alibi, und Karan findet keine Lücke darin. Erst als ihm eine Angestellte von Narens Zuneigung zu Maya erzählt, kommt Bewegung in die Ermittlungen, denn Naren hatte behauptet, Maya kaum zu kennen. Hier ist der Film am stärksten, weil Mathematik und Gefühl aufeinanderprallen: Gerade die Zuneigung, die Naren antreibt, macht ihn angreifbar. Seine Antwort darauf ist die kühnste Wendung des Films und zugleich die, die am meisten Nachsicht verlangt. Er geht zur Polizeiwache, gesteht den Mord an Ajit, behauptet, auf Mayas Wunsch gehandelt zu haben, und baut das Bild eines wahnhaften Verehrers auf, der Maya nachstellt. Wer den Plot nachrechnet, stößt auf Stellen, an denen Karan Narens Spiel ein wenig zu bereitwillig mitspielt.

Damit sind wir bei den Schwächen. Das Tempo sackt ab, sobald Karan sich auf Naren einschießt, und Varmas Figur bleibt neben Ahlawats Arbeit blass, obwohl der Schauspieler sichtlich Energie hineinlegt. Auch Maya wirkt über weite Strecken eher wie jemand, dem Dinge geschehen, als wie jemand, der sie lenkt. Kapoor Khan macht daraus eine glaubwürdige Mischung aus Erschöpfung und Wachsamkeit, aber das Drehbuch lässt ihr wenig Spielraum zum Handeln. Der Vorwurf trifft eher das Skript als die Darstellerin. Tara bleibt ebenfalls eher Funktion als Figur: Man spürt ihre Angst, aber selten ihren eigenen Willen.

Der Film beruht auf Keigo Higashinos Roman „The Devotion of Suspect X“ von 2005, den 2012 bereits der südkoreanische Film „Perfect Number“ von Bang Eun-jin adaptierte. International lief „Jaane Jaan“ unter dem Titel „Suspect X“. Die Kernidee der Vorlage, ein genialer Einzelgänger, der aus Liebe handelt, überträgt Ghosh in ein indisches Kleinstadtmilieu. Die Geschichte braucht keine große Kulisse, sie lebt von der Nähe der Nachbarn und davon, dass in einer kleinen Stadt ein beiläufiger Satz einer Angestellten genügt, um eine Ermittlung zu drehen.

Das Publikum hat den Film angenommen. Seit dem Start auf Netflix am 21. September 2023 verzeichnete er das bisher größte Startwochenende eines indischen Films auf der Plattform. In der zweiten Jahreshälfte 2023 kam er auf über 20 Millionen Aufrufe und wurde nach weltweit gesehenen Stunden zum meistgesehenen indischen Film bei Netflix. Bei den Filmfare OTT Awards 2024 erhielt er acht Nominierungen, darunter für die beste Regie (Ghosh) und den besten Nebendarsteller (Varma), und gewann drei Preise: bester Film und bester Hauptdarsteller, jeweils in der Kritikerwertung, Letzteres für Ahlawat, sowie die Auszeichnung als beste Darstellerin für Kapoor Khan. Dass es für Kapoor Khan reichte, obwohl ihre Figur so wenig Raum bekommt, sagt einiges über die Genauigkeit ihres Spiels.

„Jaane Jaan“ ist also kein makelloser Thriller. Die zweite Hälfte hat Hänger, und die Nebenfiguren bleiben skizzenhaft. Wirkung hat der Film dort, wo eine Frau, die nur überleben will, auf einen Mann trifft, der ihr alles opfern würde, und wo keiner von beiden das Gleiche meint, wenn er von Schutz spricht.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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