Filmkritiken

Oh Belinda verschenkt sein bestes Potenzial durch halbherzige Inszenierung

Deniz Yorulmazers Netflix-Remake des türkischen Klassikers von 1986 bleibt zu brav.
Martha O'Hara
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Die Kamera schwenkt über die glänzende Küche einer Luxuswohnung, Neslihan Atagül als Dilara lacht ins Telefon — ihr Leben scheint perfekt. Doch dann: der Sturz in eine andere Welt. Deniz Yorulmazers Oh Belinda (2023) ist ein Film über Identität, der sich verheddert wie die Haarsträhnen in einem Shampoo-Werbespot.

Das Konzept ist reizvoll: Eine eitle Schauspielerin wird durch einen kommerziellen Dreh in die Rolle ihrer Figur katapultiert. Der Film greift damit das Motiv des Rollentauschs auf, das schon Atıf Yılmaz‘ Aaahh Belinda von 1986 verhandelt hat — nur dass Yorulmazer hier nicht vor einer leeren Bühne steht, sondern vor der Aufgabe, eine moderne Version dieses Stoffs zu liefern. Der Ansatz ist klar: Dilara (Atagül) soll als traditionelle Hausfrau Handan auftreten, doch die Dreharbeiten gehen schief, und plötzlich steckt sie in dieser Rolle fest.

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Wo Oh Belinda punktet, ist im Spiel mit den Erwartungen des Publikums. Die Szene, in der Dilara realisiert, dass sie nicht mehr sie selbst ist, wird durch eine klare Bildsprache unterstrichen: Die Wände ihres Luxusapartments verwandeln sich in die engen Mauern eines traditionellen Haushalts. Der Tonfall wechselt von schrillem Lachen zu bedrückendem Schweigen — ein Kontrast, der funktioniert. Auch die Besetzung überzeugt: Atagül spielt die arrogant-eitle Dilara mit einer Mischung aus Charme und Selbstironie, während Serkan Çayoğlu als Serkan den nötigen Gegenpol bietet.

Doch genau hier beginnt das Problem des Films. Oh Belinda will zu viel sein: eine Komödie, ein Drama, ein Fantasy-Abenteuer. Die Balance zwischen diesen Genres gelingt nicht immer. Die komödiantischen Elemente wirken oft übertrieben, als hätte der Film Angst, seine Zuschauer könnten die Ernsthaftigkeit seiner Botschaft verpassen. In einer Szene, in der Dilara versucht, ihrer neuen Familie zu erklären, wer sie wirklich ist, schlägt der Tonfall plötzlich ins Groteske um — ein Moment, der mehr verwirrt als amüsiert.

Und dann ist da noch die Frage der Originalität. Oh Belinda beruft sich auf Yılmaz‘ Klassiker von 1986, doch es fehlt an frischen Ideen. Die Handlung bleibt in den bekannten Mustern des Rollentausch-Genres stecken und bietet wenig Neues. Selbst die türkischen kulturellen Aspekte, die der Film thematisiert — die Spannung zwischen traditioneller und moderner Lebensweise —, werden nur oberflächlich gestreift.

Die Kritik an Oh Belinda ist nicht neu. Ein ähnlicher Vorwurf – zu viel Verlass auf groteske Elemente, zu wenig Tiefe der Charaktere – ließe sich vermutlich auch gegen Yılmaz‘ Original erheben. Yorulmazer versucht zwar, diese Lücke zu schließen, indem er Dilara mehr Nuancen verleiht — etwa in den Momenten, in denen sie verzweifelt versucht, ihre Identität zurückzugewinnen. Doch diese Bemühungen werden durch die unausgeglichenen Genre-Elemente zunichtegemacht.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Inszenierung. Tolga Cetin, der Kameramann von Oh Belinda, gibt dem Film zwar einen polierten Look, doch dieser Glanz kann nicht über die strukturellen Schwächen hinwegtäuschen. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Genres wirken oft holprig, als hätte das Team sich nicht entscheiden können, welcher Stil am besten zu der Geschichte passt.

Was von Oh Belinda vor allem hängen bleibt, ist der Verdacht, es handle sich um einen bloßen Abklatsch des Originals: Der Film wirkt oft wie eine lieblose Hommage an Yılmaz‘ Werk, ohne dabei einen eigenen Weg zu finden.

Trotz dieser Schwächen hat der Film einige starke Momente. Die Szene, in der Dilara zum ersten Mal ihre neue Familie trifft, ist ein Höhepunkt des Films: Atagül vermittelt die Verwirrung und Angst ihrer Figur eindringlich, ohne ins Melodramatische abzurutschen. Auch die Chemie zwischen den Hauptdarstellern funktioniert gut — besonders in den Szenen, in denen Dilara und Serkan versuchen, ihre Rollen zu verstehen.

Doch diese positiven Aspekte reichen nicht aus, um Oh Belinda zu einem gelungenen Film zu machen. Der größte Fehler des Films ist sein Mangel an Mut. Yorulmazer scheut sich davor, klare Entscheidungen zu treffen — ob in der Genre-Mischung oder in der Charakterentwicklung. Stattdessen versucht er, es allen recht zu machen, und landet am Ende bei einem Film, der weder Fisch noch Fleisch ist. Dabei war die Grundidee, mit der der Film antritt, reizvoll genug, um mehr zu tragen — nur traut sich Yorulmazer nicht, sie konsequent zu Ende zu denken, und genau daran scheitert Oh Belinda.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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