Kino

Chris Pine in Carolina Cavallis Roadmovie The Kidnapping of Arabella

Nach der Premiere in Venedig zeigt Carolina Cavallis zweiter Film eine Frau, die in einem Kind ihre eigene Kindheit erkennt.
Camille Lefèvre

Holly hat einen Job, der ins Leere fuehrt, und vertreibt sich die Stunden damit, sich Locher im Gefuge von Raum und Zeit vorzustellen, kleine Ausgange aus einem Leben, das ihrer Uberzeugung nach irgendwo falsch abgebogen ist, an einer Stelle, die sie nicht mehr findet. Als sie Arabella trifft, eine Achtjahrige, die der Umlaufbahn eines nur mit sich selbst befassten Vaters entkommen will, sieht sie kein verlorenes Kind, sondern eine an sie gerichtete Botschaft. Das Madchen, beschliesst sie, ist sie selbst als Kind, zurueckgeschickt fuer die Korrektur, die sie nie bekam.

Diese Praemisse, eine Frau, die einen anderen Menschen als zweite Chance auf die eigene Biografie liest, ist der Motor von The Kidnapping of Arabella und erklart, welche Art Film Carolina Cavalli hier dreht. Kein Thriller uber eine Entfuhrung, was auch immer die Provokation des Titels verspricht, sondern ein Roadmovie zwischen zwei Menschen, die jeweils entschieden haben, der andere kenne die Antwort auf eine private Frage. Die Entfuhrung, wenn man sie so nennen will, geht in beide Richtungen, und der Film fragt fortwahrend, wer hier wen rettet.

YouTube Video

Benedetta Porcaroli spielt Holly als Studie im Stillstand, mit derselben leeren, leicht feindseligen Wachsamkeit, die Cavalli ihr schon einmal abverlangt hat. Sie erneut zu besetzen ist keine Bequemlichkeit, sondern eine These uber eine bestimmte junge Frau der Gegenwart, uberartikuliert und unterausgeruestet, allergisch gegen die Aufrichtigkeit, die ihre eigene Sehnsucht verlangen wurde. Ihr gegenuber ubernimmt Chris Pine die Rolle des Orest, des schriftstellernden Vaters, und die Wahl arbeitet gegen den Typ: ein Gesicht, gebaut auf die Sicherheit des amerikanischen Hauptdarstellers, gewendet zur vaterlichen Abwesenheit, der Elternteil, zu beschaftigt mit dem Erzahlen des eigenen Lebens, um zu bemerken, dass die Tochter aus ihm heraustritt.

Cavalli kam mit Amanda, einem Debut, das soziales Scheitern in trockene Komodie verwandelte und eine Regisseurin ankundigte, die sich mehr fur die Textur der Entfremdung interessiert als fur ihre Heilung. Ihre Methode bleibt zwischen jenem ersten Film und diesem stabil: flache, frontale Kompositionen, Dialoge, die den Takt des Gefuhls knapp verfehlen, eine komische Zuruckhaltung, die die Ruhrung auf Abstand halt, bis sie einen uberfallt. Die Herkunft ist lesbar, jene europaische Tradition der entfremdeten jungen Hauptfigur, die vom Deadpan des fruhen Kaurismaki zu den affektlosen Heldinnen des jungeren franzosischen und italienischen Kinos reicht, doch die Feineinstellung des Tons gehort ihr allein.

Zusammengehalten wird der Film weniger von der Handlung als von der Nahe. Cavalli baut ihn aus Zweieraufnahmen, Frau und Kind gemeinsam vor Landschaften, die sich jeden Kommentar verbieten, und lasst die Strasse die Struktur liefern, die ihre Figuren nicht finden. Die Raum-Zeit-Fantasie, die Holly erzahlt, wird nie wortlich genommen; sie bleibt eine Metapher, mit der sie ein festgefahrenes Leben ertraglich macht, und der Film ist klug genug, sie dort zu belassen. Heraus kommt eine Komodie der Projektion, in der eine Erwachsene und ein Kind abwechselnd die Erwachsene sind.

Die Idee hat eine Decke, und Cavalli weiss das. Ein Film, der auf dem Beharren einer Frau steht, eine Fremde sei ihre eigene Vergangenheit, muss irgendwann entscheiden, ob er die Selbsttauschung ehrt oder durchsticht, und die Vorliebe der Regisseurin fur den schwebenden Ton halt diese Abrechnung bewusst weich. Wer Amandas Deadpan als Form des Ausweichens gelesen hat, trifft hier auf dieselbe Zuruckhaltung; der Film benennt Hollys Lahmung, ohne stets einen Ausweg zu inszenieren, und das Kind funktioniert bisweilen eher als Vehikel fur das Wachstum der Erwachsenen denn als Person mit eigenem Einsatz. Ob das als Takt oder als Ausweichen zu lesen ist, wird den Saal teilen.

Benedetta Porcaroli and Lucrezia Guglielmino in Carolina Cavalli film The Kidnapping of Arabella 2026
Benedetta Porcaroli and Lucrezia Guglielmino in The Kidnapping of Arabella (2026)

The Kidnapping of Arabella ist von Carolina Cavalli geschrieben und inszeniert, ihr zweiter Spielfilm. Lucrezia Guglielmino spielt die Titelrolle neben Porcaroli und Pine, mit Roberto Zibetti, Marco Bonadei, Eva Robin’s und Margareth Made in weiteren Rollen. Gedreht auf Italienisch unter dem Originaltitel Il rapimento di Arabella, dauert er hundertsieben Minuten und tragt die Einordnung Drama, auch wenn seine Neigungen naher bei der melancholischen Komodie liegen. Den amerikanischen Verleih ubernimmt Oscilloscope Laboratories.

Sein Publikum fand der Film zuerst auf dem Festivalkreis, mit der Premiere in Venedig und Stationen in Chicago, Jeonju und Munchen. Einen reguleren deutschen Kinostart gibt es bislang nicht; in den USA kommt der Film am 17. Juli in die Kinos. Fur einen kleinen Film, gebaut um einen Scherz uber Zeitreisen, ist diese langsame Ankunft Land fur Land schon ein Argument: Manche zweiten Chancen kommen nur nach ihrem eigenen Kalender.

Besetzung

Schlagwörter: , , , , ,

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.