Kino

The Substance: Eine brutale Satire über Hollywoods Altersdiskriminierung

Veronica Loop
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Der Schlitz in Demi Moores Rücken öffnet sich wie eine groteske Geburt und gibt die jüngere, schönere Version ihrer selbst frei – eine Szene, die den eindringlichen Ton von Coralie Fargeats The Substance vorgibt. Das ist nicht einfach nur Body Horror, sondern eine fleischgewordene Metapher, ein satirisches Messer, das sich in das Herz von Hollywoods Altersdiskriminierung und der gesellschaftlichen Jugendbesessenheit dreht. Schon mit dem ersten Bild kündigt der Film an, dass er nichts beschönigen und sich furchtlos in die dunkelsten Winkel von Eitelkeit und Verzweiflung vorwagen wird.

Fargeat, deren Debüt Revenge ihr Gespür für brutale, stilisierte Gewalt unter Beweis stellte, setzt hier noch stärker auf hyperrealistische praktische Effekte. Die 21.000 Liter Kunstblut sind nicht einfach eine Zahl, sondern die Lebensader dieser grotesk-schönen Welt. Wenn Sue (Margaret Qualley) blutet, nachdem sie sich gestohlene Stabilisatorflüssigkeit gespritzt hat, ist das nicht bloß Splatter – es ist ein intensiver, intimer Moment, der den Preis der gestohlenen Jugend spürbar macht. Prothesen, Ganzkörperanzüge und Puppenspiel erschaffen eine albtraumhafte Welt, in der das Altern nicht einfach ein Prozess ist, sondern ein Fluch, eine körperliche Rebellion gegen den eigenen Leib.

YouTube Video

Moore liefert die beste Leistung ihrer Karriere und bringt Elisabeths Verzweiflung und Selbsthass mit schonungsloser Verletzlichkeit zum Ausdruck. Ihre Szenen im dämmrigen Krankenzimmer, in denen sie ihr jüngeres Ich wie eine groteske Mutter ihr monströses Kind füttert, sind verstörend. Wie sie sich an ihren alternden Körper klammert, wie ihre Stimme zittert, wenn sie Sue anfleht, wieder zurückzuwechseln – diese Momente gehen unter die Haut und zeugen davon, wie tief Moore selbst unter absurdesten Umständen Gefühle vermitteln kann. Qualley verkörpert derweil Sues Selbstbewusstsein und Hedonismus mit einer magnetischen Energie, die ihren Aufstieg zum Star beinahe zwangsläufig erscheinen lässt. Ihre Darstellungen erden die Absurdität des Films und machen aus ihm mehr als ein düsteres Märchen: eine warnende Fabel über Identität und gesellschaftlichen Druck.

Zu den Stärken des Films zählt, dass er sich unverblümt mit Themen auseinandersetzt, die im Horrorgenre oft an den Rand gedrängt werden. Fargeats feministische Perspektive hebt The Substance von anderen Horrorfilmen mit Frauen im Zentrum ab, etwa Carrie und Rosemary’s Baby. Das Monster ist hier nicht nur äußerlich; es ist das Produkt verinnerlichten gesellschaftlichen Drucks. Am schärfsten ist die Satire in konkreten Momenten – wenn Harvey (Dennis Quaid) Moore mit einem höhnischen Grinsen feuert oder Sues hedonistische Nächte Elisabeths Verfall gegenüberstehen. In solchen Szenen glänzt The Substance: Der Horror legt die Hässlichkeit unter der Hochglanzfassade der Prominentenkultur offen.

Doch The Substance ist nicht frei von Schwächen. Im zweiten Akt gerät der Erzählrhythmus ins Stocken, weil sich der Wechsel zwischen Elisabeth und Sue wiederholt. Fargeats Satire wirkt am stärksten, wenn sie sich an konkreten Momenten festmacht, doch gelegentlich verstrickt sich der Film in seiner eigenen Metaphorik. Die Themen Altern und Identität sind kraftvoll, hätten aber nuancierter erkundet werden können. Mitunter überlagern die grotesken Bilder die tieferen Aussagen des Films und hinterlassen beim Publikum ein Unbehagen, das nicht immer zielführend ist.

Dennoch ist The Substance eine mutige, schonungslose Auseinandersetzung mit der Frage, was es heißt, in einer Branche „perfekt“ zu sein, die Frauen nach dem 50. Lebensjahr aussortiert. Der Film ist chaotisch, grotesk und zutiefst verstörend – und zwar im besten Sinne. Die praktischen Effekte und das Bekenntnis zum Hyperrealismus erschaffen eine Welt, die zugleich fantastisch und unheimlich real wirkt. Fargeats Regie kennt keine Kompromisse; ihre Kamera verweilt mit klinischer Präzision auf den verstörendsten Momenten und verstärkt so deren Wirkung.

Besonders fesselnd ist die Auseinandersetzung des Films mit Identität. Elisabeth und Sue beginnen als zwei Hälften derselben Person, doch im Verlauf der Handlung werden sie zu eigenständigen Wesen mit eigenen Wünschen und Ängsten. Diese Trennung wird in einer Szene besonders deutlich: Sue, inzwischen eine erfolgreiche Fernsehmoderatorin, betrachtet ihr Spiegelbild und berührt staunend ihr Gesicht. Es ist ein Moment puren Horrors – sie sieht sich selbst, erkennt aber die Frau, die ihr entgegenblickt, nicht wieder. Mit der Verdopplung, einem Motiv, das sich durch die gesamte Handlung zieht, unterstreicht der Film seine Themen Identität und Selbstwahrnehmung zusätzlich. Von den zwei Versionen Elisabeths bis hin zu den Spiegelbildern, die ihren Verfall zeigen, nutzt The Substance die Bildsprache, um seine zentralen Themen zu verdeutlichen.

Auch die feministische Perspektive des Films ist bemerkenswert. Während sich viele Horrorfilme über ältere Frauen auf deren Niedergang oder Viktimisierung konzentrieren, zeichnet The Substance ein differenzierteres Bild. Elisabeth ist nicht bloß ein Opfer ihrer Umstände, sondern eine komplexe Figur, deren Entscheidungen zu ihrem eigenen Untergang führen. Der Film verschweigt die Folgen ihres Handelns nicht, begegnet ihr zugleich aber mit Mitgefühl und Verständnis. Eine ältere Frau wird im Horrorgenre nur selten auf diese Weise dargestellt: als Figur, die weder Monster noch Opfer, sondern ein vollständig ausgearbeiteter Mensch ist.

The Substance hebt sich außerdem durch seine Auseinandersetzung mit der dunklen Seite der Prominentenkultur ab. Besonders wirkungsvoll ist die Satire, wenn sie die Besessenheit der Branche von Jugend und Schönheit ins Visier nimmt. Harveys Entlassung Elisabeths wegen ihres Alters ist ein brutaler Kommentar zu Hollywoods Altersdiskriminierung. Dass Sue von derselben Branche gefeiert wird, die Elisabeth zurückgewiesen hat, macht die Heuchelei einer Industrie deutlich, der Jugend über alles geht.

Ein weiteres herausragendes Merkmal sind die praktischen Effekte. In einer Zeit, die von CGI geprägt ist, wirkt Fargeats Entschlossenheit, auf hyperrealistische praktische Effekte zu setzen, erfrischend. Prothesen, Ganzkörperanzüge und Puppenspiel schaffen ein greifbares, unmittelbares Erlebnis, das das Publikum in die albtraumhafte Welt des Films eintauchen lässt. Das Kunstblut verstärkt diesen Effekt und erzeugt eine Unmittelbarkeit und Intensität, mit der CGI nicht mithalten kann.

Allerdings kann der Einsatz grotesker Bilder bisweilen übertrieben wirken. So eindrucksvoll sie zweifellos sind, verdrängen sie gelegentlich die tieferen Themen des Films. Auch im zweiten Akt stockt das Tempo, weil sich der Wechsel zwischen Elisabeth und Sue wiederholt. Diese Passagen hätten gestrafft werden können, um den Schwung des Films zu erhalten und das Publikum bei der Stange zu halten.

Trotz dieser Schwächen ist The Substance eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Identität, dem Altern und gesellschaftlichem Druck. Der Film verlangt Aufmerksamkeit und scheut sich nicht davor, sein Publikum zu verstören. Die Leistungen von Moore und Qualley sind herausragend und verleihen der Absurdität des Films emotionale Wahrhaftigkeit. Fargeats Regie kennt keine Kompromisse; ihre Kamera verweilt mit klinischer Präzision auf den verstörendsten Momenten und verstärkt so deren Wirkung.

The Substance richtet sich an ein Publikum, das sich den dunkleren Seiten der menschlichen Natur stellen will. Der Film ist keine leichte Kost, aber die Auseinandersetzung mit Themen, die im Mainstreamkino allzu oft ignoriert werden, lohnt sich. Seine feministische Perspektive und der schonungslose Blick auf das Altern machen ihn zu einem herausragenden Beitrag zum Horrorgenre.

Letztlich ist The Substance ein Film, der noch lange nach dem Abspann nachwirkt. Er ist nichts für Zartbesaitete oder Menschen, denen schnell übel wird, aber eine kraftvolle Auseinandersetzung mit Themen, die allzu oft ignoriert werden.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.