Filmkritiken

They Cloned Tyrone: Die existenzielle Krise eines Klons im rauen Sci-Fi-Kino

Martin Cid
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Die Auftaktszene von They Cloned Tyrone ist eine Pointe, die mit trockener Präzision sitzt: Fontaine (John Boyega), ein Drogendealer, der sich durch die rauen Straßen des Glen schlägt, kassiert eines Abends bei Slick Charles (Jamie Foxx) – nur um Augenblicke später von einem Rivalen erschossen zu werden. Am nächsten Morgen ist er wieder am Leben und kann sich an die Gewalt des Vorabends nicht erinnern. Diese absurde Ausgangslage bildet den Auftakt zu Juel Taylors Regiedebüt, einem Film, der Blaxploitation-Ästhetik mit Sci-Fi-Verschwörung und schwarzem Humor verbindet und sich zugleich mit systemischer Unterdrückung und Identität auseinandersetzt.

Taylor und sein Co-Autor Tony Rettenmaier haben ein kluges, selbstreflexives Drehbuch geschrieben, das mit Genrekonventionen spielt und dabei ernste Themen verhandelt. Am stärksten ist der Film in den Szenen mit seinem zentralen Trio: Fontaine, Slick Charles und Yo-Yo (Teyonah Parris), deren Zusammenspiel die Handlung trägt. Boyega überzeugt mit einer herausragenden Leistung und verbindet Fontaines harte Schale mit Verletzlichkeit, während dieser mit der Erkenntnis ringt, dass sein ganzes Leben eine Lüge sein könnte. Boyegas Darstellung besitzt eine rohe Intensität, besonders in den Momenten, in denen Fontaine sich mit der Möglichkeit auseinandersetzt, gar nicht wirklich zu existieren. Ein besonders eindrücklicher Augenblick: Fontaine blickt in sein Spiegelbild, während die Kamera auf seinem Gesicht verweilt und er begreift, was es bedeutet, ein Klon zu sein. Diese zurückhaltende, aber wirkungsvolle Entscheidung unterstreicht das zentrale Thema des Films: die Identität.

Foxx verleiht Slick Charles sein unverwechselbares Charisma. Die Figur bewegt sich zwischen komischer Auflockerung und echter Tragik. Foxx beweist dabei ein meisterhaftes Gespür für Timing – besonders dann, wenn Slicks großspurige Fassade unter der Last der aufgedeckten Verschwörung bröckelt. Bemerkenswert ist auch Foxx’ körperliches Spiel: Seine übertriebenen Gesten und ausdrucksstarken Reaktionen geben Slick Charles zusätzliche Facetten und machen ihn zu mehr als einem bloßen Sidekick. In einer Szene zieht Slick eine rätselhafte weiße Substanz durch die Nase, weil er sie für Kokain hält, und muss daraufhin unkontrolliert lachen. Foxx’ komödiantisches Timing ist hier perfekt; zugleich kommentiert der Moment auf drastische Weise, wie Drogen zur Ware werden und welche Folgen das für marginalisierte Gemeinschaften hat.

Parris verleiht dem Film derweil emotionale Tiefe und Bodenhaftung. Yo-Yo ist weit mehr als das moralische Gewissen des Trios: Sie ist eine selbstbestimmte Frau, die sich in einer Welt behaupten muss, die darauf ausgelegt ist, sie auszunutzen. Parris stattet Yo-Yo mit stiller Stärke aus und macht sie zu einer der faszinierendsten Figuren des Films. Besonders eindrucksvoll ist sie in den Szenen, in denen Yo-Yo das Heft in die Hand nimmt – etwa als sie den Restaurantmanager verführt, um die Wahrheit über das Überwachungssystem des Glen herauszufinden. Wie Parris Verletzlichkeit und Widerstandskraft miteinander verbindet, zeugt von ihrem schauspielerischen Können.

Die Dynamik der drei Hauptfiguren ist elektrisierend: Ihre Wortgefechte sind pointiert, ihre Verbundenheit ist spürbar. In ihren Begegnungen liegen Dringlichkeit und Verzweiflung, passend zu dem hohen Einsatz, um den es für sie geht. Die Dialoge sprühen vor Witz und Verstand und sind oft zugleich Gesellschaftskommentar. Als Fontaine beispielsweise Slick fragt, warum er eine unbekannte Substanz durch die Nase ziehen würde, antwortet dieser: „Weil sie eben da war.“ Dieser Austausch bringt die Kritik des Films an systemischer Unterdrückung auf den Punkt: Marginalisierte Gemeinschaften geraten oft in Situationen, in denen ihnen nichts anderes übrig bleibt, als Risiken einzugehen.

Visuell knüpft They Cloned Tyrone an seine Retro-Vorbilder an: von der körnigen Bildgestaltung bis zum synthlastigen Soundtrack, der an klassische Blaxploitation-Filme erinnert. Taylor führt souverän Regie, besonders in den Szenen im unterirdischen Labor, in denen surrealer Horror und Gesellschaftskritik ineinandergreifen. Das weitläufige Labor unter dem Glen wird zum Sinnbild für die systemische Unterdrückung Schwarzer Gemeinschaften. Hier treten die Themen des Films klar hervor: die Ausbeutung marginalisierter Bevölkerungsgruppen, die Auslöschung von Identität und der Kampf um Selbstbestimmung.

Kiefer Sutherland ist als Nixon, der für die Experimente verantwortliche Wissenschaftler und Gegenspieler, eine besondere Entdeckung. Seine unheimlichen Monologe darüber, durch Kontrolle Frieden zu schaffen, trägt er mit eiskalter Präzision vor und wird so zu einem ernst zu nehmenden Antagonisten. Die Szenen zwischen Nixon und dem Trio sind spannungsgeladen – vor allem, als er das ganze Ausmaß seiner Experimente an den Bewohnern des Glen offenlegt. Sutherlands Darstellung ist ein Lehrstück subtiler Bedrohlichkeit: Seine ruhige Art lässt die Brutalität seiner Taten nur umso deutlicher hervortreten.

Im dritten Akt gerät der Film allerdings aus dem Takt, als die Verschwörung in Chaos mündet. Die Actionszenen machen zwar Spaß, erreichen aber nicht die Präzision von Taylors ruhigeren Momenten. Einige Wendungen wirken überhastet statt verdient, und der Humor des Films schwächt bisweilen seine düsteren Themen ab – mit einem abrupten Wechsel der Tonlage als Folge. Auch die Kritik an systemischer Unterdrückung gerät stellenweise zu plakativ und opfert Nuancen zugunsten des Schockeffekts.

Dennoch ist They Cloned Tyrone ein mutiges, wenn auch unausgewogenes Debüt. Der Film will vieles zugleich sein: ein Spiel mit Genreversatzstücken, eine Gesellschaftskritik und ein charaktergetriebenes Drama. Das gelingt ihm nicht immer, doch sein Ehrgeiz ist beachtlich. Seine Stärken liegen in den schauspielerischen Leistungen und in der Bereitschaft, komplexe Themen direkt anzugehen. Wer kluge, gesellschaftlich wache Science-Fiction schätzt, dürfte an diesem Film Gefallen finden – besonders, wenn sich darin Humor und Horror verbinden.

Letztlich ist They Cloned Tyrone ein Film für alle, die Science-Fiction gern mit einer Prise Gesellschaftskritik sehen. Perfekt ist er nicht, doch er hebt sich erfrischend vom üblichen Genreangebot ab und eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf Identität und Unterdrückung.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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