Kino

Werner Herzog fehlt noch der Wettbewerbslöwe — was die ersten Tage am Lido verraten

Jun Satō

Vor dreißig Tagen war jede Prognose zu Venedig 83 ein Argument aus Methode und Besetzung, denn kein einziges Bild war gelaufen. Vier Wettbewerbstage später hat das Festival bereits zweimal laut gesprochen: Danny Boyles Ink eröffnete mit fünf Minuten Applaus, Martin McDonaghs Wild Horse Nine holte vierzehn, die längste Standing Ovation der Ausgabe. Doch das Schwergewicht kommt erst noch — und mit ihm die deutsche Frage des Festivals: Werner Herzog, im Vorjahr mit dem Goldenen Ehrenlöwen bedacht, hat den Wettbewerbslöwen in sechs Jahrzehnten nie gewonnen. Zwei Kategorien ruhen jetzt auf harten Belegen. Fünf bleiben Prognose, und das Feld hat sich schon verschoben.

Genau diese Lücke ist ein Jury-Narrativ: Ein Gremium, das zögert, Herzog ganz zu krönen, kann sich in Richtung eines Silbernen Löwen bewegen — und Bucking Fastard, mit Rooney und Kate Mara als Schwestern, ist der Film, an dem sich das entscheidet. Cannes hatte ihn abgelehnt; Venedig gab ihm den Wettbewerbsplatz. Über allem steht eine Jury, die mangels vorgelagerter Preissaison schwerer wiegt als anderswo: Präsidentin Maggie Gyllenhaal mit Johnnie To, Kaouther Ben Hania und Shahrbanoo Sadat, ein Raum, der Darstellungstextur und moralischen Ernst höher gewichtet als das Spektakel. Durch diese Linse sind die folgenden Tipps zu lesen.

Goldener Löwe

Tipp bleibt Possible Love (Lee Chang-dong), wegen der Fallhöhe — doch der Film lief noch nicht, also bleibt es eine Hypothese. Was sich änderte: der Saal. Die vierzehn Minuten für Wild Horse Nine machen McDonagh zur echten Bedrohung für den Hauptpreis, nicht nur fürs Drehbuch. Risiko: der Favorit ist noch unsichtbar, während der Herausforderer die Sala Grande bereits erobert hat.

Silberner Löwe — Großer Preis der Jury

Bleibt bestehen: Bucking Fastard (Werner Herzog), noch ungesehen. Es ist der Preis, den eine Jury, die zögert, ihn ganz zu krönen, genau für dieses Zögern bereithält — ungelöste Rechnung als Jury-Narrativ. Neuer Druck: Wird die Liebe zu Wild Horse Nine nicht zum Goldenen Löwen, landet sie hier. Risiko: Herzog ist ungesehen, und seine Filme kommen erhaben oder leblos, ohne Vorwarnung.

Silberner Löwe — Beste Regie

War Kore-eda für Look Back, noch ungezeigt. Was sich änderte: Boyle. Ink landete als pure Regie-Geschwindigkeit — eine Vorstandssitzung montiert wie ein Raubzug — und genau das belohnt dieser Handwerkspreis. Boyle steigt vom Außenseiter zum Mitfavoriten. Kore-eda bleibt der Tipp über die Methode, Boyle ist die im Saal entstandene Bedrohung. Risiko: ein regielastiger Wettbewerb macht den Preis zum Trost für den knapp am Löwen gescheiterten Film.

Coppa Volpi — Bester Darsteller

War Vincent Lindon für Good Little Soldier (Brizé), noch zu zeigen. Was sich änderte: die gelaufenen Filme füllten die Spur. Guy Pearces Murdoch in Ink holte die ersten Jubelstürme, und Malkovich und Rockwell gelten in Wild Horse Nine als preiswürdig. Lindon bleibt der Tipp — Venedig liebt das Innerliche — doch Pearce ist der Name, den diese vier Tage hervorbrachten. Risiko: ein Zwei-Personen-Stück spaltet Malkovich und Rockwell.

Coppa Volpi — Beste Darstellerin

War Alicia Vikander in The Echo Chamber (Pallaoro), ungesehen. Auch Cruz in Bunker und Jeon Do-yeon in Possible Love liefen nicht. Kein Schauspielerinnen-Vehikel wurde bislang gezeigt — der am schwächsten belegte Tipp der Tafel. Vikander bleibt wegen Pallaoros Bilanz mit genau diesem Preis, doch das ganze Rennen läuft nächste Woche. Risiko: total — noch reines Papier.

Bestes Drehbuch

War Martin McDonagh für Wild Horse Nine — und hat sich zum sichersten Tipp der Tafel verhärtet. Vierzehn Minuten Applaus, eine zitierfähige Zeile nach der anderen, und eine Jury, die seine Schreibkunst am Lido bereits 2017 und 2022 auszeichnete. Risiko: das Paradox des Erfolgs — gewinnt der Film höher, verteilt die Jury und gibt das Drehbuch an Nanni Moretti, den Heimfavoriten.

Spezialpreis der Jury

War Mr. Nelson, Did You Kill People? (Shinya Tsukamoto) — und die Aufnahme bestätigte das Profil. Der Film spaltete die Kritik genau wie prognostiziert: für die einen erschütternd, für die anderen einer der sperrigsten Beiträge des Wettbewerbs, Rodney Hicks‘ Hauptrolle durchweg gelobt. Diese Polarisierung ist die exakte Form, die dieser Preis belohnt. Bleibt, gestärkt. Risiko: zu schroff, als dass die Jury ihn überhaupt ehrt; DAU und Ali Asgaris A Bit of Light lauern noch.

Die Karte: sicher und offen

So gut wie sicher, soweit D-7 es zulässt: Bestes Drehbuch für McDonagh — der einzige Tipp mit harten Belegen — während sich der Spezialpreis um Tsukamoto verdichtet. Wirklich offen: der Goldene Löwe (Favorit ungezeigt, McDonagh im Aufwind), die Regie (Boyle gegen Kore-eda, einer gesehen, einer nicht), der Darsteller (drei gezeigte Rivalen umzingeln einen unsichtbaren Favoriten) und die Darstellerin, wo noch niemand spielte. Die brauchbare Lesart: aufs Drehbuch setzen, den Rest halten.

Wie man zusieht, und worauf zu achten ist

Die Abschlussgala von Venedig 83 läuft am Samstag, den 12. September, um 19:00 Uhr Ortszeit vom Lido, mit dem Urteil der Jury unter Maggie Gyllenhaal. Drei Dinge vorher im Blick behalten: Possible Love am 6. September, das entscheidet, ob unser Löwen-Tipp die Leinwand übersteht; Bunker am 8. September, das größte fehlende Stück im Darstellerinnen-Rennen; und ob ein Titel — derzeit Wild Horse Nine — auf einen Triumphzug zusteuert. MCM begleitet den Abend live und prüft jede dieser Prognosen am Ergebnis.

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