Sport

Al Michaels mit 81 noch am NFL-Mikrofon, und jeder Patzer zählt doppelt

Penelope H. Fritz
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Al Michaels
Al Michaels
Photo: Keith Allison from Hanover, MD, USA / CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Geboren12. November 1944
Brooklyn
BerufSportkommentator
AuszeichnungenPete Rozelle Radio-Television · Ford C. Frick · Emmy · Television Academy Hall of Fame · Star on the Hollywood Walk of Fame

Es gibt zwei Al Michaels. Der erste wird nie älter. Er lebt in wenigen Sekunden Hockeykommentar aus Lake Placid: Seine Stimme wird immer eindringlicher, während die Zeit für die sowjetische Mannschaft abläuft. Dann stellt er die wohl meistzitierte Frage der amerikanischen Sportberichterstattung: „Glaubst du an Wunder? Ja!“ Der zweite sitzt donnerstagabends neben Kirk Herbstreit bei Prime Video und liest in letzter Zeit freitagmorgens, dass er in den Ruhestand gehen sollte. Es ist derselbe Mann. Das Schwierige an seiner späten Karriere ist, dass der erste den zweiten immer wieder an sich misst.

Am Anfang deutete nichts auf eine Karriere am Kommentatorenpult hin. Michaels stammt aus Brooklyn, machte aber in Los Angeles seinen Schulabschluss. An der Arizona State University studierte er Radio und Fernsehen. Sein erster Job beim Fernsehen hatte mit Sport nichts zu tun: Bei Chuck Barris Productions half er bei der Auswahl der Frauen, die in The Dating Game auftraten. Zum Sport kam er über die Minor Leagues: Er kommentierte Spiele der Hawaii Islanders in der Pacific Coast League und arbeitete dann für die Cincinnati Reds, die ihn fürs Radio engagierten und als Reds-Kommentator für eine World Series zu NBC holten. Auf eine Station bei den San Francisco Giants folgte schließlich ABC Sports.

Sein Weg führte ihn 1968 nach Honolulu, 1971 nach Cincinnati und 1972 zur World Series. Mitte der 1970er-Jahre war er bei ABC, das ihn zu den Olympischen Winterspielen 1980 schickte, um Eishockey zu kommentieren. Am 22. Februar besiegte die amerikanische College-Auswahl die Sowjetunion mit 4:3. Es war ein Spiel der Medaillenrunde, nicht das Finale; die USA mussten zwei Tage später noch Finnland schlagen, um Gold zu gewinnen. Ein großer Teil des Landes sah die Partie an jenem Abend zeitversetzt. Für die Erinnerung spielt das alles keine Rolle. Michaels’ Kommentar tat etwas, wozu ein guter Livekommentar nur selten Gelegenheit bekommt: Er gab dem Gefühl der Zuschauer genau in dem Moment einen Namen, in dem sie es empfanden.

Neun Jahre später saß er im Candlestick Park beim dritten Spiel der World Series 1989 zwischen den Giants und den Oakland Athletics am Kommentatorenpult, als sich wenige Minuten vor dem ersten Pitch das Erdbeben von Loma Prieta ereignete. Michaels, der die Bay Area noch aus seiner Zeit bei den Giants kannte, war nun kein Baseballkommentator mehr, sondern berichtete aus dem Produktionswagen von ABC über die Katastrophe. Für diese Berichterstattung erhielt er eine Emmy-Nominierung im Nachrichtenbereich – ein ungewöhnlicher Eintrag im Lebenslauf eines Sportkommentators.

Von 1986 bis 2005 kommentierte er Monday Night Football, den prominentesten Job im Sport. Das Team am Mikrofon wechselte im Lauf der Jahrzehnte: erst Frank Gifford und Dan Dierdorf, dann Boomer Esiason und Dan Fouts, anschließend der Komiker Dennis Miller in einem Experiment, das ABC nach zwei Spielzeiten beendete, und schließlich John Madden. Als Madden zu NBCs neuer Sendung Sunday Night Football wechselte, wollte Michaels ihm folgen. Doch er stand bei ABC und ESPN unter Vertrag. Am 9. Februar 2006 bestätigte NBC, dass Michaels aus seinem Vertrag entlassen werde – und der Preis dafür umfasste auch eine Zeichentrickfigur. Disney, der Mutterkonzern von ESPN, erhielt die Rechte an Oswald the Lucky Rabbit, der Figur, die Walt Disney geschaffen und in den 1920er-Jahren an Universal verloren hatte. Dazu kamen Kabelrechte am Ryder Cup und weitere Olympiahöhepunkte für ESPN. Bob Iger wollte Oswald zurück. Michaels wurde zum einzigen Kommentator, der jemals gegen einen Hasen eingetauscht wurde.

Die Jahre bei NBC waren ein langes Hochplateau. Von 2006 bis 2021 kommentierte er Sunday Night Football, bis 2009 an der Seite von Madden und danach mit Cris Collinsworth. Seine Zahl der Super-Bowl-Übertragungen bei ABC und NBC stieg auf elf; die letzte fand im Februar 2022 statt. Bis dahin hatte er den Super Bowl, die World Series, die NBA Finals und das Stanley-Cup-Finale kommentiert. Die Pro Football Hall of Fame verlieh ihm 2013 den Pete Rozelle Radio-Television Award, und 2021 kam der Ford C. Frick Award der Baseball Hall of Fame hinzu – eine doppelte Auszeichnung, die nur wenige Kommentatoren vorweisen können.

Dann kam der Teil, den ein Denkmal nicht abbildet. 2022 wechselte Michaels zu Amazons Thursday Night Football, während NBC ihn für Play-off-Spiele in einer „emeritierten“ Rolle behielt. Im Dezember 2023 wurde bekannt, dass NBC ihn aus seiner Play-off-Berichterstattung gestrichen hatte. Bei Prime Video fielen die Kritiken an der Saison 2025 hart aus: Kritiker verwiesen auf einen missglückten Kommentar zu einer Situation an der Goal Line und auf das Spiel Rams gegen Seahawks in Week 16, bei dem Michaels ihrer Meinung nach nicht überzeugte. In dieser Saison sind die Beschwerden konkreter und wiederholen sich. Beim Spiel der Steelers gegen die Browns am 1. Oktober 2026 bezeichnete er den Defensive Tackle der Cleveland Browns, Mason Graham, als Spieler von Michigan State, während Graham mit einer Knieverletzung am Boden lag. Graham spielte für Michigan. Die Geschichte um Deshaun Watson tat Michaels mit den Worten ab: „Wir müssen nicht die ganze Deshaun-Watson-Geschichte durchgehen.“ Analysten wie Warren Sharp und Sam Monson sowie Conor Orr von Sports Illustrated stimmten in die Kritik ein. Im Januar hatte Michaels gegenüber dem Sports Business Journal seinen eigenen Maßstab formuliert: „Ich mache weiter, solange ich kann oder solange man mich haben will. Aber ich muss wissen, dass ich das Spiel auf einem Niveau kommentieren kann, mit dem ich zufrieden bin.“ Seine Kritiker stellen immer wieder die Frage, ob er dieses Niveau noch selbst richtig beurteilt.

Es liegt eine Ironie darin, dass seine Stimme ihn inzwischen nicht mehr unbedingt braucht. Für die Olympischen Spiele 2024 in Paris trainierten NBC und Peacock ein Modell künstlicher Intelligenz mit Michaels’ früheren Kommentaren und setzten es ein, um personalisierte Höhepunkt-Zusammenfassungen in Your Daily Olympic Recap zu vertonen. Michaels stimmte nach einer Vorführung zu und beschrieb das Ergebnis später gegenüber Vanity Fair so: „Ehrlich gesagt war es verblüffend. Es war unglaublich. Und ein bisschen beängstigend.“ Ein Sender kann Al Michaels’ Stimme nun weiter einsetzen, ohne sich zu fragen, ob Al Michaels einen schlechten Abend hat.

Seine eigene Version der Geschichte erzählte er in You Can’t Make This Up, seinen 2014 gemeinsam mit L. Jon Wertheim verfassten Memoiren. Abseits des Kommentatorenpults verlief sein Leben für einen Beruf, der von Reisen geprägt ist, ungewöhnlich beständig. Im August 1966 heiratete er Linda Anne Stamaton; das Paar hat zwei Kinder, Jennifer und Steven. Sein Bruder David Michaels arbeitet als Fernsehproduzent. Geboren am 12. November 1944, wird Michaels diesen November mitten in der Saison 82 Jahre alt.

Prime Video bestätigte im Januar, dass Michaels 2026 zurückkehren wird. Es ist seine fünfte Saison am Donnerstagabend, an der Seite von Herbstreit und der Reporterin am Spielfeldrand, Kaylee Hartung. Beide Seiten beschreiben die Vereinbarung gleich: Jahr für Jahr. Die nächste Entscheidung ist jene, von der Michaels gesagt hat, dass sie bei ihm liegt. Ob er sie nach seinen eigenen Vorstellungen trifft oder ob die Freitagmorgen sie ihm abnehmen, ist die letzte offene Frage in einer Karriere, die mit der berühmtesten Frage von allen begann.

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