KI

HarperCollins und Simon & Schuster lassen Klappentexte von ChatGPT schreiben

Adrian Kessler
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Drei der fünf größten Verlage der USA nutzen ChatGPT und Claude, um Texte für Buchumschläge, Amazon-Angebote und Goodreads-Seiten zu verfassen. Das geht aus einer Recherche von WIRED hervor. Mehr als zwei Dutzend Beschäftigte bei HarperCollins, Simon & Schuster und Hachette berichteten, dass Chatbots Werbetexte, E-Mails an Literaturagenten, Marketingvideos und sogar Coverbilder entwerfen – ohne dies öffentlich offenzulegen oder die Zustimmung der betroffenen Autoren einzuholen.

Besonders bitter ist der Widerspruch: Nach außen gibt sich die Verlagsbranche als eine der lautstärksten Gegnerinnen generativer KI. Sie klagt wegen Urheberrechtsverletzungen und sagt Bücher ab, wenn der Verdacht besteht, dass ihre Autoren ein Sprachmodell zum Schreiben eingesetzt haben. In derselben Branche sind die Werkzeuge längst normale Bürosoftware. Wer einen Roman kauft, weil ihn der Klappentext anspricht, kann jedoch nicht wissen, wer – oder was – diesen Text verfasst hat.

Bei HarperCollins schafften Führungskräfte Lizenzen für Claude von Anthropic an und wussten anschließend, wie ein derzeitiger Mitarbeiter berichtet, zunächst nicht recht, was sie damit anfangen sollten. Dutzende Beschäftigte wurden zu „AI Champions“ ernannt und sollten in monatlichen Ideensitzungen nach Einsatzmöglichkeiten suchen. Der Verlag bezahlt außerdem für ChatGPT und Jasper, eine Plattform, die Marketingabläufe von Anfang bis Ende abwickeln soll. Eine Abteilung setzt inzwischen voll auf KI – auch für Marketingvideos, die damit erstellt werden.

Bei Simon & Schuster veranstalteten Vertreter von OpenAI einen Workshop für die Belegschaft und empfahlen ChatGPT zum Verfassen von E-Mails an Literaturagenten. Die Agenten wiederum begannen, Absagen derselben Lektoren miteinander zu vergleichen. Dabei fielen ihnen wiederkehrende Standardformulierungen auf: kontrastierende Satzkonstruktionen und Dreierlisten, an denen sich maschinell verfasste Texte erkennen lassen. Beschäftigte aller drei Verlage sagten WIRED, sie seien überzeugt, dass die Agenten richtiglagen.

Am meisten beunruhigt die Agenten, welche Inhalte in die Chatbots eingegeben werden. Einige haben Vertragsklauseln ergänzt, die es untersagen, Texte von Autoren durch ein großes Sprachmodell laufen zu lassen. Denn wird ein Manuskript in einen frei zugänglichen Chatbot kopiert, verlässt es die Systeme des Verlags und landet auf den Servern eines KI-Unternehmens. Eine Quelle bei HarperCollins berichtete, Lektoren, die gefragt hätten, ob sie ein vollständiges Manuskript in ein solches Werkzeug eingeben dürften, sei dies von der Rechtsabteilung untersagt worden. Diese Regel stammt aus der Rechtsabteilung und wurde den Menschen, die die Bücher geschrieben haben, nie mitgeteilt.

Übersetzungen sind das nächste Konfliktfeld – und die Folgen reichen weit über die USA hinaus. HarperCollins-Geschäftsführer Brian Murray sagte, KI könne dem Unternehmen dabei helfen, mehr übersetzte Bücher und Hörbücher herauszubringen. Lektoren berichteten WIRED, sie hätten auf den Buchmessen in Frankfurt und London maschinell übersetzte und entsprechend gekennzeichnete Manuskripte im Angebot gesehen. Dort kaufen Verlage die Rechte an ausländischen Titeln. Jede Ausgabe, die eine Landesgrenze überschreitet, läuft über diesen Markt.

Die Unternehmen beschreiben einen enger gefassten Einsatz. Hachette erklärte, man unterstütze KI „für betriebliche Zwecke“, nicht aber für kreative Anwendungen – dazu zähle auch die Kommunikation mit Autoren und Partnern. Simon & Schuster teilte mit, Beschäftigte dürften eine begrenzte Auswahl geprüfter Unternehmenstools nutzen, seien dazu aber nicht verpflichtet. Die Recherche stützt sich größtenteils auf anonyme Aussagen. Die Vermutungen zu den Absageschreiben beruhen auf stilistischen Auffälligkeiten, nicht auf Beweisen, und Software zur KI-Erkennung ist alles andere als zuverlässig. Unstrittig ist jedoch die zentrale Lücke: Keiner der drei Verlage hat Lesern oder Autoren mitgeteilt, bei welchen Covern, Klappentexten oder Werbetexten KI im Spiel war.

Mehrere Beschäftigte beschreiben den Wandel eher als Folge von Überlastung denn als Ausdruck von Begeisterung. Entlassungen hätten manche Teams auf fünf oder sechs Personen verkleinert, die nun zwei- bis dreimal so viele Titel betreuten, sagte ein Mitarbeiter WIRED. Der immer wieder angebotene Ausweg der Geschäftsleitung sei ein Chatbot.

In diesem Monat wurde der Konflikt öffentlich. Beschäftigte von Simon & Schuster verbreiteten einen offenen Brief an Geschäftsführer Greg Greeley, den ehemaligen Amazon-Manager, der im März die Leitung übernommen hatte. Darin wandten sie sich gegen einen Testlauf mit Skan AI, einem Werkzeug zur Überwachung und Automatisierung von Arbeitsabläufen, das die Beschäftigten mit KKR in Verbindung brachten – der Investmentgesellschaft, die den Verlag 2023 gekauft hatte. Am 6. Oktober teilte Greeley der Belegschaft mit, das Unternehmen habe das Produkt geprüft, aber noch nicht entschieden, ob es dieses oder ein vergleichbares Überwachungswerkzeug einsetzen werde.

Agenten und Lektoren fordern etwas eher Bescheidenes: klare Regeln dazu, was wann eingesetzt wird. Bei HarperCollins habe es bislang keinerlei Vorgaben dazu gegeben, was man den Autoren sagen solle, berichtete ein Mitarbeiter. Er glaube, die Geschäftsleitung wisse, dass eine ehrliche Antwort einen Aufschrei auslösen würde.

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