Filmkritiken

Drei Töchter macht aus einer engen Wohnung ein erschütterndes Schauspielerduell über Trauer

Azazel Jacobs' Kammerspiel (2024) mit Carrie Coon, Natasha Lyonne und Elizabeth Olsen findet den Schmerz in einem Streit um Äpfel.
Martha O'Hara
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Drei Frauen, eine enge New Yorker Wohnung und ein Mann im Nebenzimmer, der stirbt: Mehr Ausgangslage braucht Azazel Jacobs in Drei Töchter nicht. Vincent, gespielt von Jay O. Sanders, liegt am Ende einer Krebserkrankung zu Hause in der Hospizpflege, und seine Töchter Katie, Rachel und Christina finden sich in der alten, mietpreisgebundenen Familienwohnung bei ihm ein. Wer in den vergangenen Monaten wie viel für ihn getan hat, wird schon in den ersten Szenen zum Streitstoff.

Jacobs hat bereits mit Momma’s Man (2008) gezeigt, dass er Familien genau beobachten kann, ohne sie vorzuführen. Auch hier schreibt und inszeniert er selbst, und das Drehbuch trägt den Film. Katie (Carrie Coon) lebt in Brooklyn, also nicht weit entfernt, und hat sich bei ihrem Vater trotzdem nur selten blicken lassen. Rachel (Natasha Lyonne) ist nur seine Stieftochter, hat aber die ganze Krankheit über bei ihm gewohnt. Christina (Elizabeth Olsen) steht zwischen den beiden. Aus diesem Gefälle entsteht jeder Konflikt. Katie hält Rachel vor, dass sie in der Wohnung Marihuana raucht und versäumt hat, Vincent eine Verfügung gegen Wiederbelebung unterschreiben zu lassen, solange er noch klar bei Verstand war. Rauchen darf Rachel nur noch draußen, als Zeichen des Respekts gegenüber der Familie. Und im Kühlschrank findet Katie nichts außer drei Beuteln Äpfel, was sie ihrer Schwester sofort als Versäumnis anrechnet.

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Die Stärke von Drei Töchter liegt in den Dialogen, die nie nach Drehbuch klingen. Katie schreibt an einer Todesanzeige für Vincent und findet keinen ersten Satz. Rachel verfolgt Sportwetten, als könnte sie sich so von allem anderen ablenken, und weigert sich, das Schlafzimmer zu betreten, in dem Vincent bewusstlos liegt. Ihre Schwestern deuten das als Kälte. Der Film lässt offen, ob es nicht eher Angst ist.

Den Wendepunkt bringt Benji (Jovan Adepo), Rachels Freund. Er will nicht länger mit ansehen, wie die Schwestern, vor allem Katie, mit ihr umgehen. Rachel hat ihn gebeten, sich herauszuhalten, er tut es trotzdem. Er hält ihnen vor, dass Rachel fast den ganzen Verfall über die Einzige war, die sich um Vincent gekümmert hat, und dass sie ihm die Äpfel schnitt, als er kaum noch etwas anderes aß. Damit bekommt der Kühlschrankvorwurf von zuvor ein völlig anderes Gewicht. Benji war außerdem mit Vincent befreundet und hat Katie bei ihrem letzten Besuch getroffen, vor ein paar Monaten, auch wenn sie ihn eben noch einen Fremden genannt hat. Das sitzt.

Danach eskaliert der Streit. Katie versucht sich an einer Entschuldigung, Rachel weist sie wütend zurück, und Christina schreit dazwischen, sie hasse sie beide. Als Katie schon ans Heimfahren denkt, entschuldigt sich Christina bei beiden für ihren Ausbruch. Katie bittet schließlich Rachel um Verzeihung, aber nur dafür, dass sie sich in Sachen Äpfel geirrt hat, und Coon spielt diese halbe Geste so, dass man Stolz und Reue gleichzeitig sieht. Dann kommt Katie auf die Wohnung, deren Mietvertrag nach Vincents Tod auf Rachel übergeht. Rachel sagt, sie sei nur geblieben, um ihn zu pflegen, und werde ausziehen. Als Katie daraufhin andeutet, Rachel sei weniger Vincents Tochter als sie selbst, antwortet Rachel unter Tränen, Vincent sei der einzige Vater gewesen, den sie je hatte. Lyonne spielt Rachel mit einer Gereiztheit, hinter der man die Erschöpfung ahnt, und in diesem Satz verbirgt sie am wenigsten. Coon gibt Katie etwas Starres, Kontrollierendes. Olsen hat die undankbarste Aufgabe, weil Christina vor allem vermitteln muss, und macht trotzdem aus jedem Moment der Hilflosigkeit etwas Eigenes.

Nicht alles überzeugt. Der Streit um die Wohnung und um die Frage, wer sich gekümmert hat, dreht sich einige Male im Kreis, und die Wiederholung ermüdet an manchen Stellen mehr, als sie erhellt. Angel (Rudy Galvan), der Mitarbeiter des Hospizdienstes, kommt mit der Pflegerin ins Haus, warnt die Schwestern vor einem plötzlichen Tod und liegt mit seinen Prognosen später mehrfach daneben. Das ist als Quelle für Komik brauchbar, und über seine Fehlprognosen finden Katie und Rachel am nächsten Tag zum ersten Mal wieder zueinander, doch die Figur bleibt mehr Funktion als Mensch. Auch Christina bekommt neben Katie und Rachel merklich weniger Raum.

Der Film wurde am 9. September 2023 beim Toronto International Film Festival uraufgeführt, startete am 6. September 2024 in ausgewählten US-Kinos und lief zwei Wochen später bei Netflix an. Die National Board of Review zählte ihn zu den zehn besten unabhängigen Filmen des Jahres 2024. Den Independent Spirit Robert Altman Award erhielten das Ensemble und Jacobs gemeinsam, und tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass dieser Film mit nur einer starken Darstellerin funktionieren würde.

Es wird gestritten, gelacht, geschwiegen und wieder gestritten, oft im selben Atemzug. Wer lange, dialoglastige Kammerspiele nicht mag, wird sich in dieser Wohnung eingesperrt fühlen, und das ist nicht ganz unbegründet: Eingesperrt sind auch die Figuren, mit einem Sterbenden hinter der Tür und mit Vorwürfen, die sie seit Jahren mit sich herumtragen. Dass Katie und Rachel am Ende gemeinsam über Angels Irrtümer lachen können, ist keine Versöhnung, eher ein brüchiger Waffenstillstand. Der Satz über den einzigen Vater, den Rachel je hatte, bleibt trotzdem der Moment, an den man sich erinnert.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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