Kino

Studios reißen sich um Florence Pughs ‚The Midnight Library‘ — die größte Wette ohne Franchise auf dem Markt von Cannes

Jun Satō

Ein Jahrzehnt lang lautete Hollywoods Arbeitsannahme, dass ein Film ohne Franchise im Rücken kein echtes Geld an der Kinokasse einspielen kann — dass das mittelbudgetierte, erwachsene Drama heute vor allem als Streaming-Füllmaterial überlebt. Der Bieterkrieg, der sich auf dem Markt von Cannes um The Midnight Library zusammenbraut, ist das lautstärkste Gegenargument zu dieser Idee seit Langem: ein rund 70 Millionen Dollar teures Fantasy-Drama, ohne Anknüpfung an Fortsetzungen und ohne Filmuniversum, das drei große Studios in jene Art Wettlauf zieht, die sonst IP mit einer Zahl hinter dem Titel vorbehalten ist.

Wie Deadline zuerst berichtete, greifen Paramount, Focus Features und Sony allesamt nach den Rechten für den Heimatmarkt und ausgewählte internationale Märkte des Films, der Florence Pugh mit Lion-Regisseur Garth Davis zusammenbringt. Diese Kombination ist der gesamte Pitch. Pugh hat die vergangenen Jahre damit verbracht zu beweisen, dass sie sowohl einen Blockbuster als auch ein intimes Drama tragen kann — zwischen Dune: Part Two und We Live in Time, ohne das Vertrauen des Publikums zu verlieren —, während Davis das Preissaison-Prestige eines Filmemachers mitbringt, dessen Debüt sechs Oscar-Nominierungen einfuhr.

Auch die Vorlage leistet ihren Teil. Matt Haigs Roman verkaufte sich millionenfach und hielt sich über Jahre auf den Bestsellerlisten; seine Prämisse — eine Frau zwischen Leben und Tod, die die Leben durchspielen darf, die sie nicht gewählt hat — ist jenes seltene literarische High Concept, das sich sauber in einen Trailer übersetzt. Für ein Studio verspricht das eine bereits vorhandene Leserschaft und einen Marketinghaken, der dem Publikum keine neue Mythologie beibringen muss.

Das Ausmaß der Jagd sagt etwas darüber aus, wo das Kinogeschäft sein nächstes Wachstum vermutet. Während Franchise-Müdigkeit eine wiederkehrende Schlagzeile ist und die Streamer sich aus dem Prestige-Ausgabenrausch von vor ein paar Jahren zurückziehen, ist ein fertig geschnürtes Star-Vehikel mit literarischem Stammbaum zur Mangelware geworden — und Knappheit ist es, die aus einer Marktvorführung eine Auktion macht. Welches Studio auch gewinnt, es wettet faktisch darauf, dass der Erwachsenenfilm noch in den Multiplex-Kalender gehört und nicht nur auf den heimischen Bildschirm.

Ein Budget in der Größenordnung von 70 Millionen Dollar würde das Projekt zu den teuersten unabhängig finanzierten Filmen zählen, die auf dem diesjährigen Markt einen Verleih suchen, und ein Abschluss dieser Höhe wäre wohl der größte, der aus Cannes hervorgeht. Eine Besetzung über Pugh hinaus und ein Drehplan wurden noch nicht bekannt gegeben.

Landet die Zahl für einen Film ohne Franchise nahe der Neunstelligkeit, verlässt jeder Geldgeber, der über die Croisette flaniert, den Ort mit derselben Notiz: Die Wette auf ein zugkräftiges Gesicht und ein gutes Buch liegt wieder auf dem Tisch.

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