Kino

Hamaguchi lässt Efira und Okamoto ein französisch-japanisches Duett übers Sterben spielen

Martha O'Hara

Das Erste, was der Film einem reicht, ist Licht. Hamaguchi beginnt mit dem flachen, nachsichtigen Tageslicht eines Pflegeheims am westlichen Rand von Paris, wo die Flure ein blasses Grün aus dem Garten hinter den Scheiben bewahren und die Gesichter der Bewohner wie Porträts in einem Saal beleuchtet sind, dem die Wände ausgegangen sind. Der Ort heißt Garten der Freiheit, und die Frau, die ihn leitet, Marie-Lou Fontaine, hat ihr ganzes Berufsleben um eine hartnäckige Überzeugung herum geordnet: dass man die ihr Anvertrauten als Menschen behandeln muss und nicht als Fälle abfertigen darf. Das Gebäude ist heruntergekommen und unterfinanziert, das Personal erschöpft, und die Kamera betrachtet all das, die Wagen, den Aufenthaltsraum, den Streifen Rasen, mit derselben ruhigen, geduldigen Aufmerksamkeit.

In diesen sorgsam gehüteten Raum kommt Mari Morisaki, eine japanische Theaterregisseurin mit fortgeschrittenem Krebs, deren Vorname sich mit dem ihrer Gastgeberin durch etwas Zufallsähnliches reimt. Da er zum ersten Mal auf Französisch dreht, lässt Hamaguchi diesen kleinen Zufall die gesamte Architektur des Films tragen. Er baut ihn als Duett zweier Frauen, zweier Sprachen und eines fast geteilten Namens und vertraut dieser Symmetrie mehr als drei Stunden naher, geduldiger Aufmerksamkeit an, ohne ins Traktat oder ins Rührstück zu kippen.

YouTube Video

Die Besetzung liest sich wie eine These darüber, was der Film sein will. Virginie Efira spielt Marie-Lou als Wärme unter Druck, eine Leiterin, deren Kompetenz eine Form von Zärtlichkeit ist und deren Erschöpfung die Bewohner nie ganz erreicht. Tao Okamoto gibt Mari eine zerbrechliche, wachsame Stille, die verhindert, dass die Sterbende zur Lektion erstarrt: Sie beobachtet ihren eigenen Verfall, wie eine Regisseurin eine Probe beobachtet. Die beiden Darstellungen sind dazu gebaut, sich aneinander zu lehnen, und die Jury des jüngsten Festivals von Cannes erkannte das an, indem sie sich weigerte, sie zu trennen: Efira und Okamoto teilten sich den Preis als beste Darstellerin, und Okamoto wurde die erste japanische Schauspielerin, die ihn erhielt.

Hamaguchi und sein Kameramann filmen das Heim und die Stadt ringsum ohne Effekt und lassen die Räume sich mit Licht und Gespräch füllen statt mit Ereignissen. Das Paris, das hier gezeigt wird, ist nicht die Postkarte, sondern die Peripherie, die Buslinien, der müde Garten, die Küchen, die zur falschen Stunde arbeiten, und der Film kehrt immer wieder zu Gesichtern zurück, die einen Takt länger gehalten werden, als es bequem ist. Das visuelle Argument ist eines der Aufmerksamkeit: jemanden beständig, lange anzusehen, ist bereits eine Form der Fürsorge, die sich die Institution selten leisten kann.

Die Methode ist erkennbar die seine. In seinen Kammerspielen hat Hamaguchi lange Einstellungen und kahle Räume in Drucksysteme verwandelt, in denen ein einziges Gespräch leise alles Folgende neu ordnen kann. Der Wechsel ins Französische und in eine Geschichte, die zwischen Tokio und den Vororten von Paris reist, ist ein echter Geländewechsel, doch der Instinkt bleibt unversehrt: die Geduld, das Vertrauen in das Wort, das Gefühl einer Kamera, die zuhört, statt zu illustrieren.

Der Ausgangspunkt ist dem Leben entnommen. Der Film ist locker einem veröffentlichten Briefwechsel zwischen der Philosophin Makiko Miyano, die unheilbar krank war, und der Anthropologin Maho Isono nachempfunden, Briefen, die klar darüber nachzudenken versuchten, was ein Körper tut, wenn es ihm plötzlich schlechter geht, und was Fürsorge von denen verlangt, die sie geben. Hamaguchi und seine Koautorin Léa Le Dimna bewahren eher die zentrale Frage des Buches als seine Einzelheiten: wie zwei Fremde eine gemeinsame Sprache für ein Ende zusammensetzen, das keine von beiden beherrscht.

Nichts davon garantiert, dass der Film seine Länge rechtfertigt. Ein Drama von über drei Stunden über eine Pflegende und eine Sterbende läuft beständig Gefahr der Sentimentalität, und der Kunstgriff der sich reimenden Namen kann ebenso als Künstlichkeit wie als Gnade gelesen werden. Der interkulturelle Rahmen, eine französische Institution und ein japanischer Gast, lädt zu einer Ordentlichkeit ein, der sich der Stoff widersetzen sollte, und ein geteilter Preis kann verdecken, wie unterschiedlich die beiden Hauptdarstellerinnen tatsächlich arbeiten. Der Film verspricht nicht, die Trauer aufzulösen, und wer einen klaren Bogen hin zum Trost sucht, dürfte diese Verweigerung eher frustrierend als wohltuend finden.

Um seine beiden Hauptfiguren herum umfasst die Besetzung Kyōzō Nagatsuka als Gorô Kiyomiya, Kodai Kurosaki als Tomoki Kubodera, Jean-Charles Clichet als Olivier und Marie Bunel als Sophie. Das Drehbuch schrieb Hamaguchi gemeinsam mit Léa Le Dimna. Als Koproduktion von Frankreich, Japan, Deutschland und Belgien wurde der Film von Cinefrance Studios, Office Shirous, Bitters End, Heimatfilm und Tarantula gestemmt; Diaphana Distribution bringt ihn in Frankreich heraus, Bitters End in Japan, und Neon hält die Rechte für Nordamerika.

„Soudain“ wurde im Wettbewerb von Cannes gezeigt, wo Hamaguchi auch eine Nominierung für die Goldene Palme erhielt. In Japan startet der Film am 19. Juni, in Frankreich kommt er am 12. August in die Kinos, bei einer Laufzeit von 196 Minuten. Ein deutscher Kinostart ist bislang nicht bestätigt.

Schlagwörter: , , , ,

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.