Filmkritiken

Unlocked hat einen starken Einfall, aber der Thriller bleibt zu vorhersehbar

Kim Tae-joons Debüt (2023) ist ein Remake von Stolen Identity mit einem starken Yim Si-wan.
Martha O'Hara
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Eine junge Frau lässt im Bus ihr Smartphone liegen, und der Mann, der es aufhebt, beschließt, sich in ihr Leben einzunisten. Aus dieser alltäglichen Panne macht Kim Tae-joon in seinem Regiedebüt Unlocked (2023) einen Thriller über Kontrolle und gestohlene Identität. Der Film ist seit dem 17. Februar 2023 bei Netflix zu sehen und ein Remake des japanischen Films Stolen Identity von 2018, der wiederum auf einem Roman beruht. Lee Na-mi (Chun Woo-hee) arbeitet als Marketerin in einem Start-up, das Geleegetränke verkauft, und jobbt nebenbei im Café ihres Vaters. Oh Jun-yeong (Yim Si-wan) verabredet mit ihr per Stimmenverfälscher-App die Abholung des Telefons in einer Reparaturwerkstatt, tauscht dort maskiert ihr kaputtes Display aus, lässt sich von ihr das Passwort nennen und installiert Spähsoftware, die das Gerät klont. Von da an liest er mit.

Der Anfang funktioniert gut. Jun-yeong lernt Na-mis Tagesablauf aus der Ferne kennen, inszeniert dann zufällige Begegnungen und wird ihr Freund. Die Spannung entsteht daraus, dass wir mehr wissen als sie, und der Film hält uns lange in dieser unbequemen Position. Chun Woo-hee spielt Na-mi zunächst arglos, dann irritiert und am Ende verängstigt, und man nimmt ihr jeden dieser Schritte ab. Dass ihr Umfeld wegbricht, erzählt der Film nachvollziehbar: Jun-yeong nutzt ihre Social-Media-Konten, um Interna auszuplaudern und über ihre Firma herzuziehen, bis sie ihren Job verliert. Die Anzeige bei der Polizei bringt nichts, weil sie zuerst Beweise für den Hack liefern soll, die sie nicht hat. Ihr Vater Seung-woo (Park Ho-san) schöpft früh Verdacht gegen den neuen Bekannten. Jun-yeong sperrt ihn deshalb im eigenen Haus ein, damit er seine Tochter nicht warnen kann.

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Schwächer wird Unlocked, sobald er seine Figuren für die Handlung zurechtbiegt. Der Streit zwischen Na-mi und ihrer besten Freundin Eun-joo (Kim Ye-won) wirkt wie ein Hebel, der nur dazu dient, Na-mi völlig allein dastehen zu lassen. Die beiden wollen sich an eine Freundin wenden, die sich mit digitaler Sicherheit auskennt. Jun-yeong fängt ihre Nachricht ab, gibt sich selbst als die gesuchte Expertin beziehungsweise den gesuchten Experten aus und redet Na-mi ein, Eun-joo stecke hinter dem Angriff. Das ist als Manipulation plausibel, bleibt aber als Beziehungsdrama flach, weil wir Eun-joo kaum als eigenen Menschen kennenlernen. Auch die Ermittlungen von Detective Woo Ji-man (Kim Hie-won) bleiben blass. Er geht einem Mord an einem Leichenfund auf einem abgelegenen Berg nach und stößt auf Spuren, die zu Jun-yeong führen. Seine private Verbindung zu ihm, dem Sohn, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hat, soll der Figur Gewicht geben, sitzt aber wie ein nachträglich angeklebter Zusatz auf der Geschichte. Den Tiefpunkt bildet die Szene, in der Ji-man und sein Partner Kim Jeong-ho (Jeon Jin-oh) den Täter vor Na-mis Haus sehen, ihn nicht erkennen und wieder gehen lassen. Wer bis dahin mitgefiebert hat, wird hier misstrauisch gegenüber dem Drehbuch. Dass die Polizisten Na-mi außerdem nicht sagen, wen sie da in eine Falle locken wollen, macht die Sache nicht glaubwürdiger.

Der Ton schwankt. Mal ist Unlocked ein nüchterner Thriller über digitale Überwachung, mal ein Krimi um einen Serientäter, der schon mehrere Menschen auf dem Gewissen hat. Gegen Ende, wenn Jun-yeong Na-mi im Haus ihres Vaters in die Enge treibt und sie zu einer schrecklichen Tat gegen ihn zwingt, kippt die Stimmung ins Reißerische, und die Ruhe der ersten Szenen ist dahin. Dabei wären die stillen Momente das Interessanteste gewesen: eine Frau, die merkt, dass ihr eigenes Telefon gegen sie arbeitet. Auch die Enthüllung, dass Jun-yeong die Identität von Ji-mans echtem Sohn gestohlen hat, der sein erstes Opfer war, kommt ohne rechte Vorbereitung und wirkt eher wie ein Kniff als wie ein Schluss. Der Epilog räumt anschließend rasch auf: Na-mi arbeitet weiter mit ihrem Vater, versöhnt sich mit Eun-joo, und ihr Ruf in den sozialen Netzen ist wiederhergestellt. Nach so viel Verlust geht das zu glatt.

Kim Tae-joon inszeniert sein Debüt sauber und zügig. Die Spannungsbögen sitzen. Dafür bleiben die Beziehungen zwischen den Figuren schematisch, und emotional geht der Film selten über das Nötige hinaus. Das flüssige Erzähltempo passt zu einer Netflix-Produktion, lässt den Film aber zuweilen wie einen routinierten Fernsehkrimi wirken, dem ein eigener Blick fehlt.

Die Geschichte überrascht kaum. Wer schon andere Thriller über gestohlene Identitäten oder digitale Verfolgung gesehen hat, erkennt die Stationen wieder, und die japanische Vorlage ändert daran nichts. Die Plotlöcher fallen auf, gerade weil das Tempo stimmt: Man hätte an mehreren Stellen gern mehr erfahren, etwa über Jun-yeongs frühere Taten, und der Film geht darüber hinweg.

Die Hauptdarsteller halten den Film zusammen. Chun Woo-hee spielt eine Angst, die nie übertrieben wirkt, und bringt auch in den dünner geschriebenen Szenen Glaubwürdigkeit mit. Yim Si-wan legt Jun-yeong freundlich und zugleich unheimlich an, und gerade weil er anfangs so harmlos auftritt, funktionieren seine Szenen. Ein Film, der mit dem Zufall eines vergessenen Telefons beginnt, hätte sich am Schluss etwas weniger auf Zufälle und Fehler der Polizei verlassen sollen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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