Dokumentarfilme

Sly: Ein Blick auf Stallones schmerzhafte Vergangenheit

Alice Lange
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Die Anfangsaufnahme von Sly zeigt den jungen Sylvester Stallone: Sein Gesicht ist blau und blutig geschlagen, während er in seiner Wohnung auf einen Spiegel einschlägt – ein schonungsloser Moment des Selbsthasses, der in Selbstmotivation umschlägt. Das ist ein einprägsames Bild, mit dem Regisseur Thom Zimny seine Dokumentation über die Hollywood-Legende verankert. Doch obwohl Sly eine nostalgische Reise durch Stallones Filmografie bietet, gelingt es dem Film nur bedingt, die Schichten des Menschen hinter der Legende freizulegen.

Der Film ist als Reihe von Interviews mit Stallone angelegt, unterbrochen von Ausschnitten aus seinen Filmen und Kommentaren von Weggefährten wie Arnold Schwarzenegger, Frank Stallone Jr., Quentin Tarantino, Talia Shire, Henry Winkler, John Herzfeld und Wesley Morris. Zimnys Regie ist solide, aber wenig bemerkenswert und setzt auf vertraute dokumentarische Mittel: Talking Heads, Archivmaterial und einen Soundtrack, der stark auf die ikonischen Themen aus Stallones Filmen zurückgreift. Handwerklich ist das gut gemacht, doch es fehlen die mutigen stilistischen Entscheidungen und innovativen Erzählweisen, die den Film über eine gewöhnliche biografische Rückschau hätten hinausheben können.

Am besten funktioniert Sly in den Momenten, in denen Stallone über seine turbulente Kindheit und die ersten schwierigen Jahre in Hollywood spricht. Seine schonungslosen, ungefilterten Erinnerungen an Armut, Mobbing und das beharrliche Verfolgen seiner Träume verleihen dem Film eine authentische Grundlage. Diese Passagen gehen nahe und geben einen Einblick in die psychische Widerstandskraft, die Stallones Aufstieg zum Ruhm befeuerte. Wenn Stallone etwa erzählt, wie er das Drehbuch zu Rocky in einem fieberhaften Dreitagesmarathon schrieb, ist die Leidenschaft in seiner Stimme deutlich zu spüren. In solchen Momenten glänzt Sly und öffnet ein Fenster in den kreativen Geist hinter einigen der langlebigsten Figuren der Filmgeschichte.

Die Beiträge seiner Weggefährten liefern wertvolle Perspektiven, insbesondere Tarantinos Einschätzungen zu Stallones Einfluss auf das Kino. Seine Kommentare sind besonders fesselnd: Er hebt Stallones Bedeutung für seine eigene Arbeit und für die Entwicklung des Actionfilms insgesamt hervor. Doch solche Passagen sind viel zu selten. Außerdem fehlt dem Film ein klarer erzählerischer Bogen: Er springt ohne erkennbaren Zusammenhang zwischen verschiedenen Epochen und Themen hin und her. Durch diesen sprunghaften Ansatz wirkt er eher wie eine feierliche Rückschau als wie eine aufschlussreiche Auseinandersetzung mit seinem Gegenstand.

Eine der auffälligsten Lücken ist, dass Stallones Familienleben über kurze Erwähnungen hinaus kaum zur Sprache kommt. Die Beziehungen zu seinen Geschwistern, Eltern und Kindern werden zwar gestreift, aber nie näher beleuchtet. Talia Shire, seine Schwester und Co-Darstellerin in der Rocky-Reihe, steuert bewegende Gedanken bei, ist jedoch nur kurz zu sehen. Auch die Beiträge von Frank Stallone Jr. sind zwar herzlich, werden aber nicht ausreichend genutzt. Eine vertiefte Beschäftigung mit diesen Beziehungen hätte dem Film gutgetan – insbesondere mit der Frage, wie sie Stallones Werk und Privatleben geprägt haben.

Der Dokumentarfilm verliert an Kraft, sobald er zu kaum mehr als einer Zusammenstellung der größten Erfolge wird. Die Ausschnitte aus Rocky, Rambo und anderen Klassikern sind zweifellos unterhaltsam, dringen aber nicht tief genug in Stallones kreativen Prozess oder sein Privatleben vor. Zudem fehlt dem Film ein klarer erzählerischer Bogen: Er springt ohne erkennbaren Zusammenhang zwischen verschiedenen Epochen und Themen hin und her. Durch diesen sprunghaften Ansatz wirkt er eher wie eine feierliche Rückschau als wie eine aufschlussreiche Auseinandersetzung mit seinem Gegenstand.

Die Talking Heads hinterlassen unterschiedlich starke Eindrücke. Schwarzeneggers Rückblicke sind aufschlussreich und bieten die besondere Perspektive einer anderen Actionfilmlegende. Tarantinos Kommentare sind besonders fesselnd und machen deutlich, welchen Einfluss Stallone auf seine eigene Arbeit hatte. Einige Gesprächspartner, etwa Henry Winkler und John Herzfeld, wirken jedoch für die Erzählung nebensächlich; ihre Beiträge tragen wenig zum Gesamtbild Stallones bei.

Die Originalität des Films leidet zusätzlich darunter, dass er sich auf konventionelle dokumentarische Erzählformen verlässt. Innovative Erzähltechniken oder experimentelle Ansätze sucht man vergeblich. Das Tempo ist unausgewogen: Einige Passagen ziehen sich, während andere entscheidende Momente in Stallones Karriere im Eiltempo abhandeln. Diese Unbeständigkeit erschwert es, die Aufmerksamkeit dauerhaft aufrechtzuerhalten.

Als biografischer Dokumentarfilm über eine Hollywood-Ikone fügt sich Sly gut in das Genre ein. Doch ihm fehlen die Tiefe und Selbstreflexion eines Films wie Die Strände von Agnès, der sich nuancierter mit seinem Gegenstand auseinandersetzt. Sly ist eine verpasste Chance, Sylvester Stallone wirklich zu verstehen. Der Film gewährt Einblicke in den Menschen hinter der Legende, scheut aber jene tiefere Selbstbefragung, die ihn fesselnd hätte machen können.

Für Fans von Stallones Werk ist Sly eine unterhaltsame, wenn auch oberflächliche Reise durch seine Filmografie. Das Archivmaterial und die ikonischen Momente wecken Nostalgie und Bewunderung. Wer sich jedoch eine tiefgründigere Auseinandersetzung mit Stallones Leben und künstlerischem Schaffen erhofft, wird enttäuscht. Der Film feiert sein Thema nur an der Oberfläche und wird dessen Komplexität nicht gerecht.

Letztlich ist Sly ein handwerklich gelungener, aber schnell vergessener Dokumentarfilm. Zwar bietet er eine nostalgische Reise durch Stallones Karriere, doch es fehlen ihm die Tiefe und Originalität, um sich im dicht besetzten Feld der Prominenten-Dokumentationen abzuheben. Am ehesten dürfte der Film eingefleischten Stallone-Fans gefallen, die sich über Anekdoten vom Set und Archivaufnahmen freuen werden.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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