Filmkritiken

Knives Out – Mord ist Familiensache ist ein Krimi-Vergnügen mit scharfem Blick auf die Reichen

Rian Johnson belebt 2019 die Agatha-Christie-Tradition mit Starbesetzung und bissiger Gesellschaftskritik neu.
Martha O'Hara
Fügen Sie uns bei Google hinzu

Knives Out – Mord ist Familiensache ist Rian Johnsons Verbeugung vor den Agatha-Christie-Krimis, die er schon als Kind liebte, und vor jenen augenzwinkernden Verfilmungen, in denen Peter Ustinov ein Starensemble durch einen verschachtelten Mordfall führte. Der Guardian beschreibt den Schauplatz als gotisches Anwesen im heutigen Neuengland, wo der Krimiautor Harlan Thrombey (Christopher Plummer) nach der Feier zu seinem 85. Geburtstag tot in seinem Dachbodenarbeitszimmer liegt, die Kehle durchgeschnitten. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Ein anonymer Auftraggeber schickt trotzdem den Privatdetektiv Benoit Blanc ins Haus, und damit beginnt ein Reigen aus falschen Fährten und eigennützigen Lügen.

Johnson spielt in seinen Filmen gern mit den Erwartungen des Publikums. Dem Guardian-Kritiker sagte er einmal, ihn reize das „leicht metahafte Gespräch“, das sich zwischen Film und Zuschauer öffne, wenn beide dieselben Regeln voraussetzen und der Regisseur sie dann unterläuft. Das gilt für „Brick“, der eine Film-noir-Geschichte der vierziger Jahre in eine sonnige kalifornische Highschool verlegte, ebenso wie für „Looper“ und für „The Last Jedi“, der eingefleischte Fans verprellte, weil er die Mythologie der Reihe zur Diskussion stellte. Die Idee zu diesem Film hatte er schon Mitte der 2000er-Jahre; das Drehbuch schrieb er nach „The Last Jedi“ in sechs bis sieben Monaten. Gedreht wurde von Oktober bis Dezember 2018 im Großraum Boston, das Budget lag bei 40 Millionen Dollar. Nach dem Streit um den Star-Wars-Film wirkt dieser Krimi wie eine Rückkehr zu dem Spiel, mit dem Johnson angefangen hat, und man sieht ihm an, wie wohl er sich darin fühlt.

YouTube Video

Elf Schauspieler stehen vor der Kamera, und der Guardian fängt viele von ihnen in wenigen Strichen ein. Daniel Craig spielt Blanc mit einem so unverschämten Südstaatenakzent, dass Ransom ihn „CSI-KFC“ nennt; der Guardian beschreibt ihn als zigarrenrauchenden, Münzen werfenden Eindringling. Casey Moviemania fühlte sich an Hercule Poirot erinnert und brauchte eine Weile, um sich an den gedehnten Südstaatenton zu gewöhnen. Chris Evans hat sichtlich Spaß als nichtsnutziger Enkel Ransom Drysdale, den der Guardian als vor Privilegien triefend beschreibt. Michael Shannon spielt als Walt gegen seinen Typ, laut Guardian ein leicht kriecherischer Mann, dessen Verlagsvermögen an der schwankenden Gunst des Vaters hängt. Don Johnson gibt als Schwiegersohn Richard einen Widerling mit wanderndem Blick, und Toni Collette erinnert als verwitwete Lifestyle-Guru Joni laut Guardian an Gwyneth Paltrow. Jamie Lee Curtis sieht der Guardian als älteste Tochter Linda in Bestform.

Dass nicht alle diese Namen gleich viel zu tun bekommen, räumt auch Casey Moviemania ein. Jamie Lee Curtis, Don Johnson, Toni Collette und Michael Shannon wirken dort eher wie ausgedehnte Gastauftritte, und der Kritiker hätte sich mehr Leinwandzeit für sie gewünscht. Ich teile den Einwand: Die Thrombeys sind als Familie angelegt, deren Gehässigkeit sich erst im Gegeneinander entfaltet, und genau dafür bleibt zu wenig Platz. Johnson stellt stattdessen Ana de Armas als Pflegerin Marta Cabrera in den Mittelpunkt, die deutlich mehr Raum bekommt als der Rest. Casey Moviemania hält es für ihre beste Rolle seit „Blade Runner 2049“. Ihre Figur hat dazu einen klugen Dreh: Marta kann nicht lügen, ohne sich zu übergeben. Der Guardian zitiert die „regurgitative Reaktion auf Unwahrheiten“. Das Detail ist ein Gag und zugleich eine Regel des Verhörs, denn eine Zeugin, die nur wahre, aber unvollständige Antworten geben kann, lässt sich schwer in die Enge treiben.

Die Handlung baut darauf auf. Marta glaubt, Harlan in der Nacht der Feier versehentlich eine tödliche Dosis Morphin gespritzt zu haben, weil sie seine Medikamente verwechselt hat. Sie hilft Blanc trotzdem bei den Ermittlungen und verschweigt, was sie belastet. Bei der Testamentseröffnung erbt sie das gesamte Vermögen, zum Entsetzen der Thrombeys. Ransom hilft ihr bei der Flucht, bringt sie aber dazu, ihm alles zu gestehen. So läuft neben dem Rätsel um den Täter die Frage mit, wer aus Martas Lage Nutzen ziehen will.

Darin steckt auch die Klassenfrage. Der Film wurde als Auseinandersetzung mit Klassenkampf, Vermögensungleichheit, Einwanderung und Rassismus im heutigen Amerika gelesen. Der Guardian zitiert die Familie als Haufen „selbstgemachter Überflieger“, doch bei Walt hängt das Vermögen am Wohlwollen des Vaters, von eigener Leistung kann keine Rede sein. Neben dieser Sippe steht Marta, die Pflegerin, die als Einzige über jedem Verdacht zu stehen scheint. Johnson erzählt das über Figuren und Pointen, nicht über Reden, und das ist die richtige Entscheidung für eine Komödie, die nebenbei etwas über Geld sagen will. Kritiker haben allerdings gelegentlich Teile des Drehbuchs und einzelne Darstellungen bemängelt.

Die Musik stammt von Nathan Johnson. Sie ist klassisch orchestriert und von den symphonischen Filmmusiken inspiriert, die er und Rian Johnson gleichermaßen schätzen; sie klingt nach einer anderen Kinoepoche und passt zu einem Film, der bewusst an die Krimis der Jahrhundertmitte anknüpfen will.

Nach der Premiere beim Toronto International Film Festival am 7. September 2019 und dem US-Start durch Lionsgate am 27. November spielte der Film rund 312 Millionen Dollar ein. National Board of Review und American Film Institute zählten ihn zu den besten Filmen des Jahres. Er erhielt drei Golden-Globe-Nominierungen, eine BAFTA-Nominierung und eine Oscar-Nominierung für das beste Originaldrehbuch. Leonard Maltin schrieb, der Film sei „nie, aber auch nie langweilig“ und biete stilvolle Unterhaltung; Roger Ebert nannte ihn einen der rein unterhaltsamsten Filme seit Jahren und das Werk eines filmischen Zauberers. Aus dem Erfolg wurde eine Reihe: „Glass Onion“ kam 2022, „Wake Up Dead Man“ 2025.

Knives Out – Mord ist Familiensache ist eine Krimikomödie, die ihre Vorbilder kennt, ihnen nicht sklavisch folgt und ihr Gewicht auf Ana de Armas legt. Dass Curtis, Collette, Shannon und Don Johnson kaum mehr als ausgedehnte Gastauftritte bekommen, ist der berechtigte Einwand von Casey Moviemania, und für mich ist es die größte Schwäche des Films. Sie wiegt weniger schwer als die Stärken: Der Guardian spricht von einem „köstlich unterhaltsamen“ Film, und die Intrige trägt von der ersten bis zur letzten Szene.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.