Filmkritiken

365 Days – Dieser Tag opfert seine einzige gute Idee für einen Zwilling und eine Schießerei

Barbara Białowąs und Tomasz Mandes (2022) beginnen ihre Fortsetzung mit einer Ehe voller Geheimnisse und vergessen sie bald.
Martha O'Hara
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Die Kamera gleitet über glänzende Haut und verschlungene Glieder, und nach wenigen Minuten weiß man, worauf 365 Days – Dieser Tag setzt. Der Film beginnt mit der Hochzeit von Laura (Anna-Maria Sieklucka) und Massimo (Michele Morrone). Er setzt die Geschichte des ersten Teils fort und beruht auf dem zweiten Roman der Trilogie von Blanka Lipińska. Barbara Białowąs und Tomasz Mandes führen gemeinsam Regie, Netflix brachte den Film am 27. April 2022 weltweit heraus. Was ihn trägt, ist Sex, inszeniert mit der Zartheit eines Vorschlaghammers. Die Handlung liefert dafür eher den Vorwand.

Es gibt durchaus Stoff. Laura hat das gemeinsame Kind bei dem Unfall am Ende des ersten Films verloren, und sie verschweigt es Massimo, weil sie eine Vendetta fürchtet. Nur ihre beste Freundin Olga reist zur Hochzeit nach Italien, denn Massimo hat Angst, vor Lauras Familie nicht verbergen zu können, dass er ein Mafioso ist. Das ist der einzige Erzählstrang mit echtem Gewicht, und der Film streift ihn kurz und lässt ihn dann liegen. Stattdessen finden die frisch Vermählten nach den Flitterwochen Olga und Massimos rechte Hand Domenico in einer verfänglichen Lage vor. Diese Romanze taucht aus dem Nichts auf und wirkt wie ein Einfall aus dem Autorenzimmer, nicht wie eine Entscheidung der Figuren.

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Psychologisch am plausibelsten ist noch Lauras Langeweile. Sie ist mit einem Mann verheiratet, der mehr arbeitet, als er zu Hause ist, und aus den täglichen Streitereien wächst ihr Interesse an Nacho (Simone Susinna), dem Gärtner. Statt das auszuloten, nimmt der Film die bequeme Abkürzung: Auf einer Party im Haus glaubt Laura, Massimo mit seiner Ex Anna zu sehen, und flieht mit Nacho auf eine Insel. Dort genießt sie das Leben und träumt davon, mit ihm zu schlafen. Als Fluchtgrund ist das nachvollziehbar, auf der Leinwand erinnert es mehr an eine Telenovela als an einen Erotikthriller. Die Beziehung der beiden scheint vor allem zu existieren, damit es die nächste Sexszene geben kann.

Dann offenbart Nacho, dass sein Vater die rivalisierende Bande anführt. Laura fühlt sich verraten, geht aber trotzdem mit. Hier spielt der Film seinen erwartbarsten Trumpf aus: Was sie auf der Party gesehen hat, war nicht Massimo, sondern dessen Zwillingsbruder Adriano, von dem sie nichts wusste. Die Wendung ist so vorhersehbar, dass sie fast komisch wirkt. Morrone spielt beide Brüder, und die Doppelrolle gibt ihm mehr Spielraum als alles andere im Film. Zwischen dem charismatischen Ehemann und dem labilen Bruder unterscheiden sich nur die Nuancen, aber sie halten die Aufmerksamkeit wach.

Im Finale hält Adriano Laura fest und erwähnt die Fehlgeburt im Tunnel. Sie rennt davon, Anna und Adriano schießen auf sie, und Massimo und Nacho erschießen die beiden. Nacho geht, Laura liegt in Massimos Armen, ihr Schicksal bleibt offen. Anna und Adriano sterben also durch die Hand der Männer, die Laura retten wollen, und ihr Tod lässt einen kalt. Das offene Ende dient vor allem dazu, an die Fortsetzung The Next 365 Days anzuschließen, die im August 2022 erschien.

Sieklucka tut wenig, um das Material zu heben, und spielt mit der Intensität einer Talentshow-Moderatorin. Susinna zeigt als Nacho noch am ehesten so etwas wie Persönlichkeit, verpufft aber ebenfalls in einem Drehbuch, das mit seinen Figuren nichts anzufangen weiß. Ob zwischen Sieklucka und Susinna Chemie besteht, lässt sich schwer sagen, denn der Film gibt ihnen kaum Szenen, in denen sie reden statt sich auszuziehen. Bei Laura und Massimo, deren Leidenschaft ständig behauptet wird, fehlt sie ganz.

Die Dreharbeiten begannen im Mai 2021 in Italien und Polen, nachdem ein für 2020 geplanter Start wegen der Pandemie verschoben worden war. Man sieht dem Film an, dass er schnell fertig werden musste, und die Kritik ging mit ihm hart ins Gericht, wie schon beim Vorgänger. Wer ein Drama sucht, findet Figuren, die sich nicht entwickeln. Wer einen Thriller sucht, findet keine Spannung. Bleiben Zuschauer, die die Saga kennen und ihre Hauptfiguren noch einmal sehen wollen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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