Filmkritiken

La Chimera: Eine raue Geschichte von Gier und Trauer

Liv Altman
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Als Arthur, gespielt von Josh O’Connor, den abgetrennten Kopf einer etruskischen Statue in einen See schleudert, verdichtet sich der zentrale Konflikt von La Chimera: Gier und Ehrfurcht, Ausbeutung und Staunen stehen einander gegenüber. Alice Rohrwachers Film ist keine eskapistische Fantasie, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern eine raue, vielschichtige Meditation über Sehnsucht vor dem Hintergrund der archäologischen Unterwelt Italiens.

O’Connor liefert als Arthur, einem britischen Grabräuber mit der hellseherischen Gabe, etruskische Gräber aufzuspüren, eine seiner besten Leistungen ab. Hinter seiner reizbaren, mürrischen Art verbirgt sich tiefe Trauer um Beniamina, seine verlorene Liebe. Ihre Abwesenheit verfolgt ihn wie die Geister der Vergangenheit, deren Gräber er und seine Bande plündern. Im emotionalen Zentrum des Films steht Arthurs schwierige Beziehung zu Italia (Carol Duarte), Beniaminas Haushälterin, die seinen moralischen Kompass infrage stellt. Ihre Konfrontation am Strand, bei der sie seine Schändung der Toten verurteilt, gehört zu den elektrisierendsten Szenen des Films und ist von drängender moralischer Spannung geprägt. O’Connors zurückhaltend intensive Darstellung ist eine Meisterleistung: Er macht Arthurs inneren Aufruhr spürbar, ohne ins Melodramatische abzugleiten.

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Rohrwachers Regie ist zugleich erdig und zauberhaft. Sie verbindet Alltägliches – etwa den Streit der Bande um die mageren Beuteanteile – mit Mystischem, verkörpert durch Arthurs „Chimären“-Visionen. Die Bildgestaltung ist besonders in der Szene im unterirdischen Heiligtum eindrucksvoll, in der Arthur der kopflosen Göttinnenstatue gegenübertritt. Licht und Schatten beschwören dabei gleichermaßen Frevel und Ehrfurcht herauf. Im Mittelteil gerät der Film jedoch ins Stocken: Er verliert sich in Festen und Auktionen, die zwar Atmosphäre schaffen, aber das Erzähltempo bremsen.

Auch die Nebenrollen sind stark besetzt. Besonders Alba Rohrwacher überzeugt als Spartaco, die skrupellose Händlerin für antike Kunst, deren Auktionsszene vor Spannung knistert. Isabella Rossellini verleiht Flora, Beniaminas Mutter, eine stille Eindringlichkeit und verkörpert die Themen Verlust und Sehnsucht. Vincenzo Nemolato als Pirro und Lou Roy-Lecollinet als Melodie geben der Grabräuberbande zusätzliche Tiefe und bringen jeweils eine eigene Dynamik in den dysfunktionalen Zusammenhalt der Gruppe ein.

Die Originalität von La Chimera liegt darin, dass der Film weder Grabräuberei noch Mystizismus romantisiert. Er handelt von den Chimären, denen wir nachjagen – Liebe, Erlösung, Zugehörigkeit – und davon, wie sie uns oft noch tiefer in moralische Grauzonen führen. Hier findet Rohrwachers inoffizielle Trilogie über die italienische Identität ihren Höhepunkt: Religion und Heidentum, Tradition und Moderne sowie die unaufhaltsame Anziehungskraft der Vergangenheit verweben sich miteinander.

Besonders stark ist der Film dort, wo es um seine Genrezugehörigkeit geht. Er ist weder ein geradliniges Drama noch ein Fantasyfilm, sondern ein Hybrid, der sich eindeutigen Kategorien entzieht. Die Mischung aus archäologischem Raubzug, romantischer Tragödie und mystischer Fabel macht ihn zu einem einzigartigen Werk in Rohrwachers Filmografie. Der Vergleich mit früheren Arbeiten wie Le pupille zeigt, warum La Chimera dort überzeugt, wo andere Filme ins Straucheln geraten: Der Film lässt sich auf kindliche Begeisterung ein, ohne dabei langweilig oder um der bloßen Verspieltheit willen versponnen zu wirken.

Kritiker haben La Chimera für seine reife Verspieltheit und selbstbewusste Brillanz gelobt. Die Auswahl für den Wettbewerb um die Palme d’Or in Cannes und die 13 Nominierungen bei den David di Donatello unterstreichen die Anerkennung, die der Film bei der Kritik gefunden hat. Ganz ohne Schwächen ist er dennoch nicht. Das Erzähltempo im Mittelteil und die gelegentlich mäandernde Handlung könnten die Geduld mancher Zuschauer auf die Probe stellen.

La Chimera ist ein Film für alle, die komplexe Figuren und moralische Grauzonen schätzen. Er richtet sich an ein Publikum, das sich auf Themen wie Verlust und Sehnsucht sowie auf die ethischen Dilemmata der Ausbeutung einlassen möchte. Rohrwachers bezaubernder Film dringt tief in die menschlichen Sehnsüchte und in jene Geister vor, die uns heimsuchen.

Die Stärke des Films liegt darin, gegensätzliche Kräfte auszubalancieren: Religion und Heidentum, Tradition und Moderne, Liebe und Verlust. Dieses Wechselspiel prägt Arthurs Weg ebenso wie die übergeordnete Handlung. Die Feierlichkeiten zu Epiphanias etwa bilden die Spannung im Kleinen ab, indem sie gemeinschaftliche Freude der Verzweiflung des Einzelnen gegenüberstellen.

O’Connors Darstellung ist das Herzstück des Films. Sein Arthur ist nuanciert und vielschichtig; Trauer, Schuld und Sehnsucht bringt er mit subtiler Präzision zum Ausdruck. Besonders eindrücklich ist die Strandszene, in der Arthur Italia seine Gefühle gesteht. Sie zeigt, wie überzeugend O’Connor Verletzlichkeit und Verzweiflung zugleich vermitteln kann.

Die Nebenbesetzung hebt den Film zusätzlich an. Carol Duarte verleiht Italia eine entschiedene moralische Klarheit: Sie stellt Arthurs Handeln infrage und zwingt ihn, sich den Folgen seiner Entscheidungen zu stellen. Auch Alba Rohrwacher ist als Spartaco herausragend. Ihre Darstellung der skrupellosen Händlerin für antike Kunst erweitert die Auseinandersetzung des Films mit Gier und Ausbeutung um eine weitere Facette.

Auch die Bildgestaltung zählt zu den Höhepunkten. Mit Licht und Schatten erschafft Rohrwacher eine eindrucksvolle Welt, in der die Grenze zwischen Wirklichkeit und Mystik verschwimmt. Die Szene im unterirdischen Heiligtum ist ein Musterbeispiel visuellen Erzählens: Die kopflose Göttinnenstatue wird zum Symbol für Frevel und Ehrfurcht zugleich.

Die Probleme mit dem Erzähltempo lassen sich jedoch nicht übersehen. Der Mittelteil wirkt trotz seiner atmosphärischen Dichte stellenweise zerfasert; Nebenhandlungen und Nebenfiguren lenken vom zentralen Erzählstrang ab. Besonders deutlich wird das in den Fest- und Auktionsszenen: Sie sind zwar wunderschön gefilmt, erreichen aber nicht die emotionale Dringlichkeit der intimeren Momente des Films.

La Chimera ist ein zutiefst lohnender Film, der Rauheit und Mystik, Trauer und Sehnsucht miteinander verbindet. Er zeugt von Alice Rohrwachers Können als Regisseurin und von Josh O’Connors außergewöhnlicher Leistung. Mit seiner Auseinandersetzung mit komplexen Themen und moralischen Grauzonen nimmt der Film einen besonderen Platz in Rohrwachers Filmografie ein und ist ein Muss für alle, die nachdenklich stimmendes Kino schätzen.

Unterm Strich entzieht sich La Chimera jeder einfachen Kategorisierung: Elemente aus Drama, Fantasy und Komödie verschmelzen zu einem einzigartigen, bezaubernden Kinoerlebnis. Zu den Stärken des Films zählen die herausragenden Darstellungen, die eindrucksvolle Bildgestaltung und die Auseinandersetzung mit komplexen Themen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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