Filmkritiken

Blame the Game: Eine messerscharfe Komödie über chaotische Beziehungen

Veronica Loop
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Schon die Eröffnungsszene von Marco Petrys Blame the Game gibt mit ihrer angespannten, fast schon grotesken Energie den Ton vor: Jan (Dennis Mojen) ist nervös bis in die Haarspitzen und versucht, mit den Freunden seiner Freundin Pia ins Gespräch zu kommen, während die Zeit bis zur Ankunft ihres Ex-Freundes unerbittlich verstreicht. Die Ausgangslage verspricht reichlich Komik, doch Petry und sein Autorenteam verlassen sich nicht einfach auf den Humor – sie machen ihn zur Waffe.

Die zentrale Idee des Films – ein Spieleabend mit hohen Einsätzen, bei dem Beziehungen, Freundschaften und persönliche Wahrheiten auf dem Spiel stehen – könnte leicht gekünstelt wirken. Doch Blame the Game verankert seine Absurdität in pointierten, genauen Beobachtungen. Die Dialoge sprühen vor Authentizität, besonders wenn Pia, gespielt von Janina Uhse, und Karo, gespielt von Anna Maria Mühe, sich bissige Bemerkungen über Loyalität und Liebe hin und her werfen. In einer Szene versucht Jan, Oliver (Axel Stein), den selbstgefälligen Ex-Freund, bei einer Quizrunde auszutricksen – die schnell an psychologische Kriegsführung erinnert. Die Spannung ist greifbar, doch erst Uhses trockener Vortrag und M ojens panischer Blick machen die Szene so überzeugend.

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Petry hält die Kamera mit einer beinahe dokumentarischen Unmittelbarkeit in Bewegung. Handkamera und enge Großaufnahmen verstärken die klaustrophobische Atmosphäre von Pias beengter Wohnung. Auch das Sounddesign überzeugt: Jedes peinliche Schweigen, jedes nervöse Lachen wird bis ins beinahe Komische verstärkt. Als die Gruppe schließlich in ein chaotisches Pantomimespiel ausbricht, spiegelt das visuelle Durcheinander die emotionale Unruhe, die unter der Oberfläche brodelt.

Doch Blame the Game ist nicht bloß eine Komödie. Der Film spielt auch mit den Erwartungen des Publikums und entwickelt dabei die Spannung eines Thrillers. Gerade glaubt man herausgefunden zu haben, wer hier mit wem spielt, da zieht Petry einem schon wieder den Boden unter den Füßen weg. Dass das Drehbuch sich weigert, fair zu spielen, ist zugleich seine größte Stärke und gelegentlich auch seine Schwäche. Manchmal wirkt der abrupte Wechsel zwischen Komödie und Thriller eher irritierend als mitreißend. So kippt etwa ein nächtliches Geständnis zwischen Jan und Pia unvermittelt ins Melodramatische und bringt das ansonsten straffe Erzähltempo aus dem Takt.

Die schauspielerischen Leistungen sind durchwachsen. Mojen trägt den Film mit liebenswerter Verlegenheit, doch einige Nebendarsteller finden in ihren Rollen nicht immer die nötige Sicherheit. Edin Hasanović als Alex und Taneshia Abt als Sheila wirken beispielsweise eher wie Karikaturen als wie vollständig ausgearbeitete Figuren. Axel Stein dagegen stiehlt als Oliver in jeder Szene die Show: Mit müheloser Ausstrahlung verkörpert er den selbstgefälligen Ex-Freund und macht ihn zugleich verachtenswert und auf seltsame Weise faszinierend.

Seine größte Stärke entfaltet Blame the Game bei der Auseinandersetzung mit modernen Beziehungen. Der Film stellt unbequeme Fragen zu Ehrlichkeit, Vertrauen und den Spielchen, mit denen wir uns selbst – und einander – schützen. Dieses Thema wirkt noch lange nach dem Abspann nach. Petry bietet keine einfachen Antworten, zeichnet aber ein nuanciertes Bild davon, wie kompliziert Liebe und Freundschaft in einer Zeit sein können, in der soziale Medien und frühere Beziehungen selbst die einfachsten Begegnungen erschweren.

Die Mischung der Genres ist zugleich die größte Stärke und die Achillesferse des Films. Einerseits ist es erfrischend, eine Komödie zu sehen, die sich auch ins Dunkle wagt, und einen Thriller, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Andererseits wirken die Tonwechsel mitunter unverbunden. Auch im dritten Akt gerät der Erzählrhythmus ins Stocken: Eine Reihe von Enthüllungen und Wendungen droht, die Dynamik der Geschichte aus der Bahn zu werfen.

Blame the Game geht Risiken ein. Nicht jedes davon zahlt sich aus, doch der Film ist eine willkommene Abwechslung zu den sicheren, schematischen Komödien, die derzeit die Kinos überschwemmen. Er richtet sich an alle, die schon einmal in einer sozialen Situation waren, in der unverhältnismäßig viel auf dem Spiel zu stehen schien – oder sich gefragt haben, ob ausgerechnet die Menschen, denen sie am meisten vertrauen, ein falsches Spiel mit ihnen treiben.

Auch sein Bekenntnis zur Authentizität hebt Petrys Film hervor. Die Figuren wirken echt, fehlerhaft und nahbar, selbst wenn ihr Verhalten fragwürdig ist. Der Schauplatz – eine kleine Wohnung voller Freunde (und Feinde) – schafft eine zusätzliche Nähe, durch die sich die Konflikte persönlich anfühlen. Gerade der Humor funktioniert dabei besonders gut: Das Publikum kann über die Absurdität der Situation lachen und trotzdem mit den Figuren mitfühlen.

Im Vergleich zu anderen jüngeren Komödien mit Thriller-Elementen behauptet sich Blame the Game gut. Dem Film fehlt der geschliffene Glanz eines Werks wie Game Night, doch das macht er mit einem raueren, geerdeteren Ansatz wett. Auch der deutsche Schauplatz und die Besetzung verleihen ihm eine eigene Note, die ihn aus der Masse heraushebt.

Erwähnenswert ist auch die Filmmusik, komponiert von einem nicht genannten Komponisten. Sie begleitet das Geschehen unaufdringlich, aber wirkungsvoll: Eine minimalistische Instrumentierung steigert die Spannung, ohne Dialoge oder Bilder zu überlagern. Auch der Soundtrack sticht hervor. Seine Mischung aus Indie- und elektronischen Stücken passt bestens zum modernen Charakter des Films.

Letztlich ist Blame the Game ein Film, über den das Publikum noch lange nach dem Abspann sprechen wird. Er ist nicht perfekt, aber ambitioniert – und seine Risiken zahlen sich häufiger aus, als sie scheitern.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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