Fernsehen

Bass X Machina bei Netflix: Brian Tyree Henry macht Marshal Bass Reeves zum Kopfgeldjäger im Steampunk-Westen

Martha Lucas
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Rund drei Jahrzehnte lang spürte Bass Reeves mit dem Abzeichen eines Bundesbeamten auf der Brust Flüchtige im Indianerterritorium auf – doch ausgerechnet der Western, der ihn hätte berühmt machen sollen, ließ ihn meist außen vor. Die neue Animationsserie für Erwachsene von Netflix, „Bass X Machina“, rückt ihn wieder ins Zentrum und verändert dabei fast alles an ihm. Brian Tyree Henry leiht einer Version von Reeves seine Stimme, die durch einen Steampunk-Wilden Westen voller Gesetzloser, Kriegsmaschinen und übernatürlicher Bedrohungen reitet – mit einem mechanischen Arm und einer Berufsbezeichnung, die dem echten Marshal fremd gewesen wäre.

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Entwickelt wurde die Serie von LeSean Thomas, dem Animator hinter Netflix’ „Yasuke“ und „Cannon Busters“; animiert wird sie in Seoul von Studio Mir. Netflix beschreibt die Handlung als Geschichte in einem „gesetzlosen Steampunk-Westen, der von brutalen Gesetzlosen, Maschinen und übernatürlichen Schrecken heimgesucht wird“. Dort muss ein Vater zum „Richter, Geschworenen und Henker“ werden und weiß, dass jeder Akt der Gerechtigkeit, mit dem er seine Familie schützen will, ihn womöglich genau die Menschen kostet, für deren Rettung er kämpft. Henry, der auch als Executive Producer beteiligt ist, führt ein Sprecherensemble an, zu dem Janelle Monáe als Glory, Bass’ Frau, Tati Gabrielle als Dana, Cree Summer als Ahni, Chaske Spencer als Lighthorse, Currie Graham als Rivenbark und Starletta DuPois als Etta gehören.

„Kein Gesetzeshüter. Kopfgeldjäger.“

Die aufschlussreichste Zeile aus dem bisher von Netflix gezeigten Material ist eine Richtigstellung. In den ersten Minuten, die Fans bei Anime NYC zu sehen bekamen und die What’s on Netflix ausführlich beschrieb, verfolgt Bass eine Bande, die einen Zug ausgeraubt hat. Einer der Räuber sieht ihn verblüfft an und sagt: „Aber Sie sind doch Gesetzeshüter.“ Bass antwortet: „Kein Gesetzeshüter. Kopfgeldjäger.“ Wer die Geschichte kennt, erkennt darin die programmatische Ansage der Adaption. Der echte Reeves war das Gegenteil eines freien Unternehmers. Er hatte einen Auftrag des Bundesgerichts in Fort Smith, Arkansas, und seine Befugnisse erhielt er von genau jenem Land, dessen Gesetze ihn einst als Eigentum behandelt hatten.

Diese Änderung ist bewusst gewählt. Henry hat gesagt, dass er keine historische Serie machen wollte. Ihm ging es darum, Reeves’ Wesen zu würdigen, ohne sich an die überlieferten Fakten gebunden zu fühlen. Ein Kopfgeldjäger richtet sich nach einer Belohnung, nicht nach einem Gericht. Und der Vater aus der Inhaltsangabe, der Richter, Geschworener und Henker sein muss, ist ein Mann, der nicht länger darauf wartet, dass ein Gericht ein Urteil spricht. Die Prämisse deutet auf eine Geschichte über Gerechtigkeit hin, die jemand ohne Rückhalt durch eine Institution durchsetzt – während seine Familie in Reichweite der Folgen steht, die sein Handeln auslöst.

Ein Titel aus dem griechischen Theater

Schon der Titel führt einen Teil des Arguments, noch bevor eine einzige Folge erschienen ist. Deus ex machina, der Gott aus der Maschine, bezeichnete im griechischen Theater eine Vorrichtung, bei der ein Kran einen Schauspieler in der Rolle einer Gottheit über die Bühne schwenkte, um einen Konflikt zu lösen, den die Sterblichen nicht entwirren konnten. Aristoteles kritisierte dieses Mittel in seiner „Poetik“ und bestand darauf, dass sich die Auflösung einer Geschichte aus der Handlung selbst ergeben sollte. „Bass X Machina“ ersetzt den Gott durch einen Mann und behält die Maschine bei. In dieser Welt ist Bass der Eingriff, der Mechanismus, der auftaucht, um zu lösen, woran alle anderen scheitern.

In manchen Märkten wird der Wortwitz ausdrücklich gemacht. Für das brasilianische Publikum wird die Anspielung im Titel ausgeschrieben; die russische Fassung überträgt das Lateinische beinahe Wort für Wort. Das Wortspiel benennt zugleich das zentrale Risiko der Serie. Ein deus ex machina ist eine Lösung, die von außen aufgezwungen wird, und schon die Inhaltsangabe warnt, dass Bass’ Lösungen ihren Preis haben. Jedes Mal, wenn die Maschine eingreift, um die Familie zu schützen, entfernt sie diese – so legt es die Prämisse nahe – ein Stück weiter von der Sicherheit.

Der Marshal, den der Western außen vor ließ

Reeves wurde in Arkansas in die Sklaverei hineingeboren und floh nach den meisten Darstellungen während des Bürgerkriegs ins Indianerterritorium. Das Land der Creek-, Seminole- und Cherokee-Nationen wurde später Teil Oklahomas; dort lernte er die Sprachen der Menschen. Dieses Wissen machte ihn für das Bundesgericht in Fort Smith wertvoll, das Hilfssheriffs brauchte, die in einem riesigen Gebiet arbeiten konnten, in dem seine Autorität kaum reichte. Rund drei Jahrzehnte lang diente Reeves als stellvertretender US-Marshal und soll Tausende Verhaftungen vorgenommen haben. Am häufigsten greifen seine Biografen auf den Fall zurück, in dem er einen Haftbefehl gegen den eigenen Sohn annahm, der beschuldigt wurde, seine Frau getötet zu haben. Reeves brachte ihn vor Gericht.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Vater aus der Inhaltsangabe, der zum Schutz seiner Familie zum Henker wird und dabei riskiert, sie zu verlieren, weniger wie eine Erfindung als wie eine Umdeutung. Die Serie scheint die härteste Tatsache aus Reeves’ Akte genommen und zum Motor einer Fantasiegeschichte gemacht zu haben – nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

Henry begründet das Projekt mit dem Genre ebenso wie mit dem Mann. „In Western sind wir meistens unsichtbar“, sagte er dem Publikum bei Anime NYC. Was er sich gewünscht habe, beschrieb er als Punkrock-Western. Außerdem hat er wiederholt die von dem Historiker Art T. Burton bekannt gemachte Theorie aufgegriffen, Reeves habe als Vorbild für den Lone Ranger gedient. Dokumentarische Belege, die diese Behauptung abschließend klären, gibt es nicht. Doch dass sie sich so hartnäckig hält, sagt für sich genommen etwas aus: Noch immer wird Reeves an dem berühmtesten maskierten Gesetzeshüter der amerikanischen Populärkultur gemessen.

Reeves auf dem Bildschirm – in vier Richtungen gezogen

„Bass X Machina“ ist nicht der erste Versuch, Reeves auf den Bildschirm zu bringen; auch an den früheren Darstellungen wird die Serie gemessen werden. HBOs „Watchmen“ begann mit einem Stummfilm über ihn, den ein Junge in einem Kino in Tulsa ansieht. Delroy Lindo spielte ihn in „The Harder They Fall“, Jeymes Samuels Western für Netflix, als Marshal an der Seite von Nat Loves Bande. David Oyelowo verkörperte ihn eine ganze Staffel lang in „Lawmen: Bass Reeves“ bei Paramount+ – der werkgetreuesten Adaption, angesiedelt in Fort Smith und rund um dessen Gericht. Jede dieser Darstellungen zog denselben Mann in eine andere Richtung. Thomas und Henry führen ihn am weitesten fort: weg vom Archiv und hinein in ein Genre, in dem sich der Arm eines Mannes zu einer Waffe umbauen lässt.

Thomas hat diesen Schritt schon einmal gemacht. Seine Netflix-Serie „Yasuke“ erzählt von dem afrikanischen Gefolgsmann, der dem Kriegsherrn Oda Nobunaga diente, und versetzt eine der wenigen dokumentierten Schwarzen Persönlichkeiten des feudalen Japans in ein Land voller Mechs und Zauberei. „Bass X Machina“ wendet dieselbe Methode auf eine amerikanische Figur an: auf einen echten Mann, den das kollektive Gedächtnis an den Rand gedrängt hatte und der nun in der Bildsprache des Anime neu geschrieben wird.

Die Produktion greift diese Bildsprache aus verschiedenen Quellen auf. Die Animation übernimmt Studio Mir, das Studio in Seoul hinter „The Legend of Korra“ und Netflix’ „Devil May Cry“. Die Musik stammt von Wondaland, dem von Janelle Monáe gegründeten Künstlerkollektiv; die Originalmusik komponieren Roman GianArthur und Nate Wonder. Bei der Anime-NYC-Podiumsdiskussion wurde außerdem das Titellied „Sand“ vorgestellt, gesungen von Monáe selbst. Henry hat die Serie als Experiment und als Herzensprojekt bezeichnet, das ihn schon lange beschäftigt habe. Außerdem sagte er, er sei eng in die Arbeit an der Sprachregie eingebunden gewesen.

Das ist wichtig, denn beim Sprechen reduziert sich eine Rolle auf Sprache. Henry, der für „Causeway“ für einen Oscar nominiert war und in „Atlanta“ Paper Boi spielte, hat Miles Morales’ Vater bereits in den „Spider-Verse“-Filmen gesprochen. Hier muss seine Darbietung einen Mann zum Leben erwecken, den das Publikum womöglich nur als Randnotiz kennt. Zugleich muss sie dafür sorgen, dass „Kopfgeldjäger“ wie eine bewusste Entscheidung klingt – und nicht wie ein Titel, der ihm einfach zugefallen ist.

Reeves’ eigenes Leben warf die Frage auf, die die Serie nun übernimmt. Ein Gesetzeshüter, der den eigenen Sohn verhaftet, hat bewiesen, dass das Gesetz an erster Stelle steht. Ein Vater, der zum Schutz seiner Familie Richter, Geschworener und Henker wird, ist dagegen darauf angelegt, das Gegenteil zu beweisen. „Bass X Machina“ gibt Reeves die Maschine. Ob die Serie ihn in den Western zurückholen kann, ohne den dokumentierten Menschen gegen einen bequemeren Mythos einzutauschen, ist eine Frage, die die Prämisse aufwirft und die Inhaltsangabe nicht beantworten kann.

Bass X Machina, Netflix animated series
Bass X Machina. Photo: Courtesy of Netflix © 2026

Bass X Machina: Starttermin, Besetzung, Schöpfer und Streaming

„Bass X Machina“ startet am 3. November 2026 weltweit auf Netflix. Ursprünglich war der Serienstart für den 6. Oktober vorgesehen; dann wurde er um einen Monat verschoben. Netflix gab die Verzögerung beim Animationsfestival in Annecy bekannt. Wie viele Folgen es geben wird und wie lang diese sind, hat Netflix noch nicht mitgeteilt. LeSean Thomas hat die Serie entwickelt, Studio Mir übernimmt die Animation. Als Executive Producer sind Brian Tyree Henry, LeSean Thomas, Jennifer Wiley-Moxley und Chad Handley beteiligt. Zum Sprecherensemble gehören Brian Tyree Henry als Bass, Janelle Monáe als Glory, Tati Gabrielle als Dana, Cree Summer als Ahni, Chaske Spencer als Lighthorse, Currie Graham als Rivenbark und Starletta DuPois als Etta.

Beruht „Bass X Machina“ auf einer wahren Geschichte? Nicht im wörtlichen Sinn. Die Hauptfigur ist an Bass Reeves angelehnt, einen echten stellvertretenden US-Marshal, der im Indianerterritorium für das Bundesgericht in Fort Smith tätig war. Der Steampunk-Westen, seine Maschinen und die übernatürlichen Bedrohungen sind jedoch erfunden. Henry hat außerdem gesagt, dass die Serie nie als historisches Drama gedacht war.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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