Filmkritiken

Der Schwan macht Wes Andersons Ordnung zum kalten, präzisen Bild der Grausamkeit

Wes Andersons 17-minütige Roald-Dahl-Adaption von 2023 ist düsterer und knapper als Henry Sugar.
Martha O'Hara
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Der Schwan beginnt mit einer Hetzjagd. Zwei große, dumme Schläger sind hinter einem kleinen, aber klugen Jungen her, und mehr braucht der Film nicht, um seine Lage zu setzen: zwei gegen einen. Roald Dahls Kurzgeschichte von 1977 ist im Kern genau das, eine Verfolgung, die nichts beschönigt. Wes Anderson macht daraus 17 Minuten für Netflix. Die Härte des Stoffs bleibt, nur steckt sie in seinem gewohnten Formenspiel.

Im Mittelpunkt steht Peter Watson, gespielt von Asa Jennings. Klein ist er und brillant, und beides nehmen ihm die beiden Älteren übel. Erzählt wird die Geschichte von Peter als Erwachsenem, den Rupert Friend spricht. Diese Rückschau ist die klügste Entscheidung des Films. Wer von seiner Kindheit berichtet, hat sie überstanden. Das nimmt der Handlung nicht die Bedrohung, legt aber über jede Szene ein Wissen, das der Junge mitten in der Hetzjagd nicht haben kann. Friends ruhiger, beinahe sachlicher Ton passt dazu. Er klingt nicht wie einer, der alte Rechnungen begleicht.

Ralph Fiennes spielt Roald Dahl selbst. Das ist eine typische Anderson-Geste: Der Autor steht neben seinem Stoff und führt ihn vor. Fiennes gibt dem Film Gewicht, ohne sich vorzudrängen. Dazu kommen vier Darsteller in der Rolle von Bühnenarbeitern, nämlich Eliel Ford, Truman Hanks, Benoît Herlin und Octavio Tapia. Ihr Auftritt gehört zum theaterhaften Zugriff, den der Film auf Dahls Geschichte wählt.

Andersons Handschrift ist unübersehbar. Die Bilder sind exakt gerahmt, die Symmetrie ist streng, und in jeder Einstellung spürt man die Planung. Das hat seinen Reiz. Es hat aber auch seinen Preis, denn diese Ordnung hält den Zuschauer auf Abstand. Man bewundert die Komposition, bevor man sich um den Jungen sorgt.

Am deutlichsten wird das in den Verfolgungsszenen, die doch das Herz der Geschichte sind. Sie sehen gut aus, keine Frage. Nach einer Weile erzählen sie aber nichts Neues mehr, sie wiederholen nur die Lage: hier der Junge, dort die Schläger. Bei 17 Minuten fällt das auf. Etwas mehr Zuspitzung oder ein früherer Wendepunkt hätte dem Film gutgetan.

Gewichtiger ist der zweite Einwand. Dahl ist ein Autor mit Biss, bei dem Grausamkeit und schwarzer Humor dicht beieinanderliegen. Anderson bleibt dagegen auffallend höflich. Sein formales Vokabular ist vertraut, und er wagt kaum einen Schritt darüber hinaus. Die Schärfe der Vorlage kommt nur gedämpft an. Ich hätte mir gewünscht, dass die Schläger wirklich bedrohlich werden und der Film wenigstens einmal aus seinem Rahmen fällt.

Von Freiheit, Ausdauer und Glauben ist in manchen Kritiken die Rede. Ich sehe vor allem das Durchhalten: Ein Junge wird gejagt und gibt nicht auf, mehr verlangt der Stoff nicht, und mehr bietet der kurze Film auch nicht an. Die britische Prüfstelle BBFC verweist auf Gewalt, Mobbing und gefährliches Verhalten. Das ist eine nüchterne Erinnerung daran, dass der Film trotz seiner Märchenoptik nichts für Kinder ist.

Der Schwan gehört zu einer Reihe von vier Kurzfilmen nach Erzählungen von Dahl, die im September 2023 auf Netflix erschienen sind. Dass Anderson auch hier nicht von seinem Stil lässt, werfe ich ihm nur halb vor. Die Glätte schützt womöglich vor etwas, das ungefiltert schwer auszuhalten wäre, denn der Film handelt von Mobbing und Angst. Restlos überzeugt hat mich dieses Argument trotzdem nicht.

Am Ende bleibt ein sorgfältig gearbeitetes, klar gebautes Stück, dem die Wut fehlt. Die Stimme des erwachsenen Peter trägt den Film, Jennings gibt ihm ein Gesicht, und Fiennes steht als Dahl am Rand und sieht zu. Ich hätte gern einen Moment erlebt, in dem Anderson die Kontrolle verliert. Er kommt nicht.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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