Filmkritiken

Gift: Andersons schärfstes Seziermesser legt die Hierarchien der Stille vollständig frei

Kurzfilm von Wes Anderson, Netflix 2023, nach Roald Dahl, mit Ben Kingsley, Benedict Cumberbatch und Dev Patel.
Martha O'Hara
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Die Schlange windet sich über Benedict Cumberbatchs Bauch, ihr schuppiges Muster ein Kontrast zu seinem weißen Hemd. Diese Eröffnung von Wes Andersons „Gift“ verspricht Spannung – doch was folgt, ist weniger ein Thriller als eine Studie in Stilisierung, ein Kurzfilm, der sein eigenes Können bewundert, ohne seine Geschichte wirklich ernst zu nehmen.

Anderson inszeniert „Gift“ als Teil einer vierteiligen Kurzfilmsammlung. Die Prämisse ist denkbar schlicht: Eine giftige Schlange hat sich auf den Bauch eines englischen Mannes in Indien gelegt, reglos und bedrohlich, während sein Kollege Woods und der hinzugerufene Arzt Dr. Ganderbai vor der Frage stehen, wie man ein Tier entfernt, das man nicht erschrecken darf. Was in anderen Händen zum Kammerspiel über Nerven und Entscheidungen werden könnte, behandelt Anderson als Anlass für seine vertraute Bildsprache: symmetrische Kompositionen, gedämpfte Farbtöne, eine klinische Stille, die Bedrohung durch Ästhetik ersetzt. Das Ergebnis ist schön anzusehen. Ob es auch berührt, ist eine andere Frage.

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Cumberbatch verkörpert den bedrohten Harry Pope mit jener gedrosselten Anspannung, die er für solche Rollen bereithält – wenig Bewegung, viel Wirkung, ein Gesicht als Thermometer für eine Situation, die er körperlich nicht kontrollieren kann. Dev Patel als Supervisor Woods bringt eine nervöse Energie mit, die gut gegen Ben Kingsleys ruhige Autorität als Dr. Ganderbai funktioniert. Diese zwei Männer, die um ein drittes Leben verhandeln, liefern die stärksten Momente des Films – nicht weil die Dialoge ihnen viel geben, sondern weil die Schauspieler mehr einbringen, als die Szenen verlangen. Ralph Fiennes erscheint in einer Cameo-Rolle als Roald Dahl, kurz und trocken, ein spielerischer Verweis auf die literarische Herkunft des Stoffs.

Der Film bewegt sich zwischen Komödie, Drama und Thriller, ohne sich für eines zu entscheiden. Diese Dreifachzugehörigkeit ist kein Makel, sondern Programm – doch in der Praxis macht sie „Gift“ schwerer fassbar, als es sein müsste. Die komödiantischen Momente funktionieren; der trockene Witz, mit dem die Situation verhandelt wird, hat etwas von Dahl’schem Galgenhumor. Die dramatischen Einlagen wirken dagegen oft aufgesetzt, als hätte der Film nie wirklich entschieden, ob er erschrecken oder amüsieren will. Der Thriller-Anteil – die echte, körperliche Bedrohung – bleibt durch die Stilisierung konstant abgemildert, bis er kaum noch Gewicht hat.

Die Wahl Indiens als Schauplatz lädt zu Deutungen ein, und Anderson nimmt diese Einladung an – aber nur halbherzig. Der Kolonialrahmen ist sichtbar: Der englische Mann liegt hilflos auf fremdem Boden, und ein indischer Arzt muss ihn retten. Das wäre eine lohnende Umkehrung, wenn der Film sie weiterdächte. Wer eigentlich das Gift ist, wer tatsächlich die Kontrolle hat – diese Fragen sind angedeutet, aber Anderson öffnet sie nicht, er nickt ihnen nur zu.

Denn „Gift“ basiert, wie die übrigen drei Kurzfilme der Sammlung, auf Material aus Dahls Werk, und der Vergleich mit dem ebenfalls auf Dahl zurückgehenden „Die wundersame Geschichte des Henry Sugar“ drängt sich auf. Nicht nur wegen der Besetzung mit Cumberbatch und Kingsley, sondern auch wegen der formalen Haltung: Beide Filme nutzen das kurze Format, um eine moralische Aussage zuzuspitzen. Aber während „Henry Sugar“ seine Themen tatsächlich ausleuchtet und verfolgt, streift „Gift“ sie nur und zieht sich dann in die Sicherheit des Rahmens zurück. Im Kontext der Sammlung gilt „Gift“ bei manchen Zuschauern als der thematisch dichteste Beitrag – gerade weil das Konzept des Giftes als soziale Krankheit, nicht nur als Schlangengift, am deutlichsten spürbar ist. Doch genau diese Ambition macht den Mangel an Ausführung umso empfindlicher: Wenn ein Film so klar auf eine Aussage zusteuert und dann davor zurückschreckt, sie auszusprechen, wirkt das weniger wie Zurückhaltung als wie Scheu.

Das ist das eigentliche Problem des Films. Die Metapher des Giftes – als Rassismus, als koloniale Überlegenheit, die eine Situation vergiftet, bevor eine Schlange es tun kann – wird zwar angedeutet, aber nie wirklich ausgearbeitet. Es gibt Augenblicke, in denen diese Lesart aufblitzt, eine Geste, ein Tonfall, ein kurzer Blick zwischen den Figuren. Doch Anderson lässt sie fallen, bevor sie sich entfalten kann. Stattdessen verlässt er sich auf seine Bildästhetik, als könnte die Genauigkeit der Komposition die Unschärfe des Gedankens ersetzen. Das funktioniert hier weniger überzeugend als in seinen stärksten Arbeiten. Die Dialoge sind scharf, gelegentlich witzig, doch sie tragen kaum zur Tiefenentwicklung der Figuren bei. Der Twist am Ende überrascht, ohne wirklich zu sitzen – technisch befriedigend, emotional unterbeschäftigt.

Was bleibt, ist ein Film, der in seinen besten Augenblicken aussieht wie ein bewegtes Gemälde. Die Kameraarbeit ist präzise, die Farbpalette harmonisch, die Komposition durchgehend kontrolliert. Manchmal zu kontrolliert: Die Sterilität der Inszenierung arbeitet gegen die Bedrohlichkeit der Situation. Eine Schlange, die über einen Bauch kriecht, sollte Schweißhände erzeugen. Hier erzeugt sie Bewunderung für die Einstellung, und das ist ein Unterschied, der zählt.

Die Aufnahme des Films war bei Kritikern gespalten, und das zu Recht. Die einen loben Andersons präzise Handschrift, die seinen Filmen sofortige Erkennbarkeit verleiht. Die anderen beklagen, dass der Regisseur sich mehr für das Wie als das Was seiner Geschichte interessiert – ein Vorwurf, der auf viele seiner Arbeiten zutrifft, aber im kurzen Format besonders scharf hervortritt, weil weniger Zeit bleibt, ehe der Stil den Inhalt zu überlagern beginnt. Ein Kritiker beschrieb „Gift“ als „hohl und überstilisiert“, was die Spannung zwischen Form und Inhalt des Films auf den Punkt bringt.

Kingsley gibt dem Film seine ruhigste und überzeugendste Achse. Dr. Ganderbai ist die einzige Figur, die wirklich im Raum zu stehen scheint, statt durch ihn zu posieren. Neben ihm wirken Cumberbatch und Patel manchmal wie präzise aufgestellte Requisiten – gewollt, aber dem Rahmen untergeordnet. Dieser Kontrast zwischen Kingsleys geerdetem Spiel und der umgebenden Stilisierung ist vielleicht die unbeabsichtigt interessanteste Aussage, die „Gift“ macht.

Am Ende bleibt „Gift“ ein Kurzfilm, der durch seine Form mehr besticht als durch seinen Inhalt. Das ist kein vernichtendes Urteil – es gibt schlechtere Möglichkeiten, einen Kurzfilm zu verbringen, als diesem Bildgestalter bei der Arbeit zuzusehen. Aber Anderson hat bewiesen, dass Stil und Substanz sich nicht ausschließen müssen, und an diesem Maßstab gemessen gibt „Gift“ sich mit zu wenig zufrieden.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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