Filmkritiken

Fair Play zeigt, wie Karriere und Stolz eine Beziehung gnadenlos zerreißen

Chloe Domonts Debüt von 2023 ist am stärksten, wenn es leise bleibt.
Martha O'Hara
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Fair Play beginnt und endet, so schreibt es Netflix im eigenen Begleittext zum Film, mit Blut. Dazwischen liegt die Geschichte eines Paares, das sich gerade verlobt hat: Luke (Alden Ehrenreich) macht Emily Meyers (Phoebe Dynevor) auf der Hochzeit seines Bruders einen Antrag, sie zögert einen Moment, dann sagt sie ja. Chloe Domont, die hier ihr Spielfilmdebüt als Regisseurin gibt, braucht danach nur wenige Szenen, um aus dieser Freude Misstrauen zu machen.

Emily und Luke arbeiten als Analysten bei One Crest Capital, einem Hedgefonds in Manhattan, und halten ihre Beziehung vor den Kollegen geheim. Am Tag nach dem Antrag wird ein Portfoliomanager gefeuert. Emily hat gehört, dass man Luke als Nachfolger in Betracht zieht, und die beiden feiern schon einmal. Dann erfährt sie bei einem späten Treffen mit dem Firmenchef Campbell (Eddie Marsan), dass die Stelle an sie geht. Sie sagt es Luke zögernd, und er versichert ihr, er stehe hinter ihr. Das hält nicht lange. Domont zeigt, wie aus einem freundlichen „Ich freue mich für dich“ über Wochen ein Vorwurf wird. Lukes Kränkung tritt zunächst nicht als Bosheit auf, sondern als Fürsorge, und darin liegt die eigentliche Gemeinheit des Films.

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Am genauesten ist Domont dort, wo der Groll als Ratschlag daherkommt. Luke gibt 3.000 Dollar für den Kurs eines Gurus aus, der Menschen beibringt, sich im Beruf durchzusetzen. Als Emily nachfragt, meint er, sie könne selbst etwas mehr Durchsetzungsvermögen gebrauchen. Sie wird sofort defensiv, und das ist Teil der Falle: Wer sich gegen so einen Satz wehrt, bestätigt ihn. Kurz darauf weist Luke ihre Annäherung ab und geht ins Bett. In zwei Handgriffen ist Zuneigung zum Druckmittel geworden.

Dynevor trägt den Film. Sie spielt Emily als jemanden, die ihren Aufstieg ernsthaft will und zugleich merkt, was er kostet. Bei einem Drink mit Campbell und Paul (Rich Sommer), einem leitenden Manager des Fonds, begreift sie, dass Campbell Luke loswerden will, weil er ihn für wirkungslos hält. Sie versucht, sich im Büro stärker für ihn einzusetzen, doch das geht schief: Luke verursacht mit einer Fehlentscheidung 15 Millionen Dollar Verlust, und Campbell beleidigt sie dafür. Um das auszubügeln, steckt Luke ihr eine Insiderinformation über den angeblichen Zusammenbruch einer Firma zu, auf deren Kursverfall der Fonds wetten könnte. Emily schreckt vor dem illegalen Handel zurück und empfiehlt Campbell stattdessen eine andere Firma. Das funktioniert, und sie bekommt einen Scheck über 575.000 Dollar. Statt mit Luke zu feiern, zieht sie mit den männlichen Kollegen in einen Stripclub und kommt betrunken nach Hause. Luke hat nach dem Anblick des Schecks kein Interesse mehr an Sex mit ihr. Dynevor lässt dabei beides sichtbar werden, die Lust dazuzugehören und das schlechte Gewissen.

Ehrenreich hat die undankbarere Aufgabe. Er spielt Luke so, dass man die Kränkung nachvollzieht, lange bevor man sie entschuldigen möchte, und er schützt die Figur dabei nicht vor ihrer eigenen Peinlichkeit. Das zeigt sich schon in der ausgefeilten Treuerede, mit der er Campbell um den Posten bittet: Sie wirkt eingeübt, und sie kommt zu spät, denn Campbell hat längst jemand anderen eingestellt. Am Abend, an dem Emily erfährt, dass ihre Mutter für Freitag eine Überraschungsfeier zur Verlobung geplant hat, wirft ihr der betrunkene Luke vor, ihm den Job gestohlen zu haben. Sie erwidert, Campbell habe ihn ohnehin loswerden wollen, und er stürmt hinaus. Den Tiefpunkt erreicht er einige Tage später im Konferenzraum, in dem Emily, Campbell und Paul gerade ausländischen Investoren etwas vorstellen. Luke platzt betrunken hinein, beschimpft Campbell und macht die Beziehung öffentlich, die gegen die Firmenregeln verstößt. Man will ihn in diesem Moment als Schurken abtun und merkt, wie vertraut jeder einzelne Schritt dorthin war. Das Zuschauen fällt schwer, weil Ehrenreich kein Alibi liefert.

Schwächen hat der Film durchaus. Die Aussage über Geschlechterverhältnisse wird stellenweise zu dick aufgetragen. Der Vorwurf mit dem gestohlenen Job ist dramatisch, aber ein wenig gestellt; hier hätte Domont dem Publikum mehr zutrauen dürfen. Auch die Passagen mit dem Guru wirken mitunter eher wie Karikatur als wie Beobachtung.

Brian McOmber hat die Filmmusik geschrieben. Auf der Songliste des Films steht außerdem Donna Summers „Love to Love You Baby“ in der Langfassung, gleich an erster Stelle. Ein Lied über Begehren am Anfang dieser Liste, bei einem Film, in dem das Begehren zum Machtinstrument wird, ist eine stimmige Wahl.

Fair Play hatte am 20. Januar 2023 beim Sundance Film Festival Premiere, lief ab dem 29. September in ausgewählten Kinos und erschien am 6. Oktober bei Netflix. Rian Johnson war Executive Producer. Eine Besprechung vom 1. Oktober 2023 nennt den Film einen genüsslich reißerischen, edel-trashigen Psychokrieg an der Wall Street. Auf Rotten Tomatoes steht eine Stimme, die Domonts Kontrolle über die Geschichte „unerbittlich und brillant“ findet und der Geschlechterpolitik zugleich Plumpheit und Konstruiertheit vorwirft. Die Besprechung auf rogerebert.com hielt den Film für intensiv bis an die Schmerzgrenze, aber nie für unglaubwürdig. Meine Einschränkung betrifft nur die Momente, in denen der Film erklärt, was seine Szenen längst zeigen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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