Filmkritiken

The Voyeurs legt uns beim Zuschauen bloß — Sweeney macht es unvergesslich

Michael Mohans bewusstes Genre-Throwback funktioniert dank perfekter Atmosphäre und einer überragenden Hauptrolle.
Martha O'Hara
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Die Kamera schwenkt über die gläserne Fassade eines Montrealer Apartments, das sich wie ein offenes Buch präsentiert. Pippa und Thomas haben ihren Traum erfüllt – doch was sie hinter der Scheibe der Nachbarn sehen, wird zum Albtraum.

Michael Mohans The Voyeurs (2021) will das Genre der 90er-Jahre-Erotikthriller aufwärmen – und macht dabei jeden Fehler, den das Genre schon damals definierte. Pippa (Sydney Sweeney), eine angehende Optikerin, und Thomas (Justice Smith), ihr blasser Freund, entdecken, dass ihre neue Wohnung direkt in das Apartment der gegenüberliegenden Nachbarn blickt. Was als harmloses Beobachten beginnt, eskaliert zu einer obsessiven Fixierung – vor allem für Pippa. Das Szenario kennt man; Mohan weiß das und macht trotzdem weiter.

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Sydney Sweeney liefert eine der stärkeren Darstellungen ihrer Karriere, aber selbst ihr Talent kann die schwache Story nicht retten. Ihre Performance ist physisch intensiv: Sie schaut, lacht nervös, wird wütend, schweigt strategisch – und in diesen Momenten des Schweigens ist Sweeney am stärksten. Das Drehbuch lässt sie weitgehend im Stich. Ohne komplexe Figur oder Dialoge mit echtem Gewicht bleibt die Rolle Oberfläche, egal wie sehr die Darstellerin sich dagegen stemmt. Justice Smiths Thomas wirkt dagegen wie ein Statist, dessen einzige dramatische Funktion darin besteht, Pippa zu ermahnen, wenn sie wieder einmal eine Grenze überschreitet.

Die größte Schwäche liegt im Drehbuch. Mohan schreibt und inszeniert im langen Schatten von Rear Window (1954) – und weicht keinem einzigen Klischee aus. Der Plot-Twist um Julias (Natasha Liu Bordizzo) vermeintlichen Selbstmord wirkt wie ein billiger Griff in die Trickkiste, um eine stockende Handlung am Laufen zu halten, statt organisch aus dem Vorausgegangenen zu folgen. Die Auflösung hält genau das, was die Prämisse verspricht: nichts Überraschendes.

Visuell gibt es wenig zu loben. Die Kameraarbeit ist funktional, aber unauffällig. Szenen zwischen Pippa und Thomas wirken oft steif; die Momente der Intimität mit Seb (Ben Hardy) sind übertrieben dramatisiert. Selbst die erotischen Szenen, die eigentlich als Höhepunkte des Films gedacht sind, wirken eher peinlich als verführerisch – zu aufdringlich beleuchtet, zu demonstrativ choreografiert, um zu verführen. Die Montrealer Kulisse, durchaus stimmungsvoll, wird nie als mehr als Hintergrundtapete genutzt.

Wo The Voyeurs trotzdem zieht, ist in seiner unironischen Hingabe an die eigene Absurdität. Mohan inszeniert alles mit einer Ernsthaftigkeit, die den Film unfreiwillig komisch macht. Die Dialoge sind so hölzern, dass sich aus der schieren Dreistigkeit gelegentlich echter Unterhaltungswert ergibt – man schüttelt den Kopf, lacht kurz auf, schaut weiter. Ob das Kalkül oder Versehen ist, weiß vermutlich nur Mohan selbst.

Am Ende bleibt The Voyeurs ein Film, der sich selbst zu ernst nimmt und dabei scheitert, wo es wirklich zählt. Die Spannung wirkt konstruiert, die Figuren bleiben Schablonen, und die Moral, mit der Mohan abzuschließen versucht, hat keine Grundlage, weil keine der Figuren genug Substanz hat, um sie zu tragen.

Für Amazon Studios war der Film trotzdem eine gelungene Wette. Trotz durchwachsener Reaktionen übertraf The Voyeurs die Streaming-Erwartungen spürbar – weniger Beweis für Mohans Geschick als für die Belastbarkeit des Genres. Das Publikum sucht keine Kohärenz, es sucht Dreistigkeit, und die liefert der Film verlässlich.

Was bleibt, ist das Bild einer verpassten Chance. Der Blick durch das Fenster hätte etwas sein können – eine Studie im Voyeurismus selbst, in der stillen Gewalt des Beobachtens, in der Mitschuld des Publikums. Mohan hatte die Prämisse, das Milieu, sogar die Darstellerin dafür. Stattdessen blieb er an der Oberfläche stehen – und lieferte einen Film, der seinen Anspruch nie einlöst.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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