Kino

Aaron Taylor-Johnson: Der Brite, der als Schurke triumphiert

Penelope H. Fritz

Aarons Taylor-Johnsons Karriere wird in der Boulevardpresse oft auf eine schlichte Formel reduziert: britischer Schauspieler, athletische Erscheinung, das richtige Auftreten — zwangsläufig wird er irgendwann James Bond spielen. Die tatsächliche Karriere ist deutlich vielschichtiger. Im selben Jahrzehnt, das ihn zum Dauerkandidaten für 007 gemacht hat, gewann er den Golden Globe als bester Nebendarsteller für die Verkörperung des sadistischen Mörders Ray Marcus in Tom Fords Nocturnal Animals — und lieferte anschließend eine tragende Rolle in Danny Boyles Zombie-Sequel ab, das Kritiker als das stärkste Genrefilm des Jahres feierten.

Taylor-Johnson wuchs in High Wycombe, Buckinghamshire, auf. Sein Vater war Ingenieur; seine Mutter meldete ihn mit sechs Jahren an der Jackie Palmer Stage School an, wo er Schauspiel, Tanz und Gesang studierte. Mit fünfzehn verließ er die Schule, um Vollzeit zu arbeiten. Das war keine Rebellion — der Drehplan ließ einfach keinen Platz mehr für den regulären Schulalltag. Seine frühen Auftritte in internationalen Produktionen zeigten bereits handwerkliches Können, ohne die Persönlichkeit sichtbar zu machen, die später seinen Durchbruch definieren sollte.

Diese Persönlichkeit zeigte sich erstmals in Nowhere Boy (2009), Sam Taylor-Woods Porträt des jungen John Lennon. Taylor-Johnson spielte Lennon mit einer Mischung aus Stille und unterdrückter Gewalt, die weniger Imitation als Charakterstudie war. Der Empire Award für das beste Debüt folgte. Ebenfalls folgte eine Beziehung zur Regisseurin, die 2012 in einer Heirat mündete — beide nahmen den Doppelnamen Taylor-Johnson an. Der Altersunterschied zwischen den beiden wurde und wird in der britischen Boulevardpresse thematisiert; die Betroffenen haben dem nie besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Kick-Ass (2010) von Matthew Vaughn brachte ihm seine erste Hauptrolle in einem Großproduktionen sowie eine BAFTA-Rising-Star-Nominierung. Die Jahre bis 2015 verbrachte er damit, unterschiedlichste Genres und Skalen auszuprobieren: Anna Karenina bei Joe Wright, Godzilla, Avengers: Age of Ultron — als Quicksilver, eine Figur, die noch vor Ende des Films stirbt —, Savages bei Oliver Stone. Die Vielfalt war real, die verbindende Logik dahinter nicht immer erkennbar.

Nocturnal Animals markierte einen entscheidenden Einschnitt. Ford bat Taylor-Johnson, Ray Marcus ohne psychologischen Erklärungsrahmen aufzubauen — eine Figur, die Gewalt ausübt und sich dabei mit einer Gelassenheit rechtfertigt, die verstörender ist als die Taten selbst. Taylor-Johnson hat öffentlich eingeräumt, dass er zunächst Widerstand gegen diese Rolle empfand und wochenlang damit verbrachte, reale Kriminalfälle zu recherchieren, um die Figur bewohnen zu können. Im Januar 2017 erhielt er dafür bei der 74. Golden-Globe-Verleihung den Preis als bester Nebendarsteller.

Die Bond-Erzählung verdient eine genauere Betrachtung, weil sie die tatsächliche Karriere systematisch überschattet. Im November 2022 berichteten britische Medien von einem Treffen zwischen Taylor-Johnson und Produzentin Barbara Broccoli. 2024 kursierten Berichte, er sei bereits als neuer 007 ausgewählt worden. Beides blieb unbestätigt. Inzwischen hat er in Bullet Train von David Leitch mitgespielt, in Danny Boyles 28 Years Later (2025) die Hauptrolle übernommen — das bisher am besten bewertete Werk seiner Karriere mit 92 Prozent auf Rotten Tomatoes — und den Verschwörungsthriller Fuze unter der Regie von David Mackenzie abgedreht. Die Diskrepanz zwischen der medialen Zuschreibung und dem tatsächlichen Schaffen sagt einiges darüber aus, wie britische Schauspieler eines bestimmten Typs von der Industrie betrachtet werden.

Aaron Taylor-Johnson in Kraven the Hunter (2024)

Kraven the Hunter (2024) zeigte die Grenzen des Gegenstrom-Prinzips. Sony setzte auf eine düstere Herkunftsgeschichte für den Marvel-Schurken; Taylor-Johnson brachte dieselbe physische Überzeugungskraft wie stets. Kritiker lobten seine Leistung, der Film floppte an der Kinokasse und beendete die Ambitionen der betreffenden Franchise.

Derzeit liegen drei Projekte unterschiedlichster Art vor: Fuze ist seit Mai 2026 als Video-on-Demand verfügbar. Werwulf, ein Horrorfilm mit Taylor-Johnson in der Titelrolle neben Lily-Rose Depp und Willem Dafoe, ist für den 25. Dezember 2026 bei Focus Features angekündigt. Netflix hat Enigma Variations als Miniserie bestellt — Taylor-Johnsons erste Hauptrolle im amerikanischen Serienformat. Das ist kein Lebenslauf, der auf einen einzigen Anruf wartet.

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