Filmkritiken

Don’t Look Up ist plumpe Satire mit Absicht, und genau das trifft

Adam McKays Kometenkomödie (2021) funktioniert als Klima- und Pandemie-Allegorie.
Martha O'Hara
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Eine Doktorandin der Astronomie an der Michigan State University entdeckt einen bislang unbekannten Kometen. Ihr Doktorvater rechnet nach und kommt auf einen Einschlag in rund sechs Monaten, groß genug für ein weltweites Massensterben. Mit dieser Prämisse beginnt „Don’t Look Up“, und Adam McKay braucht danach nicht lange, um zu zeigen, worum es ihm geht: Die Wahrheit liegt auf dem Tisch, nur will sie niemand hören. Der Guardian beschreibt den Brocken als everestgroß. Die Wissenschaftler tragen ihren Befund ins Weiße Haus und treffen dort auf Apathie, bei Präsidentin Janie Orlean (Meryl Streep) ebenso wie bei ihrem Sohn und Stabschef Jason (Jonah Hill).

McKay hat zuvor mit „The Big Short“ und „Vice“ gezeigt, dass er Komödie und Drama mischen kann, wie ScreenRant festhält. Diesmal hat er sich ein Ensemble zusammengestellt, bei dem schon die Besetzungsliste wie eine Pointe wirkt. Roger Ebert meint, wenn der Film einen Preis verdiene, dann den für Casting-Direktorin Francine Maisler, so viele große, teure Namen stecken in diesem Netflix-Film. Leonardo DiCaprio spielt Dr. Randall Mindy, laut Guardian einen nervösen, bärtigen Astronomen, der menschlichen Kontakt scheut und von Xanax abhängig ist. Variety nennt ihn schlicht „dweeby“, also trottelig. Jennifer Lawrence gibt Kate Dibiasky, die schlaue, emotional gereizte Doktorandin, mit Nasenring und Haaren in der Farbe von Red-Velvet-Kuchen, wie Variety trocken vermerkt. Film Probe stellt sie klar über alle anderen: Sie spiele Kate mit Wärme, Verletzlichkeit und Nahbarkeit und sei die einzige Figur, die sich wirklich echt anfühle. Bei DiCaprio sieht dieselbe Kritik zwar eine starke Leistung, aber auch eine, die von seinen seltsamen, schrulligen Rollenentscheidungen überlagert werde.

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Meryl Streep ist laut Guardian die Pantomimen-Schurkin im Präsidentenamt, und Variety bescheinigt ihr, sie habe sichtlich mehr Spaß als das Publikum. Beides beschreibt die Rolle genau: Streep spielt keine Politikerin, sondern ein Zerrbild, und der Film verlangt von ihr auch nichts anderes. Mark Rylance ist der unheimliche britische Tech-Mogul Sir Peter Isherwell, in dem sich nach Lesart des Guardian die Lähmung durch die Interessen von Big Tech verkörpert. Rob Morgan spielt Dr. Teddy Oglethorpe, den Leiter des Planetary Defense Coordination Office, der die Entdeckung der beiden bestätigt und sie ins Weiße Haus begleitet. Später steht er an ihrer Seite, wenn sie eine Kampagne unter dem Motto „Just Look Up“ organisieren.

Am besten funktioniert der Film dort, wo er die Medien aufspießt. Auf Oglethorpes Drängen hin tragen Dibiasky und Mindy die Nachricht in eine beliebte Morningshow. Die Moderatoren Jack Bremmer (Tyler Perry) und Brie Evantee (Cate Blanchett) behandeln das Ende der Welt als Plauderthema, und Dibiasky verliert die Beherrschung und schimpft, bevor sie geht. Variety zitiert den Rat des Produzenten an die Gäste von „The Daily Rip“: „Keep it light, fun.“ Zwei Wissenschaftlern, die gerade das Ende der Welt melden, so etwas zu sagen: Das ist besser als jede ausgedachte Parodie auf das Fernsehen, weil es kaum übertrieben klingt. Die Reaktion der Öffentlichkeit bleibt gedämpft, und der NASA-Direktor, ein großer Spender der Präsidentin ohne astronomischen Hintergrund, spielt die Warnung herunter. Als dann noch Orleans Affäre mit ihrem Kandidaten für den Obersten Gerichtshof Schlagzeilen macht, ist die Aufmerksamkeit endgültig woanders.

Ob der Film dabei lustig ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Der Guardian nennt McKays Satire „laboured, self-conscious and unrelaxed“ und vergleicht sie mit einem 145-minütigen Saturday-Night-Live-Sketch, dem sowohl die Brillanz von „Succession“ als auch der Ernst fehle, den das Thema verlange. Rotten Tomatoes fasst es ähnlich: Die Pfeile des Films seien zu verstreut, um immer zu treffen, das Ziel kollektiver Verdrängung aber treffe er mitten ins Schwarze. Never Think Impossible wirft dem Film außerdem vor, weder den verspotteten Figuren noch der Wissenschaft wirklich gerecht zu werden. ScreenRant sieht denselben Film völlig anders: Er balanciere seine Themen klug, selbst die komischsten Momente seien von Unbehagen durchzogen, und ein laufender Gag um einen Regierungsvertreter, der über Gratisgeschenke lügt, sei ein Beispiel für die Lacher, die der Film durchaus habe. Ich schlage mich eher auf die Seite derer, die den Ton für überspannt halten. Der Film wiederholt seinen Gedanken, dass die Welt sich lieber ablenken lässt, schon eine Weile bevor er endet, und die Pointen werden mit zunehmender Laufzeit lauter statt schärfer.

Der Komet als Bild ist dagegen nicht das Schwache an diesem Film. Er steht für die Klimakrise, und der Guardian sagt ausdrücklich, die Metapher sei nicht das Problem: Angesichts der Erderwärmung sei es kein weiter Sprung mehr, sie mit einem brennenden Felsbrocken von der Größe des Uluru zu vergleichen, der auf uns zufliegt. Dazu kommt der Eröffnungsakt, den der Guardian als verblüffend und faktenbasiert würdigt: Es ist tatsächlich offizielle US-Politik, heranfliegende Asteroiden mit Raketen abzulenken, wie Werner Herzog in seiner Dokumentation „Fireball“ zeigt. Hier muss McKay nichts zuspitzen, die Wirklichkeit liefert die Pointe schon. Dass der Film außerdem den gesellschaftlichen Umgang mit Wissenschaft in der COVID-19-Pandemie spiegelt, wie Wikipedia und ScreenRant festhalten, gibt der Satire einen zweiten Boden: Sie spielt auf eine Erfahrung an, die sein Publikum gerade selbst gemacht hatte.

Film Probe liefert den ehrlichsten Erfahrungsbericht: Beim ersten Sehen am Neujahrstag fand die Kritikerin oder der Kritiker den Film überheblich und plump, beim zweiten Mal überzeugte er. Dieselbe Kritik räumt aber ein, dass die Ausführung besser sein könnte, und wünscht sich weniger der überstrapazierten Star-Cameos. Timothée Chalamet, anfangs die lächerlichste Besetzung, wurde beim zweiten Sehen sogar sympathisch. Bei mir verläuft es andersherum: Je mehr Prominenz der Film auffährt, desto mehr verliert er von der Schärfe seiner ersten Szenen, und ein zweiter Blick ändert daran wenig.

Die Produktion fiel mitten in die Pandemie. Der Film wurde im November 2019 angekündigt, zunächst für einen Kinostart bei Paramount, dann übernahm Netflix die Rechte. Jennifer Lawrence kam als Erste an Bord, DiCaprio sagte zu, nachdem er mit McKay über Anpassungen am Drehbuch gesprochen hatte. Der für April 2020 in Massachusetts geplante Drehstart verschob sich wegen COVID-19 auf November 2020, im Februar 2021 war der Dreh beendet. Nach einem begrenzten Kinostart am 10. Dezember 2021 lief der Film ab dem 24. Dezember bei Netflix.

Beim Publikum kam der Film an, bei der Kritik deutlich weniger. Donna Lu vom Guardian schreibt, er habe von vielen Filmkritikern einen frostigen Empfang erhalten, bei Klimaaktivisten dagegen großes Lob. Er stellte einen Netflix-Rekord für die meisten Sehstunden in einer Woche auf und wurde binnen 28 Tagen der zweitmeistgesehene Film des Dienstes. Das National Board of Review und das American Film Institute zählten ihn zu den zehn besten Filmen des Jahres 2021. Er bekam vier Oscar-Nominierungen, darunter für den besten Film, vier Golden-Globe-Nominierungen, sechs Nominierungen für den Critics‘ Choice Award und gewann bei den 74. Writers Guild of America Awards den Preis für das beste Originaldrehbuch.

Mein Fazit: Dem Film ist sein Anliegen ernst, und er trifft dort, wo er Fernsehstudio und Regierungsapparat zeigt, als wären sie schon Satire. Aber McKays Hang zum Lautstarken kostet ihn genau die Treffer, die Rotten Tomatoes als zu verstreut beschreibt. Lawrence als einzige Figur, die sich echt anfühlt, und Streep als sichtlich vergnügte Präsidentin sind die Gründe, ihn dennoch zu sehen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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