Kino

Julie Christie: Der Star aus Doktor Schiwago, der lieber Rollen absagte

Penelope H. Fritz
Fügen Sie uns bei Google hinzu
Julie Christie
Julie Christie
Photo: news service / Public domain, via Wikimedia Commons
Geboren14. April 1940
Chabua, Assam, British India
BerufSchauspielerin
Bekannt fürHarry Potter und der Gefangene von Askaban, Troja, Wenn Träume fliegen lernen
AuszeichnungenOscar · 2 BAFTA · Golden Globe · SAG · Genie Award for Best Actress

Sarah Polley brauchte mehrere Monate, um Julie Christie zu überzeugen. Die Schauspielerin mochte das Drehbuch und sagte trotzdem ab, denn das, worum man sie bat, nämlich in einem Film zu spielen, war genau das, was sie ihr halbes Leben lang so selten wie möglich getan hatte. Als sie schließlich zusagte, die an Alzheimer erkrankte Fiona in An ihrer Seite zu spielen, brachte ihr die Rolle einen Golden Globe, einen Preis der Screen Actors Guild und die vierte Oscar-Nominierung ein. Der späte Erfolg erinnerte an etwas, das ihr Ruhm gern verdeckt: Das meistfotografierte englische Gesicht der Sechzigerjahre gehörte einer Frau, die nie sicher war, ob sie diesen Beruf überhaupt wollte.

Dieser Zweifel reicht weit zurück. Christie wuchs auf einer Teeplantage in Assam auf, im Nordosten des damaligen Britisch-Indien, wo ihr Vater das Gut leitete und ihre in Wales geborene Mutter malte. Mit sechs Jahren wurde sie nach England zu einer Pflegemutter geschickt, um Klosterschulen zu besuchen; zwei davon musste sie verlassen, eine nach einem anzüglichen Witz, der sich weiter herumsprach als beabsichtigt. Ein Aufenthalt in Paris brachte ihr fließendes Französisch. Die Londoner Central School of Speech and Drama gab ihr das Handwerk, und nach Engagements am Repertoiretheater in Essex entdeckte sie das Fernsehen in der BBC-Science-Fiction-Serie A for Andromeda.

Ihre Filmkarriere begann mit dem Ausstieg einer anderen. John Schlesinger besetzte sie 1963 in Geliebter Spinner erst, nachdem Topsy Jane abgesprungen war, und gab ihr nur wenige Minuten als Liz, die freigeistige junge Frau, die dem Tagträumer von Tom Courtenay eine Flucht nach London anbietet, die er nicht wagt. Diese Minuten genügten. Zwei Jahre später setzte Schlesinger gegen das Studio, das Shirley MacLaine wollte, Christie als Hauptdarstellerin von Darling durch – ein Model, das sich durch die Londoner Gesellschaft nach oben handelt. Die Rolle brachte ihr den Oscar und den BAFTA als beste Hauptdarstellerin.

Im selben Jahr machte David Lean sie zur Lara in Doktor Schiwago, inflationsbereinigt bis heute einer der kommerziell erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte. Das Magazin Life erklärte 1965 zum Jahr der Julie Christie, und 1967 schrieb Time, ihre Kleidung präge die Mode stärker als die Garderobe der zehn bestangezogenen Frauen zusammen. Für François Truffaut spielte sie in Fahrenheit 451 eine Doppelrolle, für Schlesinger Thomas Hardys Heldin Bathsheba Everdene in Die Herrin von Thornhill. Dann zog sie nach Los Angeles.

Die amerikanischen Jahre brachten ihre beständigsten Arbeiten hervor. In Robert Altmans McCabe & Mrs. Miller spielte sie eine opiumrauchende Bordellbetreiberin, die mehr Geschäftssinn besitzt als der Mann, der sie anheuert, und erhielt ihre zweite Oscar-Nominierung. Joseph Loseys Der Mittler mit Alan Bates gewann den Hauptpreis in Cannes. Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen, in dem sie und Donald Sutherland im winterlichen Venedig um ihre ertrunkene Tochter trauern, wählten 2017 in einer Umfrage von Time Out 150 Schauspieler, Regisseure, Autoren, Produzenten und Kritiker zum besten britischen Film aller Zeiten. Mit Warren Beatty, ihrem Partner bis 1974, drehte sie nach der Trennung noch Shampoo und Der Himmel soll warten.

Das kanonisierte Bild von Christie als goldenem Mädchen des Swinging London greift zu kurz. Pauline Kael schrieb im New Yorker, das Publikum wolle sie eher wegen ihres Aussehens sehen als wegen ihres Spiels, und die Bildmaschinerie des Jahrzehnts förderte diese Lesart. Beatty, der sie besser kannte, beschrieb sie als den schönsten und zugleich nervösesten Menschen, dem er je begegnet sei. Die Nervosität erklärt diese Karriere besser als die Schönheit. Mindestens vier Rollen, die sie ablehnte, brachten den Schauspielerinnen, die sie annahmen, Oscar-Nominierungen ein. Als Karrierestrategie wirkt das wie Verschwendung. Als Entscheidung darüber, wie man leben will, ist es folgerichtig.

1977 kehrte sie nach Großbritannien zurück und lebte auf einem Bauernhof in Wales. Die Filme der folgenden zwei Jahrzehnte waren wenige und bewusst gewählt, darunter Merchant Ivorys Heat and Dust, gedreht im Indien ihrer Kindheit. 1996 spielte sie die Gertrud in Kenneth Branaghs Hamlet, und ein Jahr später brachte ihr Alan Rudolphs Liebesflüstern, in dem sie an der Seite von Nick Nolte eine unglückliche Ehefrau verkörpert, die dritte Oscar-Nominierung. Im selben Jahr verlieh ihr die BAFTA ihre Fellowship, die höchste Auszeichnung der britischen Filmakademie.

Das neue Jahrhundert bot ihr Sichtbarkeit zu ihren eigenen Bedingungen. Sie trat kurz als Madam Rosmerta in Harry Potter und der Gefangene von Askaban auf und spielte in Wenn Träume fliegen lernen die Mutter der Figur von Kate Winslet, was ihr eine BAFTA-Nominierung einbrachte. Dann folgten Polley und An ihrer Seite nach einer Erzählung von Alice Munro, mit Gordon Pinsent als Partner – der Film, in dem ihre Zurückhaltung endlich als Methode erkennbar wurde.

https://www.youtube.com/watch?v=7cQ-yGCyjyM

Ihre letzte Spielfilmrolle übernahm sie in Robert Redfords The Company You Keep – Die Akte Grant, der 2012 herauskam, als ehemalige Radikale, die seit Jahrzehnten im Untergrund lebt. Seitdem sprach sie 2017 die Erzählerin in Isabel Coixets Der Buchladen der Florence Green und trat 2021 im Dokumentarfilm Mothers of the Revolution über das Frauenfriedenscamp von Greenham Common auf, das sie in den Achtzigerjahren unterstützt hatte. 2008 ernannte Survival International, die Organisation für die Rechte indigener Völker, sie zu ihrer ersten Botschafterin.

Christie, geboren am 14. April 1940, hat ihr Privatleben fast immer aus Interviews herausgehalten. Ihr Partner seit 1979 war der Guardian-Gerichtsreporter Duncan Campbell, den sie später heiratete und mit dem sie bis zu seinem Tod im Mai 2025 zusammenlebte. Sie spricht Französisch und Italienisch, isst kein Fleisch und engagiert sich seit Jahrzehnten für Tierschutz und Umwelt.

Eine neue Rolle ist nicht angekündigt, und nichts an ihrem vergangenen Jahrzehnt deutet darauf hin, dass eine kommt. Dieses Schweigen ist der letzte Eintrag in einer folgerichtigen Laufbahn. Wiederaufführungen bringen Darling und Wenn die Gondeln Trauer tragen weiter vor ein Publikum, das lange nach den Dreharbeiten geboren wurde, und es sieht eine Schauspielerin, die in die Kamera blickt, als hätte sie anderswo zu tun. Meistens hatte sie das auch.

Bekannte Filme

Schlagwörter: , , , , ,

Fügen Sie uns bei Google hinzu

Diskussion

Es gibt 0 Kommentare.