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Marcelo Piñeyro: Wie der Regisseur von Kamchatka Argentiniens Kinos füllte und zu Netflix ging

Penelope H. Fritz
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Marcelo Piñeyro
Marcelo Piñeyro
Photo via The Movie Database (TMDB)
Geboren5. März 1953
Buenos Aires, Argentinien
BerufFilmregisseur
Bekannt fürDie Grönholm Methode, Burnt Money – Plata Quemada, Kamchatka
Auszeichnungen3 Goya

Am meisten in Erinnerung geblieben ist den Argentiniern aus dem Kino von Marcelo Piñeyro wohl ein Schrei. Héctor Alterio spielt einen alten Mann, der mit einem jungen Angestellten des Finanzunternehmens, das seine Ersparnisse verschlungen hat, durch Patagonien flieht. Bei Einbruch der Dämmerung ruft er – zuerst ein Schimpfwort – dass es sich lohnt, am Leben zu sein. Die Zeile stand nie im Drehbuch. Piñeyro hatte Alterio gebeten, zum Abschluss einer Probe einfach irgendetwas zu rufen. Er hatte nicht vor, den Ausruf zu verwenden, entschied sich später aber dafür, mit ihm Caballos salvajes enden zu lassen. Dass er dem Zufall und dem Publikum mehr vertraute als seinem Plan, machte ihn zu dem Regisseur, der eine Generation von Argentiniern dazu brachte, für die eigenen Filme Schlange zu stehen. Zugleich bleibt eine merkwürdige Lücke in seiner Laufbahn: Der Filmemacher, dessen Name einst für ausverkaufte Vorstellungen stand, hat seit mehr als einem Jahrzehnt keinen fürs Kino geschriebenen Spielfilm mehr herausgebracht.

Er kam spät zum Regieführen – und über das Produktionsbüro. An der Kunsthochschule der Nationalen Universität La Plata studierte er Film, bis die Militärdiktatur die Einrichtung schloss. Auch die Kurzfilme, die er dort gedreht hatte, gingen mit ihr verloren. Anschließend gründete er mit Luis Puenzo die Produktionsfirma Cinemanía. Bekannt wurde sein Name zunächst als Produzent, mit Die offizielle Geschichte, Puenzo’ Drama über eine Geschichtslehrerin, die zu ahnen beginnt, dass ihre Adoptivtochter einer Gefangenen des Regimes weggenommen wurde.

Piñeyro, geboren am 5. März 1953 in Buenos Aires, erzählte später, die Dreharbeiten hätten Ende Februar 1984 begonnen, wenige Wochen nach der Rückkehr zur Demokratie. Das Team habe trotz Drohungen weitergearbeitet, denn niemand habe geglaubt, dass das demokratische Zeitfenster lange offen bleiben würde. Die offizielle Geschichte, international unter dem englischen Titel The Official Story veröffentlicht, war der erste lateinamerikanische Film, der den Oscar als bester fremdsprachiger Film gewann.

Bis zu seinem ersten eigenen Spielfilm vergingen Jahre voller Anläufe, die im Sande verliefen. Tango feroz: la leyenda de Tanguito, gemeinsam mit Aída Bortnik geschrieben, machte aus dem Leben Tanguitos – eines Songwriters aus den Anfangstagen des argentinischen Rock – eine tragische Liebesgeschichte mit Fernán Mirás und Cecilia Dopazo in den Hauptrollen. Der Film kam im Juni 1993 in die Kinos, in einem schlechten Jahr für die Lichtspielhäuser, und wurde zu einem der großen Kassenerfolge des Jahrzehnts. Für viele Jugendliche im Land war es die erste Begegnung sowohl mit dem nationalen Kino als auch mit argentinischem Rock.

Piñeyro bezeichnete Caballos salvajes und Tango feroz als „apokryphe Autobiografien“: Nichts darin sei ihm selbst widerfahren, sagte er der Zeitung La Nación, doch beide Filme trügen den Geist des Jungen in sich, der er mit siebzehn und zwanzig gewesen sei. Der zweite Film, 1995 erschienen, beginnt als Kriminalgeschichte in Buenos Aires und wird auf den menschenleeren Straßen Patagoniens zum Western. Beim Sundance Film Festival erhielt er eine besondere Erwähnung der Jury. Cenizas del paraíso, sein drittes Drehbuch mit Bortnik, folgte 1997. Der Justizthriller dreht sich um einen Richter, seine Söhne und den Tod einer jungen Frau. Er war in jenem Jahr der erfolgreichste Film Argentiniens und gewann den Goya als bester spanischsprachiger ausländischer Film.

Mit dem Schriftsteller Marcelo Figueras als Co-Autor wurden seine Filme düsterer. Plata quemada, nach Ricardo Piglia’ Roman über einen tatsächlichen Bankraub in den 1960er-Jahren, besetzte Eduardo Noriega und Leonardo Sbaraglia als zwei bewaffnete Männer, die zugleich Liebhaber sind und in einer Wohnung in Montevideo in die Enge getrieben werden. 2001 brachte der Film Piñeyro seinen zweiten Goya als bester spanischsprachiger ausländischer Film ein. Kamchatka mit Ricardo Darín und Cecilia Roth als Eltern, die sich während der Diktatur verstecken müssen, wird aus der Perspektive ihres älteren Sohnes erzählt. Als die argentinische Finanzierung während der Krise von 2001 zusammenbrach, boten die europäischen Koproduzenten an, den Film in Europa zu drehen. Piñeyro und seine Darsteller weigerten sich, einen Film über Widerstand zu machen, während sie selbst auf der Flucht waren. Ein Jahr später wurde er in Argentinien gedreht und als Beitrag des Landes für den Oscar eingereicht.

Als Nächstes ging es nach Spanien. El método, nach Jordi Galcerans Theaterstück El método Grönholm, sperrt sieben Bewerber um eine Führungsposition in einem Bürohochhaus in Madrid ein, während unten auf den Straßen Demonstranten unterwegs sind. 2006 gewann der Film für Piñeyro und seinen Co-Autor Mateo Gil den Goya für das beste adaptierte Drehbuch. Mit Las viudas de los jueves, seiner Verfilmung von Claudia Piñeiros Roman über die Ehemänner einer abgeschotteten Wohnanlage vor den Toren von Buenos Aires, kehrte er 2009 in die Heimat zurück. Ismael mit Mario Casas, Belén Rueda und Sergi López führte ihn 2013 wieder nach Spanien.

Die Legende, die er schuf, hat auch ihre Kritiker – und die lautesten unter ihnen kannten den echten Mann hinter seinem ersten großen Erfolg. Als die Dokumentation Leyenda feroz 2024 zum 30. Jubiläum auf Tango feroz zurückblickte, wollten Javier Martínez, Ricardo Soulé und Litto Nebbia, Musiker aus Tanguitos Umfeld, nicht mitwirken: Sie erkennen darin die wahre Geschichte nicht wieder. Piñeyro erhielt nie die Rechte an Tanguitos eigenen Liedern, darunter „La balsa“, und füllte den Film stattdessen mit anderen Klassikern des argentinischen Rock. Der Kritiker Diego Lerer merkte an, dass die Dokumentation am Ende eine Legende würdige, die inzwischen nicht mehr Tanguito, sondern dem Film gehöre. Das ist die unbequeme Seite von Piñeyros Gabe: Die Emotion wirkt zuerst, die Geschichte muss erst noch nachziehen.

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Sein nächstes großes Publikum fand er im Fernsehen. Die Netflix-Serie El Reino – Dein Reich komme, international unter dem englischen Titel The Kingdom veröffentlicht, entwickelte und schrieb er gemeinsam mit Claudia Piñeiro, die trotz des gleichen Nachnamens nicht mit ihm verwandt ist. Diego Peretti spielt einen evangelikalen Pastor, der bei einer Präsidentschaftswahl als Vizepräsidentschaftskandidat antritt. An seiner Seite sind Mercedes Morán, Chino Darín, Nancy Dupláa und Joaquín Furriel zu sehen. Piñeyro führte bei fünf der acht Folgen der ersten Staffel Regie, die im August 2021 Premiere feierte; die übrigen inszenierte Miguel Cohan. Die Christliche Allianz Evangelischer Kirchen Argentiniens warf den Machern vor, Gläubige als gefährliche Fanatiker darzustellen. Piñeiro entgegnete, die Kampagne gegen die Serie laufe auf einen Zensurversuch hinaus. Die zweite und letzte Staffel erschien im März 2023.

Die jüngsten Arbeiten blicken zurück und zugleich in andere Richtungen. Tango feroz wurde zum Jubiläum restauriert – ganz im Sinne von Piñeyros Gewohnheit, seine älteren Filme wiederherzustellen, weil er, wie er sagte, nicht wolle, dass sie sterben. Im März 2026 feierte La verdadera historia de Ricardo III beim Filmfestival von Málaga Premiere: eine Verfilmung von Calixto Bieitos Inszenierung von Shakespeares Stück am Teatro San Martín in Buenos Aires, gedreht mit mehreren Kameras und Furriel als Richard. Die ersten Vorführungen in Argentinien fanden im April beim BAFICI statt.

Derzeit befinden sich zwei Projekte in Entwicklung. Piñeyro ist Showrunner und Drehbuchautor einer neuen Netflix-Serie, bei der Cohan Regie führen wird. Außerdem hat er gemeinsam mit Figueras den Spielfilm Mientras respiro geschrieben, der, wie er im März sagte, in Mexiko gedreht werden soll. Wenn das Projekt zustande kommt, wird es sein erster fürs Kino geschriebener Film seit Ismael – weit entfernt von den Straßen von Buenos Aires, auf denen ihn sein Publikum einst entdeckte.

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