Filmkritiken

Eternals ist Marvels schönster Fehlgriff: Zhaos Feingefühl erstickt unter zehn Helden

Chloé Zhao, 2021: eine Oscar-Regisseurin im Räderwerk des MCU.
Martha O'Hara
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Eternals setzt im Jahr 5000 v. Chr. ein. Zehn Wesen mit übermenschlichen Kräften schickt der Celestial Arishem auf die Erde, damit sie die Deviants vernichten, jene Raubwesen, die den Menschen nachstellen. Dass ausgerechnet Chloé Zhao diese Mythologie inszeniert, Oscar-Preisträgerin für Nomadland und Chronistin des amerikanischen Westens, klang nach einer reizvollen Paarung. Auf 2 Stunden 37 Minuten Laufzeit geht sie nur zum Teil auf. Der Film verliert Zhaos Handschrift öfter, als er sie nutzt.

Zhao hatte für Marvel-Verhältnisse ungewöhnlich viel Freiheit. Sie durfte das Drehbuch umschreiben und sich an den Filmen von Terrence Malick orientieren. Außerdem sollte sie mehr Drehorte und mehr natürliches Licht einsetzen, als es frühere MCU-Filme getan hatten. Gedreht wurde in den Pinewood Studios sowie an Schauplätzen in England und auf den Kanarischen Inseln. Wie viel von dieser Handschrift auf der Leinwand ankommt, ist die eigentliche Streitfrage. Der Guardian sieht abgesehen von ein paar wehmütigen Aufnahmen im Licht der Abendstunde kaum etwas, das darauf hindeutet, dass sich Zhaos Blick gegen die Konventionen des Genres behaupten konnte. Ihr zartes, auf zerbrechliche menschliche Bindungen gerichtetes Kino werde von der Wucht eines Comicfilms plattgewalzt. Der Hollywood Reporter formuliert freundlicher, meint im Kern aber dasselbe: Der Film wirke in seinen leisen Momenten oft lebendiger als in den ziemlich routinierten Computergefechten. Dem schließe ich mich an. Wo Zhao Figuren einfach nebeneinandersitzen und aufeinander reagieren lässt, spürt man, wofür man sie engagiert hat. Sobald die Handlung den nächsten Kampf ansteuert, tritt ihre Regie hinter die Produktionsmaschinerie zurück.

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Die Gegner tragen dazu wenig bei. Der Guardian beschreibt die Deviants als teils Echse, teils Wut, teils hochfestes Stahlseil. IGN nennt sie große, mürrische Mordmonster mit Tentakeln. Beides trifft zu, und beides erklärt, warum sie nicht haften bleiben: Es sind Angreifer ohne Gesicht und ohne eigene Geschichte, gebaut für die nächste Auseinandersetzung. Die Kämpfe erzählen wenig, was die Dialoge davor nicht schon gesagt hätten.

Das größere Problem ist die schiere Größe des Ensembles. Roger Ebert hält fest, dass der Film gerade wegen der riesigen, vielseitigen Besetzung und des enormen Aufwands an Weltenbau am Ende gehetzt und unbefriedigend wirkt. Auch IGN spricht von einer Mammutaufgabe: Man möge sich vorstellen, den ersten Avengers-Film zu drehen, ohne die Gruppe vorher eingeführt zu haben. Wohlwollend merkt IGN an, Zhao gelinge es über weite Strecken, Temperament und Motivation aller Zehn verständlich zu machen, ohne die Geschichte aufzublähen. Das stimmt für die Grundzüge. Für mehr als die Grundzüge fehlt die Zeit. Der Guardian ordnet die Rollen knapp: Salma Hayek führt als Ajak das Team an, Richard Madden ist als Ikaris der Mächtigste, Angelina Jolie als Thena die fähigste Kämpferin, und die einfühlsame Sersi von Gemma Chan trägt die Geschichte. Kumail Nanjiani macht als Kingo herrlich überdrehten Spaß. Seine Figur versteckt sich als Mitglied einer Bollywood-Schauspielerdynastie über Generationen hinweg auf der Erde und besteht darauf, den Planeten samt Kammerdiener zu retten. Die gehörlose Schauspielerin Lauren Ridloff spielt Makkari, und Brian Tyree Henry verkörpert Phastos, Marvels ersten offen schwulen Superhelden. IGN nennt es die vielfältigste Besetzung der Marvel-Geschichte. Der Guardian hält dagegen, dass alle Mühe um Repräsentation in der Besetzung nichts nütze, wenn das Erzählen selbst mit erzwungenen Rückblenden und synthetischer Rührung enttäuscht. Dieses Urteil teile ich. Die Besetzung ist das Beste am Film, und das Drehbuch lässt sie nicht ausspielen, was sie könnte.

Am meisten Herz hat der Film dort, wo er sich auf Sersi und Ikaris konzentriert. Wie ScreenRant schreibt, ist ihre Beziehung bei Beginn der Gegenwartshandlung schon zerbrochen, und gerade dieses Scheitern gebe der Geschichte Tiefe. Die Anfangsromanze trage größtenteils eine Montage, die eine Hochzeit zeigt und kurz darauf die erste Sexszene der MCU-Geschichte. ScreenRant nennt das aufrichtig süß, wenn auch überhastet. Mich stört die Hast weniger als das, was danach kommt: IGN weist darauf hin, dass schwere Verfehlungen im Verlauf der Handlung rasch vergeben und vergessen werden. Der Gedanke dahinter leuchtet ein, denn nach Jahrhunderten wird Groll langweilig. Er nimmt dem inneren Konflikt der Gruppe aber die Wucht. Ein Streit, aus dem niemand etwas mitnimmt, trägt keine zweieinhalb Stunden.

Auch die Landschaften lösen nicht ganz ein, was sie versprechen. IGN erkennt an, dass die weiten Naturbilder Zhaos Markenzeichen sind, räumt aber ein, dass atemberaubende, jedoch zeitraubende Einstellungen bei einer Geschichte dieses Umfangs zur Pflichtübung werden können. Das deckt sich mit meinem Eindruck. Die Schönheit ist da, doch sie steht oft neben der Handlung statt in ihr. Die Verweise auf Thanos und die Frage, wer die Avengers künftig anführen soll, lenken den Blick zusätzlich vom Eigenen des Films ab. Der Hollywood Reporter zählt die ständigen Querverweise auf Infinity War auf, und IGN notiert die zweimal fallende Bemerkung, das Team sei die ursprünglichen Avengers gewesen. So neu, wie sie sich gibt, ist diese Gruppe also nicht. Die Musik von Ramin Djawadi begleitet das Ganze, ohne dass bei mir ein Thema hängen geblieben wäre, das ich nach dem Kino hätte mitsummen wollen.

Auch die Zahlen und Kritiken zeigen einen gespaltenen Film. Er spielte weltweit 402,1 Millionen Dollar ein und wurde zum ersten MCU-Film ohne überwiegend positive Kritiken. Der Tadel galt vor allem Drehbuch und Tempo, während Themen und Optik teilweise Lob erhielten. So sehe ich ihn auch: ehrgeiziger als der Durchschnitt des Franchise, aber in der Umsetzung unfertig. Der Hollywood Reporter nennt ihn eine seelenvolle Variation einer vertrauten Vorlage, und mehr ist es letztlich nicht. Die Vorlage setzt sich in den entscheidenden Momenten durch. In den stillen Szenen bleibt Zhao die Regisseurin, die man schätzt. In den lauten Szenen ist von ihr wenig zu sehen.

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