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The Only Living Pickpocket in New York gibt John Turturro einen Krimi, in dem kein Blut fließt

Noah Segans zweiter Spielfilm als Regisseur schickt einen analogen Dieb gegen eine Krypto-Wallet ins Rennen
Molly Se-kyung
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Harry Lehman beherrscht ein Handwerk, das niemanden mehr ernährt. Er zieht in der U-Bahn Brieftaschen, und die sind dünn geworden: ein Handy, das sich orten lässt, ein paar Platinkarten, die gesperrt sind, bevor er bei seinem Hehler ankommt. Dann nimmt er aus dem Auto eines reichen Jungen ein kleines Gerät mit, ohne zu wissen, was es ist. Es ist eine Krypto-Wallet, der Junge ist der Erbe einer Verbrecherfamilie, und Harry bleiben ein paar Stunden, um sie zurückzubringen.

John Turturro spielt Harry in The Only Living Pickpocket in New York, geschrieben und inszeniert von Noah Segan, dem Schauspieler, den man vor allem als festes Gesicht in Rian Johnsons Filmen kennt, von Brick bis zur Knives Out-Reihe. Das Gerüst ist reiner Thriller: eine Frist, eine Schuld, eine rachsüchtige Familie. Segans entscheidender Eingriff besteht, so beschreiben es die Kritiker, die den Film gesehen haben, darin, diese Mechanik zu behalten und ihr die Waffe wegzunehmen. Sony Pictures Classics bringt den Film diese Woche landesweit in die US-Kinos.

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Turturro, Buscemi und Esposito als die letzten alten Hasen einer Stadt

Die Besetzung verrät, was für ein Krimi das sein will. Steve Buscemi spielt Ben, den Pfandleiher, der Harrys Beute weiterverkauft. Giancarlo Esposito ist Allan Warren, ein Detective, der Harry gut kennt. Tatiana Maslany spielt Kelly, Harrys entfremdete Tochter, Will Price den jungen Erben Dylan, der sein Eigentum zurückwill. Victoria Moroles ist Eve, Bens Tochter, ein Computertalent, das sich um den Teil der Welt kümmert, den die beiden Alten nicht mehr lesen können. Jamie Lee Curtis hat eine einzige Szene, laut IndieWire als Mafiachefin. Jake Coyle brachte es für die Nachrichtenagentur AP auf den Punkt: „Ein großer Teil der Freude an dem Film besteht darin, so archetypische New Yorker Darsteller auf ihrem eigenen Terrain zu sehen.“

Das ist die These des Ensembles. Schauspieler, deren Karrieren mit der Stadt verwachsen sind, spielen Menschen, die sich diese Stadt nicht mehr leisten können.

Turturro, 69, ist in Hollis im Stadtteil Queens aufgewachsen und lebt bis heute in Park Slope. AP erzählte er, dass er seine Figuren immer aus Menschen baut, denen er begegnet: „Ich befrage viele Leute und nehme mir Dinge von ihnen. Sie wissen, dass ich das tun werde.“ Mit Blick auf die Parallele zu Harry nannte er das lachend ein Vorgehen „wie ein Dieb in der Nacht“. Über das Handwerk sagte er präzise: „Die ganze Kunst besteht darin, dass die Person es nicht merkt.“ Und über die Stadt: „Die Leute schauen dich nicht mehr an.“ Laut IndieWire übte er, indem er Crew und Kollegen bestahl. AP berichtet, die Rolle habe ihm Oscar-Gespräche eingebracht, womöglich die erste Nominierung seiner Laufbahn.

Vom Stammensemble Rian Johnsons auf den Regiestuhl

Segan ist seit zwei Jahrzehnten ein fester Nebendarsteller bei Johnson: Dode in Brick, Kid Blue in Looper, eine Rolle in Star Wars: Die letzten Jedi, Trooper Wagner in Knives Out – Mord ist Familiensache sowie Auftritte in Glass Onion, Wake Up Dead Man und Poker Face. Sein erster Spielfilm als Regisseur, der Vampirfilm Blood Relatives, entstand für Shudder, und er spielte selbst die Hauptrolle. Diesmal bleibt er hinter der Kamera. Johnsons Firma T-Street produzierte zusammen mit MRC, Johnson ist ausführender Produzent. IndieWire spricht von einem Mikrobudget-Film.

Die Entscheidung, die den Film prägt, ist eine Auslassung. „Die mutigste Entscheidung des Films ist vielleicht, was er sich weigert zu zeigen“, schrieb Beandrea July in ihrer Kritik für IndieWire, die mit der Bestnote A endet. „Keine Waffen werden geschwenkt. Keine Leichen stapeln sich. Gewalt existiert als Druck, nicht als Spektakel.“ Sie beschreibt, dass Harry eine Pistole, die er unter seiner Beute findet, in den Müll wirft. Ein Dieb, der sich weigert, bewaffnet zu sein, in einem Genre, das meist mit einem Schuss endet: Genau dort formuliert die Prämisse ihr Argument.

Und dieses Argument handelt vom Wert, nicht vom Verbrechen. Harry arbeitet nach Regeln, schreibt July: nur Analoges, keine Kreditkarten, kein Betrug. Seine Fähigkeit ist nicht verschwunden; die Wirtschaft ist einfach dorthin abgewandert, wo seine Hände nicht hinkommen. Tomris Laffly, die den Film bei Variety als Kritikertipp auswies, beschrieb ihn als Werk, das „leise einer vergangenen Zeit nachtrauert, als das Leben analog war und seine Verbrecher auch“. Die Krypto-Wallet im Zentrum der Handlung ist die reinste Form dieses Problems. Harry kann sie in der Hand halten, aber er kann sie weder öffnen noch bewerten, er weiß nicht einmal, was sie ist.

Was im Lob untergeht

Die Kritiken sind nahezu einhellig. Der Konsens bei Rotten Tomatoes spricht von „einer anmutigen Charakterstudie, die John Turturro eine der besten Rollen seiner Karriere schenkt“, Metacritic weist 81 Punkte aus 16 Kritiken aus. Die Gegenstimme lohnt dennoch die Lektüre. InReview Online nannte den Film „unterhaltsam, aber verzichtbar“ und hielt fest, dass „das Thema keine Wendung kennt“: Die Generationenwitze und Harrys Vorgeschichte seien „aus so vielen anderen Filmen entliehen, dass sie wie ein Nachgedanke wirken“. Selbst July, seine stärkste Fürsprecherin, fand die funkige Filmmusik „womöglich etwas schwerfällig“.

Hinzu kommt eine Grundsatzfrage, die die Prämisse offenlässt. Ein Film, der den verschwindenden Originalen der Stadt nachtrauert, indem er deren berühmteste Charakterdarsteller besetzt, läuft Gefahr, die Nostalgie zum Argument statt zum Gegenstand zu machen. Und die kommerzielle Bewährungsprobe hat gerade erst begonnen: Am ersten erfassten Wochenende spielte der Film auf sechs Leinwänden 138.657 Dollar ein, so Box Office Mojo. Ein sanfter Krimi ohne Schießerei wirkt in Manhattan anders als in einem Multiplex in Arizona.

Stab und Kinostart

John Turturro as the pickpocket Harry Lehman lifting a phone at a bus door in The Only Living Pickpocket in New York (2026)
John Turturro in The Only Living Pickpocket in New York (2026)

Noah Segan schrieb das Drehbuch und führte Regie. Die Kamera führte Sam Levy, den Schnitt besorgte Hilda Rasula, die Musik stammt von Gary Lionelli. Leopold Hughes, Katie McNeill und Ben LeClair produzierten für MRC und T-Street, Johnson, Ram Bergman und Johnny Holland sind ausführende Produzenten. Außerdem spielen Karina Arroyave als Harrys Frau Rosie, Lori Tan Chinn und Kelvin Han Yee mit. Der Film läuft 88 Minuten und ist in den USA mit R eingestuft.

Uraufgeführt wurde er am 27. Januar 2026 in Sundance, seine internationale Premiere feierte er außer Konkurrenz auf der Berlinale, danach folgten Karlovy Vary, Telluride, Toronto und das New York Film Festival. Sony Pictures Classics, das nach Sundance die weltweiten Rechte erwarb, zeigt ihn bereits in New York und Los Angeles und startet ihn am Freitag, dem 30. Oktober 2026, landesweit in den USA. Für Deutschland verzeichnet die Filmdatenbank TMDB einen Kinostart am 19. November 2026. Harrys ganze Kunst besteht darin, nicht aufzufallen; sein Film muss jetzt das Gegenteil schaffen.

Besetzung

Fotos: The Movie Database (TMDB)

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