Kino

Archie Renaux ist in War erstmals der Anwalt, an dem die Moral hängt

Penelope H. Fritz
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Archie Renaux
Archie Renaux
Photo: GabboT / CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Geboren22. November 1997
Kingston upon Thames, London, England
BerufSchauspieler
Bekannt fürAlien: Romulus, The Greatest Beer Run Ever, Morbius

Archie Renaux hat innerhalb weniger Tage zwei Figuren namens Johnny vorgestellt, und die beiden ziehen den britischen Schauspieler in entgegengesetzte Richtungen. In Falling, der in London spielenden Romanze der Brüder James und Colin Krisel, ist er der beste Freund, der sich in die Freundin der von KJ Apa gespielten Hauptfigur verliebt. In War, George Kays Justizdrama für Sky und HBO, spielt er Jonathan „Johnny“ Warren, einen jungen Anwalt, den eine Promi-Scheidung Folge für Folge vor die Frage stellt, wie weit er für einen Sieg gehen würde. Der eine Johnny steht neben der Geschichte. Der andere ist ihre Frage.

Diese Zweiteilung zieht sich durch die bisherige Laufbahn. Ein weltweites Publikum lernte Renaux als Mal Oretsev kennen, den loyalen Waisen und Fährtenleser aus der Netflix-Serie Shadow and Bone – Legenden der Grisha. In den Jahren danach stand er fast immer an der Seite der eigentlichen Hauptfigur: Alien: Romulus gehörte Cailee Spaeny, und in First Class war er der charmante Fremde in der ersten Klasse, der Camila Mendes für ihre Chefin hält. Solide Arbeit, meistens. Selten der Mittelpunkt.

Renaux ist ein Künstlername. Archie James Beale kam am 22. November 1997 in Kingston upon Thames im Südwesten Londons zur Welt und wuchs im benachbarten Tolworth auf, mit zwei Schwestern und einem Bruder, die Familie mütterlicherseits mit anglo-indischen Wurzeln. Die Schauspielerei begann mit Wochenendkursen, doch die Eltern machten ihm unmissverständlich klar, wie unsicher dieser Beruf ist, wie er W Magazine erzählte. Also wählte er zunächst den sicheren Weg: eine Ausbildung zum Klimatechniker in Vollzeit, das Handwerk seines Großvaters. „Erst durch diese Lehre habe ich gemerkt, dass ich nicht glücklich war“, sagte er.

Eine Modelagentur hatte ihn in jenen Kursen entdeckt; Kampagnen für Topman und Moss Bros sowie Auftritte auf der Londoner Men’s Fashion Week finanzierten den Kurswechsel, während er an der Londoner Schauspielschule The Unseen ausgebildet wurde. Das Fernsehen kam schnell. In der BBC-Miniserie Gold Digger spielte er Leo Day, den 25-jährigen Sohn, der noch bei seiner von Julia Ormond gespielten Mutter wohnt und deren deutlich jüngeren neuen Partner nicht ausstehen kann. Dieser Partner war Ben Barnes, mit dem er kurz darauf in einer weit größeren Produktion erneut vor der Kamera stand.

Netflix gab ihn im Oktober 2019 als Teil der Hauptbesetzung von Shadow and Bone – Legenden der Grisha bekannt, der Adaption von Leigh Bardugos Grisha-Romanen; die Serie startete im April 2021. Mal ist der Jugendfreund von Alina Starkov, gespielt von Jessie Mei Li, ein Soldat, der immer wieder eine vom Krieg zerrissene Landkarte durchquert, um zu ihr zu gelangen, während Barnes als dunkler Gegenspieler sie auf die andere Seite zieht. Die Leserschaft der Bücher war über diese Figur seit jeher gespalten, und Renaux wusste das: „Manche Leute hassen meine Figur. Man kann nicht jedermanns Liebling sein.“ Nach zwei Staffeln und sechzehn Folgen setzte Netflix die Serie im November 2023 ab; das geplante Spin-off zu Six of Crows fiel gleich mit.

Das Kino setzte ihn in einem ähnlichen Register ein, mit mehr Abwechslung als Gewicht. In Neil Burgers Voyagers war er Alex, ein junges Besatzungsmitglied auf einem Generationenraumschiff, in Morbius hatte er eine kleine Rolle, und in Lena Dunhams Catherine Called Birdy spielte er Edward, den Mönch und Bruder der von Bella Ramsey verkörperten Titelheldin. In Peter Farrellys The Greatest Beer Run Ever übernahm er die Rolle des realen Soldaten Tommy Collins, den Zac Efrons Figur in Vietnam aufspürt; vor den Dreharbeiten traf er den echten Collins zu einem Einzelgespräch, um dessen Geschichte, wie er sagte, „mit viel Feingefühl“ zu behandeln.

2024 änderte sich die Größe der Rollen. First Class, Carlson Youngs Komödie für Prime Video, gab ihm die männliche Hauptrolle in einer modernen Aschenputtel-Geschichte. Der BBC-Thriller The Jetty von Cat Jones besetzte ihn als Hitch, Polizeikollegen der von Jenna Coleman gespielten Ermittlerin in einem Seestädtchen in Lancashire; die vier Folgen über Grooming und sexuelle Einvernehmlichkeit erreichten im Schnitt mehr als sechs Millionen Zuschauer. Und Fede Álvarez machte ihn in Alien: Romulus zu Tyler, einem von sechs jungen Kolonisten, die eine verlassene Raumstation entern, um Kälteschlafkapseln zu stehlen; der Film spielte weltweit rund 351 Millionen Dollar ein.

Die Bilanz zeigt allerdings auch Grenzen. First Class erhielt höfliche Kritiken, die den Film angenehm und überraschungsarm fanden, eine Rezeption, die ihrem Hauptdarsteller weder nützt noch schadet. Shadow and Bone – Legenden der Grisha endete mitten in Mals Handlungsbogen, und zwar wegen einer Geschäftsentscheidung, nicht wegen eines Urteils über ihn. Vor allem aber waren die Titel mit dem größten Publikum Ensemblearbeiten, in denen seine Aufgabe darin bestand, der ruhende Pol zu sein, während sich eine andere Figur verwandelte. Von einer Obergrenze zu sprechen, wäre unfair. Treffender ist von einer offenen Frage zu sprechen: Kann er eine Geschichte tragen, statt sie für jemand anderen zu stützen?

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War ist der erste ernsthafte Versuch einer Antwort. Die acht Folgen begleiten zwei rivalisierende Londoner Kanzleien, Cathcarts & Sons und Taylor & Byrne, im Streit um die Scheidung eines Tech-Unternehmers, gespielt von Dominic West, und eines Filmstars, gespielt von Sienna Miller; Hauptregisseur ist Ben Taylor. Johnny ist der Zugang des Publikums zu dieser Welt, sein Ehrgeiz damit die Linse, durch die jedes Manöver bewertet wird. Die Serie startete am 1. Oktober 2026 bei HBO und am Folgetag bei Sky und NOW in Großbritannien und Irland, in Deutschland lief sie am 5. Oktober bei Sky Atlantic und WOW an; Sky und HBO haben bereits eine zweite Staffel bestellt.

Falling kam am 9. Oktober über Brainstorm Media in ausgewählte US-Kinos und erscheint am 10. November als Video-on-Demand. Privat haben Renaux und seine Partnerin Annie O’Hara seit Oktober 2020 eine Tochter, im August 2024 gaben sie ihre Verlobung bekannt; er ist Fan des FC Chelsea. Fazit: Über die nächste Phase entscheiden die beiden Johnnys. Hält War sein Publikum, werden die Rollen des besten Freundes zur Wahl statt zum Normalfall, und zum ersten Mal wäre seine Karriere in der Lage, sie abzulehnen.

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