Musik

Teodor Currentzis: Warum der Dirigent Europas Bühnen füllt und trotzdem schweigt

Penelope H. Fritz
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Teodor Currentzis
Teodor Currentzis
Photo: Olya Runyova / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Geboren24. Februar 1972
Athens, Greece
BerufDirigent
AuszeichnungenGolden Mask · ECHO Klassik for the DVD of Purcell's The Indian Queen · Commander of the Order of the Phoenix

Bei Utopia stehen die meisten Musiker. Mitten im Satz verlässt der Dirigent das Podium und geht zu den Streichern; in einem Saal in Hamburg oder Salzburg hört das Publikum Musik, von der es dachte, sie zu kennen, als wäre die Tinte noch feucht. Auf diesem Gefühl hat Θεόδωρος Κουρεντζής seine Karriere aufgebaut. Zugleich ist eine zweite Sache zu einem festen Bestandteil seines öffentlichen Lebens geworden: das Statement, das er nicht abgeben will. Europa engagiert ihn immer wieder, Kritiker nennen seine Lesarten die lebendigsten im Saal, und ein Teil desselben Publikums fragt immer wieder, warum ein Mann, der so frei über Mozart und den Tod spricht, über das Land schweigt, in dem er sich niederzulassen entschied.

Beide Geschichten kreisen um dieselbe Person, und keine hebt die andere auf. Das macht es so schwer, über ihn zu schreiben – und noch schwieriger, ihn zu programmieren.

Musik gehörte in Athen schon zum Alltag, wo seine Mutter Pianistin war. Κουρεντζής, der dort am 24. Februar 1972 geboren wurde, begann mit vier Jahren Klavierunterricht und nahm einige Jahre später die Geige hinzu. Mit zwölf kam er ans Nationale Konservatorium in Athen, mit fünfzehn studierte er Komposition. Mit achtzehn hatte er bereits ein eigenes Kammerorchester zusammengestellt. Der entscheidende Schritt folgte 1994: Ein Stipendium der Onassis-Stiftung führte ihn ans Sankt Petersburger Konservatorium, wo er bei Илья Мусин (Ilya Musin) Dirigieren studierte, dem Lehrer von Валерий Гергиев (Valery Gergiev) und Юрий Темирканов (Yuri Temirkanov), die damals beide bereits über neunzig waren. Κουρεντζής blieb fünf Jahre in dessen Klasse und schließlich in Russland.

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Sein erstes richtiges Versuchslabor war Sibirien. Als Chefdirigent des Nowosibirsker Opern- und Balletttheaters gründete er 2004 musicAeterna, ein Orchester, später ergänzt um einen Chor, dessen Mitglieder aus dem ganzen Land kamen. Er brachte dem Ensemble bei, Barock- und Klassikrepertoire auf Darmsaiten und im historischen Stil zu spielen – zu einer Zeit, als sich nur wenige russische Ensembles dafür interessierten. 2011 nahm er das gesamte Ensemble mit nach Perm, eine Provinzstadt mehr als 1.300 Kilometer östlich von Moskau, wo er die künstlerische Leitung des Opernhauses übernahm. Ab 2012 leitete er außerdem das Diaghilev-Festival der Stadt. Дмитрий Ренанский (Dmitri Renansky), Programmdirektor des Theaters, bezeichnete Perm später als Russlands dritte Musikhauptstadt jener Jahre – eine Behauptung, die keineswegs abwegig war.

In Perm entstanden die Aufnahmen, die ihn auch außerhalb Russlands bekannt machten. Sony Classical nahm ihn 2014 unter Vertrag; den Anfang machten die Mozart-Opern: Le nozze di Figaro und Così fan tutte im selben Jahr, 2016 folgte Don Giovanni. 2015 erschien The Rite of Spring, 2017 Tschaikowskys Sechste Sinfonie. Im Musiktheater war Peter Sellars sein natürlicher Verbündeter: Gemeinsam erarbeiteten sie 2012 Iolanta/Perséphone für das Teatro Real in Madrid und ein Jahr später Purcells The Indian Queen, deren DVD mit einem ECHO Klassik ausgezeichnet wurde. In Russland sammelte er neun Goldene Masken, den nationalen Theaterpreis des Landes. 2014 nahm er außerdem die russische Staatsbürgerschaft an.

Der Westen öffnete ihm rasch eine Tür nach der anderen. 2017 war musicAeterna das erste russische Ensemble, das die Salzburger Festspiele eröffnete. Ein Jahr später folgten das Debüt bei den BBC Proms und die Ernennung zum ersten Chefdirigenten des SWR Symphonieorchesters in Stuttgart. 2019 verließ er das Theater in Perm und machte musicAeterna zu einer unabhängigen Institution mit Sitz im Dom Radio in Sankt Petersburg, die seit diesem Jahr von der staatlichen VTB Bank unterstützt wird.

Mit dieser Förderung beginnt die kritische Betrachtung von Κουρεντζής. Nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 bezog er öffentlich keine Stellung. Im April 2022 sagte das Wiener Konzerthaus ein Benefizkonzert zugunsten hilfsbedürftiger Menschen in der Ukraine ab, bei dem sein Ensemble auftreten sollte – und zwar einen Tag vor dem geplanten Termin. Das Haus forderte die Gruppe auf, eine unabhängige Finanzierung sicherzustellen. Im Juni erklärte Андрей Костин (Andrey Kostin), Chef der VTB, beim Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, Κουρεντζής habe ihn nach der Invasion getroffen und beabsichtige, in Russland zu bleiben. Die Kölner Philharmonie sagte im Januar 2023 ab; ähnliche Entscheidungen fielen in München, Paris und Hamburg. Im Februar 2024 strichen die Wiener Festwochen ihn aus dem Programm, nachdem die ukrainische Dirigentin Оксана Линів (Oksana Lyniv) sich geweigert hatte, das Programm mit ihm zu teilen. An seiner Verteidigung hat sich nichts geändert: Musiker, sagt er, hätten keine Flaggen; in einem Interview mit Der Spiegel beanspruchte er 2025 das Recht zu schweigen. Илья Чахов (Ilja Chakhov), der Manager seines Ensembles, ergänzt, Κουρεντζής sei aus Loyalität gegenüber rund 250 Musikern geblieben. Das Problem ist, dass Schweigen nicht länger neutral wirkt, sobald eine Staatsbank die Miete des Orchesters bezahlt. Seine Unterstützer sehen darin einen Schutz für die Musiker. Seine Kritiker hören darin eine Position – und nichts, was er seither gesagt hat, konnte sie umstimmen.

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Seine praktische Antwort war ein zweites Orchester. Utopia gab im Oktober 2022 erste Konzerte in Luxemburg, Hamburg, Wien und Berlin: mehr als hundert Musiker aus über dreißig Ländern, für jedes Projekt neu zusammengestellt und finanziert durch Ticketeinnahmen und private europäische Förderer. Seit 2023 hat das Ensemble seinen Sitz im Funkhaus Berlin. Die Idee dazu, sagt das Ensemble, gehe auf das Jahr 2018 zurück, also auf die Zeit vor all dem. Im Juni 2024 verließ er den SWR ein Jahr vor Vertragsende; der Sender erklärte, die Entscheidung sei seine eigene und nicht politisch motiviert gewesen. Im selben Jahr gründete er gemeinsam mit Outhere Music sein eigenes Label Theta und eröffnete es mit Bruckners Neunter und Mahlers Dritter.

In diesem Jahr waren beide Seiten seiner Person gleichzeitig in der Öffentlichkeit zu sehen. Im Frühjahr tourte Utopia mit Mahlers Erster Sinfonie und Bergs Violinkonzert, mit Vilde Frang, von Berlin bis Bologna. Bei den Salzburger Festspielen dirigierte er eine neue Carmen-Inszenierung von Gabriela Carrizo aus dem Tanztheaterensemble Peeping Tom, mit Asmik Grigorian und Jonathan Tetelman; zwischen dem 26. Juli und dem 26. August gab es acht Vorstellungen. Die Kritiker stritten über die Choreografie und waren sich über den Orchestergraben weitgehend einig: Dort dehnte und raffte er die Tempi, bis Bizet neu durchdacht klang. Dann kehrte eine ältere Rolle zurück. In DAU, dem Projekt von Илья Хржановский (Ilya Khrzhanovsky), das größtenteils zwischen 2008 und 2011 in einem nachgebauten sowjetischen Forschungsinstitut in Charkiw gedreht wurde, spielt Κουρεντζής den Physiker Лев Ландау (Lev Landau). Am 12. September verlieh das Filmfestival von Venedig Хржановский den Silbernen Löwen für die beste Regie – nach einer Premiere, bei der sich Proteste teilweise gegen die Präsenz von Κουρεντζής richteten.

Im November geht es mit Utopia wieder auf Tour: In Paris steht am 6. November The Rite of Spring zusammen mit Schostakowitschs Erstem Violinkonzert auf dem Programm, am 7. in Baden-Baden, am 9. in München und am 10. in der Berliner Philharmonie. Anschließend reist er erstmals nach Südkorea, sechs Jahre nachdem die Pandemie die ursprünglichen Pläne zunichtegemacht hatte. Am 17. und 18. November stehen zwei Abende in der Lotte Concert Hall in Seoul an, bevor es am 23. November in die Suntory Hall nach Tokio geht. Die Frage, die er nicht beantworten will, wird ihn in jeden dieser Säle begleiten; bislang kommt die einzige Antwort von seinem Orchester.

Bedeutende Aufnahmen

  • Dido & Aeneas (2008)
  • Symphonie no. 14 (2010)
  • Requiem (2011)
  • Piano Concertos / Sonata for Violin and Piano, op. 134 (2012)
  • Le nozze di Figaro (2014)
  • The Sound of Light (2014)
  • Le Sacre du Printemps (2015)
  • Tchaikovsky: Violin Concerto / Stravinsky: Les Noces (2016)
  • Symphony no. 6 “Pathétique” (2017)
  • Symphony no. 6 (2018)
  • Symphony no. 5 (2020)
  • Symphony no. 7 (2021)

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