Filmkritiken

The Deliverance: Lee Daniels‘ Exorzismusfilm für Netflix nach einem echten Spukfall in Indiana

Anna Green
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Andra Day spielt eine Mutter, die gegen ihre Trinksucht, ihre Schulden und einen Dämon im neuen Haus ihrer Kinder kämpft, an ihrer Seite Glenn Close als ihre Mutter – in einem Horrorfilm, der lose auf dem Fall Ammons in Gary, Indiana, basiert und bei Netflix in den USA schon in der ersten Woche Platz eins erreichte.

The Deliverance ist ein US-amerikanischer übernatürlicher Horrorfilm aus dem Jahr 2024, inszeniert von Lee Daniels nach einem Drehbuch von David Coggeshall und Elijah Bynum. Andra Day führt die Besetzung als Ebony Jackson an, neben Glenn Close, Aunjanue Ellis-Taylor, Mo’Nique, Caleb McLaughlin, Demi Singleton, Omar Epps, Tasha Smith und dem jungen Anthony B. Jenkins. Der Film startete am 16. August 2024 in einer begrenzten Zahl amerikanischer Kinos und kam zwei Wochen später, am 30. August, zu Netflix. Er dauert 112 Minuten und ist Daniels‘ erster Horrorfilm, entstanden für den Streamingdienst nach einer Auktion mit sieben Bietern.

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Eine Mutter, drei Kinder und ein neues Haus

Ebony Jackson ist eine alleinerziehende Mutter, die mit ihren drei Kindern in Pittsburgh lebt: Nate, dem Ältesten, gespielt von Caleb McLaughlin; Shante, gespielt von Demi Singleton; und dem Jüngsten, Andre, genannt Dre, gespielt von Anthony B. Jenkins. Die Familie ist gerade zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit umgezogen, und Ebonys Mutter Alberta, gespielt von Glenn Close, ist zu ihnen gezogen. Alberta hat Krebs und ist vor Kurzem zum Christentum konvertiert. Sie weiß nicht, dass ihre Versicherung die Behandlung nicht mehr übernimmt; Ebony bezahlt sie heimlich, ist dadurch mit ihren Rechnungen in Verzug geraten und wird von Inkassofirmen verfolgt.

Ebony trägt auch ihre eigene Vorgeschichte mit sich: ein Vorstrafenregister, zu dem eine Haftstrafe gehört, jahrelangen Alkoholmissbrauch und Episoden, in denen sie ihre Kinder im betrunkenen Zustand geschlagen hat. Diese Vorgeschichte hat die Kinderschutzbehörde auf den Plan gerufen, und eine Sachbearbeiterin, Cynthia Henry, gespielt von Mo’Nique, wurde damit beauftragt, die Familie zu beaufsichtigen. Kurz nach dem Umzug beginnt Dre, mit einer unsichtbaren Präsenz zu sprechen, die er Tre nennt und die seinen Worten nach im Keller und in einem Schlafzimmerschrank wohnt. Im Keller taucht eine tote Katze auf, dazu ein großes Loch im unfertigen Betonboden, und Dre zieht es immer wieder dort hinunter.

Auch die beiden anderen Kinder beginnen, sich seltsam zu verhalten, und alle drei erleiden in der Schule unerklärliche psychiatrische Anfälle, werden ins Krankenhaus gebracht und wieder entlassen, weil die Ärzte nichts feststellen können. Eine Frau, die das Haus aus einem geparkten Auto heraus beobachtet hat, entpuppt sich als Pfingstpastorin: Pastorin Bernice James, gespielt von Aunjanue Ellis-Taylor. Sie erzählt Ebony, dass zwanzig Jahre zuvor eine Mutter, die im selben Haus lebte, ihre Familie und dann sich selbst getötet habe und dass nun ein Dämon hinter den Jacksons her sei. Von da an wendet sich die Geschichte Ebonys Bekehrung zu und jenem Ritus, der dem Film seinen englischen Originaltitel gibt: der Befreiung, auf Englisch deliverance, einem Gebetsritual zur Befreiung von dem Dämon, das im Inneren des Hauses vollzogen wird.

The Deliverance
The Deliverance

Von Gary, Indiana, nach Pittsburgh

Der Film ist vom Spukfall Ammons inspiriert, der auch unter dem Namen Demon House bekannt ist. Im November 2011 zogen Latoya Ammons, ihre Mutter Rosa Campbell und ihre drei Kinder, damals sieben, neun und zwölf Jahre alt, in ein gemietetes Haus in der 3860 Carolina Street in Gary, Indiana. In den folgenden Monaten berichtete die Familie von Fliegenschwärmen, Schritten im Keller, einer Tochter, die über ihr Bett gehoben wurde, und einem Sohn, der quer durch einen Raum geschleudert wurde. 2012 schaltete sich das Indiana Department of Child Services ein, und Zeitungsberichte behaupteten, Mitarbeiter hätten gesehen, wie der jüngste Junge rückwärts eine Wand hinaufging. Ein katholischer Priester, Pfarrer Michael Maginot, führte drei Exorzismen durch, zwei auf Englisch und einen auf Latein, und die Familie zog noch im selben Jahr nach Indianapolis. Landesweit Schlagzeilen machte die Geschichte 2014, nachdem der Indianapolis Star sie veröffentlicht hatte.

Der Fall hatte von Anfang an seine Skeptiker. Der Arzt der Familie, Geoffrey Onyeukwu, vermerkte in seinen Aufzeichnungen Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Der Vermieter, Charles Reed, erklärte, weder er noch die Mieter vor oder nach der Familie Ammons hätten etwas Ungewöhnliches erlebt, und bezeichnete die Vorfälle als Schwindel. Der Ermittler Joe Nickell berichtete, der Junge, der angeblich die Wand hinaufgegangen sei, habe die ganze Zeit über die Hand seiner Großmutter gehalten. 2014 kaufte der Paranormal-Fernsehmoderator Zak Bagans das Haus für 35.000 Dollar, drehte dort einen Dokumentarfilm und ließ es im Januar 2016 abreißen; sein Film Demon House erschien im März 2018.

Lee Daniels hat erklärt, er habe zweimal mit Latoya Ammons telefoniert, Demon House gesehen und die Gerichtsakten gelesen, sich aber dafür entschieden, seine eigene Version zu erzählen statt einer getreuen Rekonstruktion. Die größte Änderung betrifft die Familie: In einem zum Filmstart veröffentlichten Interview erläuterte er, er habe Ebony zur Tochter einer weißen Mutter, Alberta, und damit zu einer Frau gemischter Herkunft gemacht und die Geschichte um die Frage gebaut, wie ein solcher Haushalt aussieht. Außerdem verlegte er die Handlung von Indiana nach Pennsylvania. Daniels, der in West Philadelphia geboren wurde, wollte in seiner Heimatstadt drehen, konnte dort aber die Steuervergünstigung nicht bekommen; das Pittsburgh Film Office machte ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte, und gedreht wurde Mitte 2022 in Pittsburgh. Philadelphia kommt in der Geschichte trotzdem vor: Dort landet die Familie am Ende.

Eine Auktion mit sieben Bietern und die Versöhnung mit Mo’Nique

Verkauft wurde das Projekt im Januar 2022, als Netflix eine Auktion gegen sechs andere Interessenten gewann, darunter Metro-Goldwyn-Mayer und Miramax, mit einem Deal, der Berichten zufolge mehr als 65 Millionen Dollar umfasste, Budget und die Ablösung von Gewinnbeteiligungen inbegriffen; das Nettobudget wurde auf 30 Millionen Dollar geschätzt. Die damals angekündigte Besetzung war nicht die, die schließlich auf der Leinwand zu sehen war. Andra Day, Glenn Close, Caleb McLaughlin und Aunjanue Ellis-Taylor waren von Anfang an dabei, ebenso aber Octavia Spencer und Rob Morgan, und während der Entwicklung lief der Film, wie der Dokumentarfilm, unter dem Titel Demon House.

Im April 2022 ersetzte Mo’Nique Octavia Spencer, und mit dieser Besetzung endete eine der bekanntesten Fehden Hollywoods. Mo’Nique hatte in Daniels‘ erstem Film als Regisseur, Shadowboxer, mitgespielt und 2010 für seinen zweiten, Precious – Das Leben ist kostbar, den Oscar als beste Nebendarstellerin gewonnen. Später sagte sie, sie sei auf eine schwarze Liste gesetzt worden, weil sie sich geweigert habe, zusätzliche Werbung für diesen Film zu machen, und nannte Daniels unter den Verantwortlichen. Anfang April 2022 versöhnten sich die beiden öffentlich, als Daniels bei ihrer Show zum 1. April auftauchte und sich bei ihr entschuldigte, und The Deliverance wurde ihr erster gemeinsamer Film seit Precious.

Die übrige Besetzung wurde im selben Frühjahr und Sommer vervollständigt. Tasha Smith, die bereits bei seiner Fernsehserie Empire mit Daniels zusammengearbeitet hatte, kam im April hinzu, und im Juli komplettierten Omar Epps, Demi Singleton, Miss Lawrence und Anthony B. Jenkins das Ensemble. Mehrere Mitglieder der Besetzung brachten frische Aufmerksamkeit aus der Preissaison mit: Aunjanue Ellis-Taylor war für King Richard (2021) für den Oscar nominiert worden, einen Film, in dem Demi Singleton die junge Serena Williams spielte, und Glenn Close kam mit acht Oscarnominierungen zu dem Projekt, die jüngste davon für Hillbilly-Elegie (2020). Caleb McLaughlin ist vor allem als Lucas Sinclair aus Stranger Things bekannt.

Lee Daniels‘ erster Horrorfilm

Horror ist ein neues Genre für einen Filmemacher, dessen Karriere sich zwischen unabhängigem Drama und dem Fernsehen der großen US-Sender bewegt hat. Daniels begann als Produzent mit Monster’s Ball (2001), für den Halle Berry den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann, und The Woodsman (2004). Als Regisseur ließ er auf Shadowboxer Precious (2009) folgen, der ihm Oscarnominierungen für die beste Regie und den besten Film einbrachte, danach The Paperboy (2012), Der Butler (The Butler, 2013) und The United States vs. Billie Holiday (2021). Dieser letzte Film war zugleich Andra Days Schauspieldebüt: Die R&B-Sängerin gewann den Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in einem Drama und wurde für ihre Darstellung von Billie Holiday für den Oscar nominiert, womit The Deliverance ihre zweite Hauptrolle unter demselben Regisseur ist.

Daniels hat offen über die Kompromisse gesprochen, die ein Horrorfilm für einen Streamingdienst mit sich bringt. Er sagte, er habe das Recht auf den Final Cut, er habe rund zwei Jahre im Schneideraum verbracht, und seine Lieblingsfilme seien Der Exorzist, Rosemary’s Baby und Das Omen. Außerdem erzählte er, Netflix habe immer wieder mehr Spannung verlangt, während für ihn die eigentliche Spannung der Geschichte in der Frage gelegen habe, ob Ebony ihre Kinder wieder schlagen würde, und nicht darin, was im Haus vor sich ging. Das Ergebnis beschrieb er als Kompromiss: Mit seinen Worten sei es „ein Lee-Daniels-Film, aber auch ein Netflix-Film“.

Hinter der Kamera stand Kameramann Eli Arenson, geschnitten wurde der Film von Stan Salfas, die Musik stammt vom spanischen Komponisten Lucas Vidal. Produziert hat ihn Daniels gemeinsam mit Todd Crites, Jackson Nguyen, Tucker Tooley und Pamela Oas Williams, über die Firmen Lee Daniels Entertainment, Tucker Tooley Entertainment und Turn Left Productions.

Eine Spukhausgeschichte mit sozialem Hintergrund

The Deliverance kam in eine Horrorlandschaft, die sich seit 2017 verändert hatte, als Jordan Peeles Get Out den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewann und Horror, der um Rassismus und soziale Klasse kreist, zu einem Angebot für das breite Publikum machte. Daniels‘ Film arbeitet mit dem ältesten Material des Genres, einer Familie, einem Haus und einer Besessenheit, doch das Drehbuch füllt den Hintergrund mit sehr konkreten Problemen: eine Krankenversicherung, die nicht mehr zahlt, Inkassofirmen, eine Mutter mit Hafterfahrung und eine Sachbearbeiterin, die ihr die Kinder wegnehmen kann. Der Exorzismus liegt damit über einer Geschichte, in der es darum geht, ob eine Familie unter behördlicher Aufsicht zusammenbleiben kann.

Vier Wochen in den Netflix-Top-10

Bei Netflix fand der Film schnell ein großes Publikum. Nach den eigenen wöchentlichen Zahlen der Plattform stieg er in seiner ersten Woche auf Platz drei der weltweiten Rangliste englischsprachiger Filme ein, mit 14,5 Millionen Aufrufen nach nur drei Tagen Verfügbarkeit, und war in dieser Woche der meistgesehene Film in den USA. In seiner zweiten Woche kletterte er mit 21,8 Millionen Aufrufen auf Platz zwei, hinter einer anderen Netflix-Eigenproduktion, Rebel Ridge. Er blieb vier Wochen in den weltweiten Top 10, kam insgesamt auf rund 46,4 Millionen Aufrufe und tauchte in den nationalen Ranglisten von 92 Ländern auf.

Auf dem Papier vereint The Deliverance vieles von dem, was das Kino von Lee Daniels ausmacht: eine Familie unter Druck, eine alkoholkranke Mutter, die ohne Beschönigung geschrieben ist, ein Ensemble voller Schauspielerinnen und Schauspieler, mit denen er schon gearbeitet hat, und einen realen Fall, der nach seinen eigenen Anliegen umgeformt wurde. Was der Film nicht leisten kann, ist, die Frage zu klären, die die Geschichte der Familie Ammons seit 2014 begleitet: ob in Gary jemals etwas Übernatürliches geschehen ist. Daniels hat gesagt, er glaube daran, und der Film baut auf dieser Überzeugung auf; der Arzt, der Vermieter und die Skeptiker, die den Fall untersucht haben, sind nie zu demselben Schluss gekommen.

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