Kino

Amy Ryan: Drei Tony-Nominierungen und kaum eine Kinohauptrolle

Penelope H. Fritz
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Amy Ryan
Amy Ryan
Photo: Harald Krichel / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Geboren3. Mai 1968
Flushing, Queens, New York City, United States
BerufSchauspielerin
Bekannt fürBirdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit), Bridge of Spies: Der Unterhändler, Der fremde Sohn
AuszeichnungenNational Board of Review Award for Best Supporting Actress · New York Film Critics Circle Award for Best Supporting Actress · Los Angeles Film Critics Association Award for Best Supporting Actress · SAG (geteilt) · Obie Award for Distinguished Performance by an Actress

Amy Ryan ist im Kino seit Jahrzehnten die Frau neben dem Star, auf der Bühne dagegen die Hauptdarstellerin. Drei Tony-Nominierungen und eine Oscarnominierung stehen in ihrer Bilanz, eine Kinohauptrolle, die ein großes Publikum erreicht hätte, fehlt bis heute. Beim New York Film Festival lobten die Kritiken zu Tom McCarthys A Statement erneut vor allem sie: Ihre Gesundheitswissenschaftlerin, die ohne klare Vorstellung von ihrem Auftrag zu einer Expertenrunde über die Erderwärmung anreist, trägt den emotionalen Höhepunkt des Films – mit Sätzen, die wörtlich aus den historischen Protokollen stammen.

Das Muster hat eine Logik. Zuschauer glauben Ryan vom ersten Bild an, weshalb Regisseure ihr immer wieder die Ehefrau, die Mutter, die ehrliche Kollegin geben. Ihre jüngsten Rollen arbeiten gezielt dagegen an. In der Netflix-Serie The Retrievals spielt sie die Krankenschwester, die Schmerzmittel stahl.

Selbst der Name im Abspann ist geliehen: Die am 3. Mai 1968 geborene Amy Beth Dziewiontkowski wuchs in Flushing im New Yorker Stadtteil Queens auf, in einer Familie mit polnischen, irischen und englischen Wurzeln. Die Mutter Pamela Ryan arbeitete als Krankenschwester, der Vater John Dziewiontkowski führte ein Speditionsunternehmen; mit ihrer Schwester Laura trug sie als Kind die Daily News per Fahrrad aus. Den Mädchennamen der Mutter wählte sie als Künstlernamen, mit 17 schloss sie die New Yorker High School of Performing Arts ab und ging direkt mit Neil Simons Biloxi Blues auf US-Tournee.

Mehr als zehn Jahre lang war das Theater ihr Beruf. Nach dem Off-Broadway-Debüt 1987 in A Shayna Maidel kam sie 1993 als Umbesetzung in Wendy Wassersteins The Sisters Rosensweig an den Broadway. Es folgten zwei Tony-Nominierungen als beste Nebendarstellerin: 2000 als Sonja in Tschechows Onkel Wanja, 2005 als Stella neben John C. Reilly in Endstation Sehnsucht. Das Fernsehen bot ihr in dieser Zeit Gastauftritte in Law & Order und eine feste Rolle in The Naked Truth.

Dann besetzte David Simon sie. In der HBO-Serie The Wire spielte Ryan von 2003 bis zum Serienende 2008 Beadie Russell, eine Beamtin der Hafenpolizei, die einen Container voller toter Frauen öffnet und fast gegen ihren Willen zur anständigsten Polizistin Baltimores wird. Die Rolle prägte das Profil, das Castingabteilungen seither bei ihr suchen: eine berufstätige Frau, der man den Hausschlüssel anvertrauen würde.

Im Kino folgte 2005 Capote, in dem sie Marie Dewey spielte, die Ehefrau des Ermittlers in Kansas, die Truman Capote zum Abendessen einlädt. Zwei Jahre später gab ihr Ben Affleck die Rolle der Helene McCready in Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel: eine Mutter aus Dorchester, deren kleine Tochter verschwunden ist und deren Trauer sich als das Unzuverlässigste im ganzen Haus erweist. Das National Board of Review sowie die Kritikerverbände von New York und Los Angeles zeichneten sie als beste Nebendarstellerin aus; für Oscar, Golden Globe und Screen Actors Guild Award wurde sie nominiert. Im selben Jahr drehte sie mit Sidney Lumet Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead.

Danach wurde es konstant und, genau betrachtet, eng. Ihr größter Fernseherfolg, Holly Flax in The Office, war eine Personalreferentin, die sich als ideale Partnerin für Michael Scott entpuppte; Steve Carells Figur verließ die Serie schließlich, um ihr zu folgen. Im Kino wiederholte sich die Rollenform: Ehefrau von Paul Giamatti in Tom McCarthys Win Win, Ehefrau von Tom Hanks in Steven Spielbergs Bridge of Spies – Der Unterhändler, Exfrau von Michael Keaton in Birdman, dessen Ensemble den Screen Actors Guild Award gewann, und Mutter des drogenabhängigen Sohnes, den Timothée Chalamet in Beautiful Boy spielt.

Das Etikett der verlässlichen Nebendarstellerin verdeckt, wo ihre Hauptrollen tatsächlich stattfanden. Ihre erste Leinwandhauptrolle in Angus MacLachlans ländlichem Drama Abundant Acreage Available brachte ihr in Variety eine Kritik ein, die ihr dieselbe Preisaufmerksamkeit wünschte, die Amy Adams einst für Junebug erhielt; der Film erreichte kaum Zuschauer. Auf der Bühne gewann sie für die Roundabout-Produktion von Love, Love, Love einen Obie Award, und Peter Marks schrieb in der Washington Post einen Satz, der bis heute wie ein Vorwurf an die Branche klingt: „Die Offenbarung ist nicht, dass Amy Ryan gut ist. Sondern dass sie so gut ist.“ Hollywood hat daraus kaum Konsequenzen gezogen. Am nächsten kam der Netflix-Film Lost Girls, in dem sie als Mari Gilbert die Hauptrolle spielte – eine Mutter, die im Fall des Long-Island-Serienmörders nach ihrer Tochter sucht. Wieder eine Mutter.

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Die jüngsten Arbeiten zeigen einen anderen Ausweg: Das vertrauenswürdige Gesicht wird zum gefährlichen. In Only Murders in the Building spielte sie Jan Bellows, die Fagottistin, die Steve Martins Charles verführt und als Mörderin der ersten Staffel entlarvt wird. Ari Aster besetzte sie als erdrückend fürsorgliche Gastgeberin in Beau Is Afraid. In Jon Watts’ Wolfs war sie Margaret, die Bezirksstaatsanwältin von Manhattan, deren Hotelzimmer-Desaster George Clooney und Brad Pitt auf den Plan ruft, und in der Apple-TV+-Serie John Sugar spielte sie Melanie, eine frühere Rocksängerin, deren verschwundene Stieftochter den Detektiv von Colin Farrell in Bewegung setzt.

Die größte Bewährungsprobe kam im Februar 2024 am Broadway. Als Tyne Daly ins Krankenhaus musste und aus der Roundabout-Neuinszenierung von John Patrick Shanleys Doubt ausstieg, übernahm Ryan die Rolle der Schwester Aloysius an der Seite von Liev Schreiber. Die Vorstellungen endeten im April und brachten ihr die dritte Tony-Nominierung, die erste in der Kategorie Hauptdarstellerin.

A Statement feierte am 3. Oktober 2026 in der Sektion Spotlight Gala des New York Film Festival Premiere; Sony Pictures Classics plant den US-Kinostart noch in diesem Jahr. Der Film nach Nathaniel Richs Buch Losing Earth bringt sie fünfzehn Jahre nach Win Win wieder mit McCarthy und Giamatti zusammen, im Ensemble mit Paul Rudd, Evan Peters, John Turturro und Tatiana Maslany. Ryan spielt Annemarie Crocetti, die Außenseiterin einer Klimakonferenz in Florida im Jahr 1980.

The Retrievals, im September angekündigt, ist Molly Smith Metzlers dritte Serie für Netflix und basiert auf Susan Burtons mit dem Peabody Award ausgezeichnetem Podcast der New York Times über die Kinderwunschklinik in Yale, in der Frauen die Eizellentnahme ohne wirksame Narkose ertragen mussten. Ryan spielt Carla Russo, eine erfahrene Krankenschwester, die sich schuldig bekennt, Fentanyl abgezweigt und mit Kochsalzlösung gestreckt zu haben; Emilia Jones spielt eine der Patientinnen, die Yale verklagen. Einen Starttermin hat Netflix noch nicht genannt.

Ryan ist seit 2011 mit dem Comedy-Autor Eric Slovin verheiratet; das Paar hat eine 2009 geborene Tochter. Die Tochter einer Krankenschwester aus Queens spielt nun die Krankenschwester, die ihre Patientinnen verriet. Die Besetzung funktioniert aus demselben Grund wie immer: Das Publikum wird ihr glauben, lange bevor es Anlass zum Zweifel hat.

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